Das Gärtnerplatztheater präsentiert „Hoffmanns Erzählungen“ als nebelig-sphärisches Gesamtkunstwerk

Hoffmanns Erzählungen, Musik von Jacques Offenbach,  Staatstheater am Gärtnerplatz, Premiere A am 27. Januar 2022

Fotos: Copyright: Marie-Laure Briane

Staatstheater am Gärtnerplatz, Premiere A am 27. Januar 2022

Hoffmanns Erzählungen
Musik von Jacques Offenbach
Libretto von Jules Barbier nach dem gleichnamigen Drama von Jules Barbier und Michel Carré

Münchner Fassung nach der quellenkritischen Neuausgabe von Fritz Oeser

Deutsch von Gerhard Schwalbe
In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz

von Dr. Petra Spelzhaus

Schon beim Betreten des Theaters am Gärtnerplatz fühlt es sich anders an als mittlerweile gewohnt. Man ist wieder unter Menschen. Der Zuschauerraum ist zur Hälfte gefüllt, als sich der Vorhang hebt und den Blick auf lauter weiß leuchtende gläserne Vitrinen freigibt. Die Schriftzüge an den Exponaten kommen einem bekannt vor, erinnern sie doch an die Werke E. T. A. Hoffmanns, dem Dichter, Musiker und Maler, der ein Leben zwischen Richteramt und der Kunst lebte und dessen Todestag sich 2022 zum 200. Mal jährt.

Copyright: Marie-Laure Briane

Die Vitrinen wandern über die Drehbühne, bevor die Hebebühne Luthers dunklen Keller freigibt. Hoffmann unterhält – stets begleitet von seiner Muse alias Niklas – seine Kultur- und Zechkumpanen schwungvoll mit dem Lied von Kleinzack. Sein Gesang schweift liebestoll ab zur Operndiva Stella, die gerade in Mozarts „Don Giovanni“ auftritt. Stella hatte Hoffmann per Brief zu einem Rendezvous eingeladen, das Schriftstück wurde jedoch von Hoffmanns Widersacher Lindorf abgefangen. Im Alkoholrausch erkennt der Dichter Stella als Quintessenz dreier ehemaliger Amouren: der Puppe Olympia, der Sängerin Antonia und der Kurtisane Giulietta. Die drei Damen entstammen den E.T.A. Hoffmann-Geschichten „Der Sandmann“, „Rat Krespel“ und „Die Abenteuer der Silvesternacht“ und werden auf der Bühne in den passenden Vitrinen präsentiert.

Copyright: Marie-Laure Briane

Im Akt der Puppe Olympia, der „Tochter“ seines Physikprofessors Spalanzani, verguckt sich Hoffmann, geblendet durch eine rosarote Brille, in den Automaten. Acht Olympias mit roten Haaren, Schuhen, Handschuhen und Netzkleidern singen und bewegen sich mechanisch in ihren Schaukästen. Es fällt gar nicht so leicht, die Sängerin Ilia Staple unter ihnen auszumachen. Die Koloraturarie „Les oiseaux dans la charmille“ („Die Vögel im Laubengang“) wird mit einigen schrill-gepressten Höhen interpretiert, durchaus passend zu einer Maschine. Coppelius, der um seinen Lohn gebrachte Konstrukteur der Puppenaugen, zerstört vor den Augen Hoffmanns den Automaten.

Mit der zweiten Geliebten Antonia hat Hoffmann nicht mehr Glück. Die sangesbegabte Tochter des Geigenbauers Crespel – wunderbar interpretiert vom männlich markanten Bass Sava Vemić, Typ „Moses“ – leidet an derselben seltenen durch Gesang verursachten Krankheit, die bereits ihre Mutter, eine Opernsängerin, dahingerafft hatte. Trotz anders lautenden Beteuerungen singt sich die von Jennifer O’Loughlin überzeugend dargestellte Antonia in den Tod, angetrieben von den Intrigen des finsteren Dr. Mirakel und der Vision ihrer Mutter. In diesem Akt wird den großen verstorbenen Operndiven wie Maria Callas, Jessye Norman oder Montserrat Caballé gehuldigt. Sie bewegen sich geisterhaft in den wie Glassärge anmutenden Schaukästen. Antonia reiht sich ein und steigt in die ihr zugedachte Vitrine.

Copyright: Marie-Laure Briane

Der vierte Akt ist der venezianischen Kurtisane Giulietta gewidmet. Hoffmann trifft sie im Hause seines Rivalen Schlemihl, in dem Luxus, Erotik und Glücksspiel herrschen. Die Drehbühne und nummerierten Vitrinen bilden ein überdimensioniertes Glücksrad. Der berühmte Gassenhauer „Barcarole“ wird berührend von Niklas (Anna-Katharina Tonauer besticht durch ihren samtig-emotionalen Mezzosopran) und Giulietta mit überdimensioniertem Pfauen-Kopfschmuck interpretiert. Der obskure Dapertutto (Übersetzung aus dem Italienischen passenderweise „Überall“) macht die Kurtisane zur Komplizin, die Hoffmann für einen Diamanten das Spiegelbild abluchst. Nichts ist es mit der Liebe, und überflüssigerweise hat Hoffmann auch noch Schlemihl im Duell getötet.

Dapertutto wird wie die übrigen Bösewichte Lindorf, Coppelius und Dr. Mirakel beeindruckend von Mathias Hausmann dargestellt mit warmem, beweglichem kraftvollem Bariton. Camille Schnoor interpretiert Giulietta furios als Femme fatale mit Dramatik in Stimme und Schauspiel, voller Energie und sicher in den Höhen. Brava!

Der Star des Abends aber ist der Protagonist höchstpersönlich. Der kürzlich zum Bayerischen Kammersänger gekürte Lucian Krasznec stellt ihn nicht dar, nein, er ist Hoffmann mit Haut und Haaren. Sein strahlender Tenor leuchtet, ist voller Leidenschaft und zeigt über die gesamte Spieldauer keinerlei Schwächen.

Das von Anthony Bramall stilsicher geleitete Orchester bildet mit den Sängern eine Einheit und unterstreicht die Inszenierung perfekt.

Der Epilog wiederum gehört der Regie. Hoffmann hat sich in einen Rausch getrunken. Die angebetete Diva Stella verschwimmt in seinen Vorstellungen mit Olympia, Antonia und Giulietta zu einer Person und wird von ihm abgewiesen. Niklas, mittlerweile wieder zur weiß gewandeten Muse mutiert, hat Hoffmann zurückerobert. Das opulente Schlussbild beeindruckt. Schwarz wird zu Weiß, das Absenken der weißen Wände bewirkt den Effekt eines Emporstrebens der Bühne in den Himmel, weiße Blätter segeln herab. Die Kunst hat gesiegt!

Regisseur Stefano Poda, der ebenfalls für die choreographische Gestaltung, Bühne, Kostüme und Licht in Personalunion verantwortlich zeichnet, ist mal wieder ein Meisterstück gelungen. Jacques Offenbach konnte seine Oper aufgrund seines Ablebens während des Schaffungsprozesses nur in Fragmenten hinterlassen und beschäftigte somit Generationen von musikalischen „Archäologen“ mit der Rekonstruktion.  Poda hat aus der quellenkritischen Neuausgabe von Fritz Oeser ein dichtes schwarz-weißes, nebelig-sphärisches Gesamtkunstwerk gewoben mit vielen schönen Regieideen.

Das Gärtnerplatztheater hat „Hoffmans Erzählungen“ mit zwei komplett unterschiedlichen Besetzungen einstudiert, die fast ausschließlich den Sängerinnen und Sängern des eigenen Ensembles entstammen. Die Premiere A macht Lust auf eine Aufführung der Besetzung B.

Dr. Petra Spelzhaus, 28. Januar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

Dirigat: Anthony Bramall

Regie, choreografische Gestaltung, Bühne, Kostüme und Licht: Stefano Poda

Regie-Mitarbeit: Paolo Giani Cei

Dramaturgie: Michael Alexander Rinz

Hoffmann: Lucian Krasznec

Die Muse / Niklas: Anna-Katharina Tonauer

Lindorf / Coppelius / Dr. Mirakel / Dapertutto: Mathias Hausmann

Andreas / Cochenille / Franz / Pitichinaccio: Maximilian Mayer

Olympia: Ilia Staple

Antonia: Jennifer O’Loughlin

Giulietta: Camille Schnoor

Antonias Mutte: Anna Agathonos

Nathanael: Caspar Krieger

Spalanzani: Juan Carlos Falcón

Hermann: Alexander Grassauer

Schlemihl: Timos Sirlantzis

Luther: Holger Ohlmann

Crespel: Sava Vemić

Stella: Karin Kreitner

 

 

 

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