Interview mit dem Regisseur Maximilian Berling: „Anna Bolena ist ein wahnsinnig spannendes Stück – ein vertonter Politthriller“

Stückeinführung mit Regisseur Maximilian Berling

Ganz neu: Als besonderen Service bieten wir Ihnen Stückeinführungen zu den Premieren des Gärtnerplatztheaters München. Den Anfang macht die Oper Anna Bolena von Gaetano Donizetti. Die Premiere am Freitag, 4. Dezember 2020, wird um 19 Uhr auf der Website vom Gärtnerplatztheater gestreamt.

Darum geht es: König Heinrich VIII. hat eine neue Mätresse, Jane Seymour, die Kammerzofe seiner zweiten Gattin Anna Bolena. Nun versucht er, seine Gemahlin des Betrugs zu überführen, um sie loszuwerden. Die Intrige des Königs gelingt und Anna wird hingerichtet.

Der Regisseur Maximilian Berling hatte noch kurz vor der Premiere Zeit für ein Gespräch mit mir.

von Barbara Hauter

Klassik begeistert: Was erwartet uns bei der Premiere am Freitag?

Maximilian Berling: „Anna Bolena“ ist ein wahnsinnig spannendes Stück, es ist eigentlich ein vertonter Politthriller. Ein Stück über Intrigen am Königshof, Liebe, Macht, Eifersucht, das auch mit dem Tod endet. Das Ganze passiert in einem halbszenischen Format, es ist also keine reine konzertante Aufführung. Das Orchester sitzt im Graben, aber auf der Bühne sind Chor und Solisten mit den Noten, die Solisten tragen Kostüme und die Interaktion zwischen ihnen ist inszeniert. Wir haben für die Figuren viel psychologisch gearbeitet. „Interview Regisseur Maximilian Berling, Anna Bolena
Staatstheater am Gärtnerplatz“
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Interview mit Anthony Bramall: „Wenn kein Publikum da ist, fehlt uns die Reaktion – das ist wie ein Witz, den man allein im Wald erzählt“

„Mein Wunsch ist daher, wenn wir wieder auf haben: Kommen Sie in Strömen. Haben Sie keine Angst. Theater ist einer der sichersten Orte, an denen man überhaupt sein kann.“

Gespräch mit Anthony Bramall, Chefdirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz, München

von Barbara Hauter, München

Theater suchen verzweifelt nach Wegen, wie sie trotz der Corona-Beschränkungen ihre Stücke auf die Bühne bringen können. Es wird gestreamt und gemäß Hygiene-Vorgaben umarrangiert. Anthony Bramall (geboren 1957 in London als Sohn einer Wienerin und eines Engländers), seit 2017 Chef-Dirigent des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, hat mir Einblick in seine Arbeit in diesen besonderen Zeiten gegeben.

Klassik-begeistert: Herr Bramall, wie geht es Ihnen mit der Situation im Moment?

Anthony Bramall: Unsere Situation ist eine Herausforderung. Aber es ist schön, wenn wir Sachen machen wie unseren „Hänsel und Gretel“ Live Stream am letzten Wochenende. Wir hatten ein Neuarrangement wegen der Kontaktbeschränkungen. Es kam wahnsinnig gut an. Wir hatten über 10 000 Klicks und ganz tolle Reaktionen von unserem Online-Publikum. Und auch die 50 hausinternen Zuschauer, die im Publikum sitzen durften, waren hellauf begeistert. Wenn wir sehen können, dass wir etwas künstlerisch Wertvolles machen können trotz Beschränkungen, dann ist das sehr befriedigend. „Interview mit Anthony Bramall
Staatstheater am Gärtnerplatztheater“
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Interview mit dem Gärtnerplatztheater-Chef: „Ohne Kunst und Kultur entwickeln wir uns zu einer Barbarengesellschaft“

„Aber egal was wir tun, wie gut unsere Hygienekonzepte sind, wir werden ja eh zugemacht. Das stinkt mir. Es geht um Wertschätzung. Das fordere ich ein. Ich erwarte einen Kampf der Kulturminister. Sie müssen aufs Volk hören, das in die Oper will.“

exklusiv von Barbara Hauter, Journalistin, München

Fotos: Christian POGO Zach (c)

Ich bin wütend. Wenn ich Eyeliner und Spitzenunterwäsche kaufe, ist das systemrelevant. Und daher erlaubt. Meinen Verstand mit der Oper „Die Kluge“ und mein Herz mit einem Ballett wie „Undine“ zu füttern, gilt als irrelevanter Freizeitspaß und ist daher unmöglich. Mein Lieblingstheater, das Haus am Münchner Gärtnerplatz, muss geschlossen bleiben. Dabei hat es nachweislich noch keine Infektion in einem Spielhaus gegeben. Zu gut sind die Sicherheitsvorkehrungen in den Theatern. Im Gärtnerplatztheater saßen wir  – mit Maske natürlich – so isoliert und von der Lüftungsanlage mit Frischluft umweht, dass ich mich erheblich sicherer fühlte als in der U6. Wenn ich schon so wütend bin – wie muss es da dem Intendanten des Gärtnerplatztheaters gehen? Josef Ernst Köpplinger, seit Spielzeit 2012/13 Staatsintendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz, München hatte Zeit für ein Gespräch mit mir. „Interview: Josef E. Köpplinger, Staatsintendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz, München weiterlesen

"Eugen Onegin" in München: Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche – die Musik; die Inszenierung ist bieder

Staatstheater am Gärtnerplatz, München, Premiere, 8. Oktober 2020
Peter I. Tschaikowsky, Eugen Onegin

Fotos: © Christian POGO Zach

Libretto von Peter I. Tschaikowsky und Konstantin S. Schilowsky
Nach dem Versroman von Alexander Puschkin
Aktuell in der reduzierten Orchesterfassung von Pjotr Alexandrowitsch Klimow, entstanden im Auftrag des Staatstheaters am Gärtnerplatz

von Barbara Hauter

Schöne Stimmen, aber eine langweilige Inszenierung. Wer sich nicht durch eine interpretationsstarke Regieidee von der Musik Tschaikowskys ablenken lassen will, der ist beim neuen „Eugen Onegin“ im Münchner Gärtnerplatztheater genau richtig.

Auf der Bühne passiert nicht viel. Regisseur Ben Baur, der auch das Bühnenbild verantwortet, belässt die Oper im 19. Jahrhundert. Raumhohe Lamellenfenster bilden einen Bogen über die Bühne, deuten die Fensterfront einer hochherrschaftlichen Villa an. Ein Vorhang, der ständig auf- und zugezogen wird, schafft intimere Räume wie Tatjanas Schlafzimmer. Das ist schon alles. „Peter I. Tschaikowsky, Eugen Onegin
Staatstheater am Gärtnerplatz, München, Premiere, 8. Oktober 2020“
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Gewalt ist der neue Sex: „Salome tanz“ als interaktives Tanzdrama

Foto: © Marie-Laure Briane

„Die Botschaft haben die zum Teil sehr jungen Zuschauer sofort begriffen. Meine begeisterte Sitznachbarin fragt, warum das Stück nicht heißt: ‚Super-Mario tanzt.‘ Zuschauer erreicht, würde ich sagen. Salome ist in der Gegenwart angekommen.“

Gärtnerplatztheater München, 3. März 2020

Salome tanz (Uraufführung), Ballett von Eyal Dadon

von Barbara Hauter

Der israelische Choreograph Eyal Dadon liebt Videospiele. Und war fasziniert von Oscar Wildes Einakter Salome. Die Story erschien ihm als ein wahrer Plot für ein Computergame. Das ist die Vorgeschichte für sein Debüt als Choreograph im Münchner Gärtnerplatztheater, für das er mit diesen Bausteinen das moderne Ballett „Salome tanz“ inszeniert hat. „Salome tanz, Eyal Dadon, Uraufführung,
Gärtnerplatztheater München, 28. Februar 2020“
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"La Bohème": High Life im Münchner Gärtnerplatztheater

Foto: © Marie-Laure Briane
Staatstheater am Gärtnerplatz, 
2. Januar 2020
Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo Maria Puccini, La Bohème

von Stefanie Schlatt

Arm aber sexy: Unter diesem Slogan, mit dem vor einigen Jahren der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit seiner Stadt das Image eines charmanten Taugenichts verpasste, inszeniert der Regisseur Bernd Mottl seit März 2019 am Münchner Gärtnerplatztheater den Puccini-Klassiker La Bohème.

Und tatsächlich wird man schon beim Betreten des Theatersaals mit dem Shabby Chic der deutschen Hauptstadt konfrontiert. Der offene Bühnenvorhang gibt den Blick auf eine schwarz-weißbekritzelte Wand frei, die an typische Berliner Hinterhöfe erinnert – ein wirkungsvoller Kontrast zum pittoresken Ambiente des Gärtnerplatztheaters in der bayerischen Landeshauptstadt. Ein schöner Clash von Städteklischees. „Giacomo Puccini, La Bohème,
Staatstheater am Gärtnerplatz, 2. Januar 2020“
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Faschistoider Albtraum in Schwarz: Das Münchner Gärtnerplatztheater inszeniert die „Tosca“ als düsteren Politthriller

Foto: © Christian POGO Zach

Staatstheater am Gärtnerplatz München
14. November 2019

Giacomo Puccini, Tosca (Premiere)

von Barbara Hauter

Dunkles Diven Drama. So passend bewirbt das Gärtnerplatztheater seine neueste Produktion. Bühne, Kostüme, Requisite, alles ist in tiefstes Schwarz getaucht, bedrohlicher Nebel wallt, nur wenige Lichtakzente beleuchten die grausame Geschichte von der Operndiva Tosca, ihrem Malerfreund Mario Cavaradossi und ihrem Widersacher, dem Polizeichef Baron Scarpia.

Sie spielt am 17. und 18. Juni 1800 in Rom, einer politisch spannenden Zeit. Die Stadt ist im Umbruch, die von der französischen Revolution inspirierten republikanischen Kräfte kämpfen gegen die alte Monarchie. Zwischen diese Fronten geraten die Liebenden Tosca und Mario in ein tödliches Spiel um Liebe, Eifersucht, Machtmissbrauch, Folter und Mord. „Giacomo Puccini, Tosca,
Staatstheater am Gärtnerplatz, 14. November 2019“
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Unzählige Kanäle kämpfen um unsere Aufmerksamkeit: Händels Messias als Nummernrevue in München

Ich  habe schon lange ein Problem mit einer bestimmten Art von Regietheater. Vor allem, wenn energisch gekürzt, umformuliert, dazugeschrieben wird. Da kann ich auch mal renitent werden wie ein Hardcore-Wagnerianer.

Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 13. Oktober 2019
Georg Friedrich Händel, Der Messias

„Besonders aber lasst genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So dass die Menge staunend gaffen kann,
Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seid ein vielgeliebter Mann.
Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!“
Goethe, Faust, Vorspiel auf dem Theater

von Gabriele Lange

Je nach Perspektive kann man einen solchen Abend in München ganz unterschiedlich erleben. Für den geschätzten Kollegen Frank Heublein war die Inszenierung eine spannende Erfahrung – für mich als auf die Musik fokussierte Händel-Begeisterte eher eine schmerzvolle. Und das weckte meinen Hang zum Sarkasmus.

Am besten gebe ich es gleich zu: Manchmal bin ich ganz schön konservativ. Wenn es um Kunstwerke geht, die mir etwas bedeuten, neige ich zum Purismus. Deshalb habe ich schon lange ein Problem mit einer bestimmten Art von Regietheater. Vor allem, wenn energisch gekürzt, umformuliert, dazugeschrieben wird. Da kann ich auch mal renitent werden wie ein Hardcore-Wagnerianer.

Darf der das? Doch, klar… „Georg Friedrich Händel, Der Messias,
Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 13. Oktober 2019“
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Händels Oratorium "Der Messias" in München: Neu und aufgeladen, denn er wird inszeniert!

Foto: © Marie-Laure Briane
Das Konzept der künstlerischen Fusion vom gespielt-gesprochen-getanztem Oratorium geht für mich auf. Das ist spannend und erfüllend, ich entdecke – auch mich selbst – ein kleines Stückchen neu. Was wollte ich von Kunst mehr erwarten? Jetzt habe ich eine Vorstellung – erlebt!

Gärtnerplatztheater München, 10. Oktober 2019 (Premiere)
Georg Friedrich Händel, Der Messias

von Frank Heublein

Ich hatte keine Vorstellung von dem, was mich da erwartete. Keine Vorstellung von der Vorstellung zu haben: finde ich gut. Ich erhalte mir dadurch einen offenen Blick, ein offenes Ohr. Durchdacht, gekonnt ist dieses Unterfangen. Sein Schluss begeistert mich zutiefst.

Wenn bei einer Vorstellung, noch dazu einer Premiere, der Intendant vor Beginn der Vorstellung erscheint, ist das ein schlechtes Zeichen. Tenor Alexandros Tsilogiannis hat keine Stimme, spielt jedoch. Die Stimme leiht ihm aus dem Orchestergraben Caspar Singh vom Opernstudio der Bayerischen Staatsoper „nebenan“. Für Tsilogiannis persönlich ist das schade, als Zuseher und Zuhörer finde ich persönlich: die beiden haben die schwierige Situation hervorragend gemeistert! „Georg Friedrich Händel, Der Messias,
Gärtnerplatztheater München, 10. Oktober 2019 (Premiere)“
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Leider langweilig: "Atlantis" fließt am Publikum vorüber

Foto: © Marie-Laure Briane

Atlantis – Ein Expeditionsballett

mit Musik von Pēteris Vasks, Fredrik Gran, Fazil Say, Elena Kats-Chernin, Brett Dean, Erkki-Sven Tüür

Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Julia Müer, Heiko Pfützner
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Video: Meike Ebert
Dramaturgie: David Treffinger

Dirigent: Michael Brandstätter

Ein Wissenschaftler: Luca Seixas
Eine Atlantikerin: Isabella Pirondi
Projektleiter: Thomas Martino

Ensemble: Alessio Attanasio, Özkan Ayik, Guido Badalamenti, Rita Barão Soares, David Cahier, Anna Calvo, Marta Jaén, Rodrigo Juez Moral, Mikayla Lambert, Amelie Lambrichts, James Nix, Ariane Roustan, Verónica Segovia, Javier Ubell, David Valencia, Lieke Vanbiervliet, Chiara Viscido

Klavier: Oleg Ptashnikov

Gärtnerplatztheater München, 12. Juni 2019
(Uraufführung am 7. Juni 2019)

von Barbara Hauter

Was hätte das für ein Abend werden können. Allein der Titel „Atlantis“ verspricht, in eine andere, bessere Welt entführt zu werden. Das Thema ist zudem hochaktuell: Fremdartigkeit und Fremdsein, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und der gegenseitige Umgang miteinander. Doch das Ballett von Karl Alfred Schreiner, vor wenigen Tagen in München uraufgeführt, fließt an mir vorbei, ohne eine Emotion oder einen tieferen Gedanken in mir zu wecken. Liebes Gärtnerplatztheater, ich liebe Euch sehr, aber das war leider langweilig. „Karl Alfred Schreiner, Atlantis – Ein Expeditionsballett,
Staatstheater am Gärtnerplatz“
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