Choreografie Anne Jung. Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Wogende Körper flechten ein unsichtbares Band zu mir. Noch stärker als beim ersten Mal. In der letzten Choreografie ziehen die Tänzerinnen und Tänzer Elastizität bis ins letzte Zehenglied hinein. Treiben so die Bewegung an die letzte Nervenbahn ihrer Extremitäten. Ich spüre es.
Minutemade Act Three
Uraufführung
Choreografie Dorotea Saykaly I Anne Jung
Ballettcompagnie des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 19. März 2026
von Frank Heublein
Dies ist der dritte Donnerstag, liebes Dancesoap Tagebuch. Ich sehe zum zweiten Mal Dorotea Saykalys Choreografie Signals. Dieses Mal sitze ich an einem Eck und nicht mittig. Ich mag den Perspektivwechsel, die neue Sicht.
So fällt mir auf, dass in der ersten Gruppenaufstellung die Tänzerinnen und Tänzer nach Größe geordnet sind – was dem Fluss der Körper, die zu einem wogenden Ganzen werden, eine abfallende und aufstrebende Wirkung gibt. Die nehme ich in der Sitzposition an diesem Abend deutlicher wahr. Die gespannte Körperlichkeit wirkt noch ganzheitlicher, sie überträgt sich auf mich, flechtet ein unsichtbares Band zwischen mir und den Tänzerinnen und Tänzer. Spürt ihr das auch?

Anne Jung hat die geschmeidigste Anschlussidee, dancesoapt par excellence! Die Solistin rotiert ins halbdunkel, das ist der Schluss von Signals. Beginnt im selben Licht mit ihrem Solo Anne Jungs, die vierte und letzte Choreografie. Diese wirkt anfangs auf mich ähnlich zu der Saykalys – der Übergang ist so fließend.
Doch wenn bei letzterer die Körperlichkeit das entscheidende Wirkelement für mich war, so ist es bei Anne Jung die Bewegung. Bewegung in unterschiedlichen Formationen. In Gruppe, Trio, Duo, Solo wird sie extrem ausgeprägt. In der Mehrkörperlichkeit wird Bewegung anderer durchschnitten mit eigener Bewegung. Um gleich danach wieder zu verschmelzen. Untrennbar. Homogen. Bis zum nächsten Eingriff. Die Tänzerinnen und Tänzer ziehen Elastizität bis ins letzte Zehenglied hinein. Treiben so die Bewegung an die letzte Nervenbahn ihrer Extremitäten. Ich spüre es.
Glücksgefühle fluten in mich hinein. Nicht nur in mich, lauter Jubel und viel Publikumszustimmung. So viel, dass ich aus den ausgepumpten erschöpften Tänzerinnen und Tänzern beim letzten Applaus aus dem Gesicht lese – es könnte eine Unterstellung sein: „Uns gefällt euer Zuspruch sehr. Aber es war sehr anstrengend. Lasst uns den Abend beschließen.“
In meiner großen Begeisterung schwingt Sehnsucht und Verlangen mit. Denn jetzt heißt es für mich länger warten bis zur nächsten Ausgabe von Minutemade.
Frank Heublein, 19. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Minutemade Act One, Uraufführung, Teil I Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 5. März 2026
Minutemade Act Two, Uraufführung, Teil II Staatstheater am Gärtnerplatzt, München, 12. März 2026