Leider langweilig: "Atlantis" fließt am Publikum vorüber

Foto: © Marie-Laure Briane

Atlantis – Ein Expeditionsballett

mit Musik von Pēteris Vasks, Fredrik Gran, Fazil Say, Elena Kats-Chernin, Brett Dean, Erkki-Sven Tüür

Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühne: Julia Müer, Heiko Pfützner
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Licht: Michael Heidinger
Video: Meike Ebert
Dramaturgie: David Treffinger

Dirigent: Michael Brandstätter

Ein Wissenschaftler: Luca Seixas
Eine Atlantikerin: Isabella Pirondi
Projektleiter: Thomas Martino

Ensemble: Alessio Attanasio, Özkan Ayik, Guido Badalamenti, Rita Barão Soares, David Cahier, Anna Calvo, Marta Jaén, Rodrigo Juez Moral, Mikayla Lambert, Amelie Lambrichts, James Nix, Ariane Roustan, Verónica Segovia, Javier Ubell, David Valencia, Lieke Vanbiervliet, Chiara Viscido

Klavier: Oleg Ptashnikov

Gärtnerplatztheater München, 12. Juni 2019
(Uraufführung am 7. Juni 2019)

von Barbara Hauter

Was hätte das für ein Abend werden können. Allein der Titel „Atlantis“ verspricht, in eine andere, bessere Welt entführt zu werden. Das Thema ist zudem hochaktuell: Fremdartigkeit und Fremdsein, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und der gegenseitige Umgang miteinander. Doch das Ballett von Karl Alfred Schreiner, vor wenigen Tagen in München uraufgeführt, fließt an mir vorbei, ohne eine Emotion oder einen tieferen Gedanken in mir zu wecken. Liebes Gärtnerplatztheater, ich liebe Euch sehr, aber das war leider langweilig. „Karl Alfred Schreiner, Atlantis – Ein Expeditionsballett,
Staatstheater am Gärtnerplatz“
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Premiere – "La Bohème" in München:
Unterhaltsam, aber nicht seelenvoll

Foto: © Marie-Laure Briane
Staatstheater am Gärtnerplatz
, München
Giacomo Puccini, La Bohème, Premiere am 28. März 2019
Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
Nach »Scènes de la vie de bohème« von Henri Murger

von Barbara Hauter

Die Bohème der Postmoderne sind materiell gesättigte Kids, die in schicken Altbauwohnungen mit subkulturell anmutendem Graffiti-Design an den Wänden ein hedonistisches Künstlerdasein leben. Lässig-alternative Urbanität, grell inszeniert von Regisseur Bernd Mottl. „Giacomo Puccini, La Bohème, Staatstheater am Gärtnerplatz, München, Premiere am 28. März 2019“ weiterlesen

"Drei Männer im Schnee":
Gute Laune garantiert im Gärtnerplatztheater

Foto: © Christian POGO Zach
Auftragswerk des Staatstheaters am Gärtnerplatz, 28. Februar 2019
Drei Männer im Schnee, Revueoperette
von Thomas Pigor nach dem Roman von Erich Kästner
Musik von Konrad Koselleck, Christoph Israel, Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor
Orchestrierung von Konrad Koselleck
Kreative Mitentwicklung: Michael Alexander Rinz

von Barbara Hauter

Mehr Retro geht nicht: Eine turbulente Verwechslungskomödie von Erich Kästner aus dem Jahr 1934 als Vorlage, eine fesche Optik wie aus einem alten UFA-Film, schmissige Musiknummern im Stil der 1930er-Jahre – die Revueoperette „Drei Männer im Schnee“ beamt uns munter zurück in die Zeit von Marlene Dietrich und Louis Armstrong. Dass es nicht staubt vor lauter Nostalgie, sondern wunderbar ins Jahr 2019 passt, das liegt am zeitgemäßen Umgang mit Stoff und Musik. „Drei Männer im Schnee, Revueoperette,
Staatstheater am Gärtnerplatz, 28. Februar 2019“
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„Romeo und Julia“ ist eine Zumutung – und das ist gut so!

Foto: © Marie-Laure Briane
Staatstheater am Gärtnerplatz, München
Choreografische Uraufführung am
22. November 2018
Romeo und Julia

Musik von Sergej Prokofjew
Ballett von Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir
nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare
– Altersempfehlung ab 17 Jahren –

von Barbara Hauter

„Romeo und Julia“ ist eine Zumutung. Und das ist gut so.

Noch nie hat mich ein Tanztheater so abgestoßen, fasziniert und durcheinandergebracht. Ich wollte zwischendurch einfach nur nach Haus, war aber völlig gefesselt vom Bühnengeschehen. Hoch her ging es mit meinen Emotionen in den zwei Aufführungsstunden. Was hat das Gärtnerplatztheater nur mit Romeo und Julia gemacht, mit der berühmtesten Story über die eine große Liebe? „Sergej Prokofjew, Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir, Romeo und Julia, Ballett,
Staatstheater am Gärtnerplatz, München“
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Staatstheater am Gärtnerplatz, München: Zuckersüße Walzerseligkeit

Foto: © Christian POGO Zach
Staatstheater am Gärtnerplatz, München
Spielzeitpremiere,
9. November 2018
Wiener Blut, Operette
Musik von Johann Strauß (Sohn)
Für die Bühne bearbeitet von Adolf Müller jun.
Libretto von Viktor Léon und Leo Stein

von Barbara Hauter

Wer bei dieser Inszenierung des Gärtnerplatztheaters nicht in Champagnerlaune kommt, ist selber schuld. Der Lebenssaft des Gärtnerplatztheaters sprudelt bei Wiener Blut besonders temperamentvoll. Da kommt auch das Blut der Zuschauer in Wallungen. Man amüsiert sich prächtig. Und es macht auch den Sängern und Musikern Spaß. Das hört man.

Zwei Engel, ein bayrischer und ein österreichischer, eröffnen den Liebesreigen –  ganz herzallerliebst mit blonden Locken und in Lederhosen. Zuckerwatte-Wölkchen schweben am Theaterhimmel. Das Portal auf der Drehbühne, das verziert mit Gustav Klimtschen Bildmaterial mal zur Villa, mit Riesen-Trauben mal zum Heurigen wird, könnte direkt von Sacher stammen. „Wiener Blut, Operette, Johann Strauß (Sohn),
Staatstheater am Gärtnerplatz, München“
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Frust statt Lust im Gärtnerplatztheater: Don Giovanni hat genug vom Sex und von der Welt

Foto: Camille Schnoor, Mathias Hausmann© Thomas Dashuber
Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 28.Oktober 2018
Wolfgang Amadeus Mozart,
Don Giovanni 
(Spielzeitpremiere)

von Barbara Hauter

Don Giovanni zählt neben Faust und Don Quijote zu den bedeutendsten Figuren der europäischen Kulturgeschichte: er ist der Mythos des Verführers, ein Sexbesessener mit über 1000 Eroberungen allein in Spanien. Traditionell wird er auf der Bühne dämonisiert, abgestraft und der Hölle übergeben. Was passiert mit Don Juan in säkularisierten Zeiten, in denen Sex allgegenwärtig ist und nackte Brüste keinen mehr aufregen? Das Gärtnerplatztheater inszeniert den Wüstling als von der Welt angeekelten Lebemann, den Partys langweilen und Nackte anöden. Selbst die Jagd auf Frauen gibt ihm keinen Thrill mehr. Konsequenterweise verschlingt ihn nicht der Höllenschlund, sondern er gibt sich selbst die Kugel. „Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni,
Staatstheater am Gärtnerplatz, München“
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Standing Ovations und leere Plätze: „Gefährliche Liebschaften“ spalten das Publikum

Fotos: © Thomas Dashuber
Gefährliche Liebschaften, Musical, Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 17. Oktober 2018

Musik von Marc Schubring
Buch und Liedtexte von Wolfgang Adenberg 
Nach dem Roman von Choderlos de Laclos

von Barbara Hauter

Auftragswerk des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Fünffach ausgezeichnet mit dem Deutschen Musical Theater Preis 2015 in den Kategorien »Bestes Musical«, »Beste Komposition«, »Bestes Kostümbild«, »Beste Musikalische Gestaltung« und »Beste Darstellerin« (Julia Klotz).
Uraufführung am 22.02.2015 im Cuvilliéstheater
Spielzeitpremiere, 17.10.2018, Staatstheater am Gärtnerplatz, München

Wenn eine viel gelobte und preisgekrönte Produktion wiederaufgenommen wird, sind die Erwartungen beim Publikum hoch. Das Musical „Gefährliche Liebschaften“, eigens für das Gärtnerplatztheater entwickelt, war 2015 ein voller Erfolg. Über die Spielzeitpremiere 2018 – im Wesentlichen mit dem gleichen Team wie 2015 besetzt – sind sich die Zuschauer uneinig. Die Meinungen reichen von „Fantastisch, mal eine ganz andere Musik“  bis „Alles ganz gut, aber ein bisschen langweilig“. An den Leistungen von Sängern und Musikern liegt es nicht, daran gibt es nichts zu meckern. Auch die Regieideen sind spannend, und die Ausstattung ist hübsch anzusehen. Doch die im ersten Akt phasenweise vor sich hin plätschernde Musik sorgt dafür, dass sich das Stück langatmig anfühlt. „Gefährliche Liebschaften, Musical, Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 17. Oktober 2018“ weiterlesen

Gottfried von Einems "Dantons Tod" in München: Mut wird belohnt

Foto: © Christian POGO Zach
Gärtnerplatztheater München, Premiere,
11. Oktober 2018
Gottfried von Einem, Dantons Tod

Libretto frei nach Georg Büchner eingerichtet von Boris Blacher und Gottfried von Einem

von Barbara Hauter

Das Gärtnerplatztheater traut sich was. Die Volksoper, die für „Die lustige Witwe“ und „Das weiße Rössl“ steht, bringt zum 100. Geburtstag Gottfried von Einems dessen Oper „Dantons Tod“ auf die Bühne. Und die ist das Gegenteil von leichter Kost: eine verstörende, grausame Revolutionsgeschichte mit lauter moderner Musik. Das Publikum verträgt die Zumutung nicht nur, sie findet sie richtig gut. Die Premiere wird mit Bravi belohnt. Kein Wunder, denn das Stück, das mehr Musikdrama als klassische Oper ist, wirkt erschreckend aktuell. Und ist auch ganz bewusst so inszeniert. Das  geht unter die Haut. „Gottfried von Einem, Dantons Tod,
Gärtnerplatztheater München, Premiere, 11. Oktober 2018“
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Beschwingt-traditionell mit moderner Note
Ein braver Tanz auf dem Vulkan

Foto © Marie-Laure Briane
Die lustige Witwe, Operette in drei Akten
Libretto von Victor Léon und Leo Stein
Musik von Franz Lehár, Spielzeitpremiere
Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 29. September 2018

Von Barbara Hauter

Seit über 100 Jahren wird die „Lustige Witwe“ im Münchner Gärtnerplatztheater gespielt. Intendant Josef E. Köpplinger liefert mit seiner Interpretation die  – seit 1906 – zwölfte Witwen-Inszenierung des Hauses. Das Gärtnerplatztheater ist eine Volksoper, dessen Publikum sich vor allem einen schönen Abend machen will und unbeschwert entlassen werden möchte. Und diese Aufgabe gelingt der Regiearbeit: die Kostüme – prächtige Glitzerroben mit voluminösen Colliers für die Damen und Frack mit Lackschuhen für die Herren – kommen gut an.  Die fetzigen Ballettszenen und vor allem die beschwingten, mitreißenden Mitsumm-Melodien des solide spielenden Orchesters liefern den ersehnten Theaterzauber. „Franz Lehár, Die lustige Witwe, Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 29. September 2018“ weiterlesen

"La Strada": Dreiecksgeschichte im Staatstheater am Gärtnerplatz – dieses Ballett lässt keinen kalt

Foto: Marie-Laure Briane (c)
Staatstheater am Gärtnerplatz, München,
23. September 2018
La Strada, Ballett
von Marco Goecke nach dem gleichnamigen Film von Federico Fellini
Buch von Federico Fellini und Tullio Pinelli
Musik von Nino Rota

von Barbara Hauter

Ein Körper wie Michelangelos David. Die Hände riesenhafte Pranken, zum Zerreißen gespannte Armmuskeln. Zampanó, der kettensprengende Schausteller, ist geballte Männlichkeit. Özkan Ayik tanzt ihn ausdrucksstark. Doch seine Bewegungen irritieren: Der Muskelbepackte zuckt, scheint wie gefangen in seinem riesenhaften Körper, hebt seine Arme wie ein Ertrinkender. Eine Dreiecksgeschichte entspinnt sich zwischen ihm, dem Mädchen Gelsomina (Verónica Segovia) und  Matto, dem Seiltänzer (Javier Ubell).

Neben dem brutalen Kerl verschwindet das Mädchen fast, tanzt ebenso zuckend, hektisch mit den Händen gestikulierend. Als würden Chiffren in den Raum geschrieben. Nur der Seiltänzer bewegt sich im klassischen Sinne tanzend, fliegt in großen Sprüngen leichtfüßig über die Bühne. Doch er ist dabei fast flüchtig. Auch er irritiert.  Allen fehlt Verbindung – zu sich selbst, zu einander und zum Boden. „La Strada, Ballett,
Staatstheater am Gärtnerplatz, München“
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