Mein Dancesoap-Tagebuch, Teil I: Minutemade-Fieber – ich bin ganz heiß!

Minutemade Act One, Uraufführung, Teil I  Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 5.  März 2026

Inszenierte Körper inklusive Gesicht. Dann Rosenstrauß

Minutemade Act One
Uraufführung

Choreografie Panzetti / Ticconi I Ella Rothschild I Dorotea Saykaly I Anne Jung

Ballettcompagnie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 5.  März 2026

von Frank Heublein

Meine Dancesoap Vorfreude dauert sechs Wochen. Da beginnt der Kartenvorverkauf, denn ich gehe nicht alleine. Ist damit drei Mal so lang wie mein Minutemade Fieber. Das dauert von Act One bis Act Three zwei Wochen. The heat is on! Wie ein, zwei Schmetterlinge im Bauch.

Minutemade ist eine Idee von Karl Alfred Schreiner, dem Ballettdirektor des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München. Jede Künstlerin, jeder Künstler hat genau eine Woche Zeit, um seine Choreografie von fünfzehn bis fünfunddreißig Minuten zu entwickeln. Das letzte Bild der vorherigen Choreografie ist das erste der folgenden. Also je zwei Choreografien in dieser Spielzeit an drei aufeinanderfolgenden Donnerstagen.

Choreografie Panzetti / Ticconi. Yunju Lee, Micaela Romano Serrano © Marie-Laure Briane

Liebes Dancesoap Tagebuch: Das ist der erste der drei Donnerstage.

Nebel. Stille. Leere. Nichts. So lassen Ginevra Panzetti und Enrico Ticconi ihr Stück beginnen. Dann ein verwirrter schwankender Mensch. Er fällt. Sogleich bricht eine Horde Tänzerinnen und Tänzer brüllend schreiend durch den Vorhang, der die Bühne an der einen Seite des Quadrats abschließt, an dem kein Publikum sitzt. Dazu harte laute Beats. In dieser Choreografie ist die Mimik Bestandteil des inszenierten Körpers. Manchmal glaube ich mich in einer Fanschlacht zwischen gewaltbereiten Ultras zu befinden, manchmal knackt knisternd ein Lagerfeuer durch die Boxen. Ich wundere mich: warum macht das Stück einen so aggressiven Eindruck auf mich, wo es doch viele Stellen gibt, in denen sich die Tänzer und Tänzerinnen in Slow Motion die immergleiche Abfolge des Bewegungsmusters ausführen?

Choreografie Ella Rothschild. Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Das Übergangsbild ist eine Ritterpuppe. Choreografin Ella Rothschild lässt einen Tänzer diese in eine Beerdigungsszene mit Leiche im Tuch umwandeln. Dann leiert er eine Grabrede herunter. Neben ihm singt eine Tänzerin Somewhere over the rainbow und lässt ihre halblangen blonden Haare am Ventilator horizontal wehen. Beide versuchen sich gegenseitig zu übertönen. Das Ensemble betritt die Szene mit pinken Plastikrosensträußen. Die werden gewitzt eingesetzt.

Ein Bild erinnert mich an ein koreanisches Trauerzimmer. Bild, hier Tänzerinnengesicht blumenumflort. Zu Schubertklängen auf einem Flügel live gespielt tanzt die Trauergemeinde andächtig und elegisch. Die Sträuße verlängern die Arme. Sie verleihen den Bewegungen einen besonderen Charme. Und verstärken Eleganz und Anmut. Schön! Die dritte Leiche-im-Tuch wird lebendig. Wird zur Braut. Der Gatte lässt sein Gesicht auf ihren Kopf sinken. Das Schlussbild. Mein erster Gedanke. Ganz schön schwierig, dieser Anschluss. Zu meiner Rechten sitzen die Choreografen und Choreografinnen des ersten und des zweiten Abends. Großer Applaus für die drei des ersten Abends. Dorotea Saykaly spürt nochmal nach bei Ella Rothschild neben sich. Hat sie schon eine Idee für „ihre“ Produktionswoche?

Frank Heublein, 6. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Dancesoap-Tagebuch Teil II erscheint am Samstag, 14. März 2026, bei klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

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