Photos: Tanja Dorendorf und Janic Bebi Jonas Dahl
Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, Monster´s Paradise. Eine Grand Guignol Opéra
Monster’s Paradise
Musik von Olga Neuwirth
Libretto von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth nach einer Idee von Olga Neuwirth
Titus Engel, Dirigent
Chor der Hamburgischen Staatsoper
Kinder- und Jugendchor der Hamburgischen Staatsoper
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Tobias Kratzer, Inszenierung
Hamburgische Staatsoper, 19. Februar 2026
(Uraufführung am 1. Februar 2026)
von Dr. Andreas Ströbl
„Schreckliche neue Welt“, wird im Programmheft zu „Monster´s Paradise“ von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek auf Aldous Huxleys „Brave New World“, zu deutsch „Schöne neue Welt“, rekurriert. Ebenso wie der Klassiker des gesellschaftskritischen Science Fiction von 1932 arbeitet bereits der Titel der Grand Guignol Opéra von 2026 mit Ironie, denn paradiesisch ist hier gar nichts. Ganz im Gegenteil – hier wird mit dem Ursprung im Garten Eden wort-gespielt, um vielmehr an die biblische Apokalypse zu gemahnen, denn Monster´s Paradise ist eine Endzeitoper.
Schlimmer als die Satire ist hier nur die Wirklichkeit
Medial hat die „Monster´s Paradise“-Uraufführung in Hamburg eingeschlagen wie der Asteroid, der das Sauriersterben vor 60 Millionen Jahren mitverursacht hat. Auch auf „Klassik begeistert“ erschienenen bereits kundige Kritiken, weshalb an dieser Stelle einige spezielle Aspekte beleuchtet werden sollen.
Bereits in den Pausengesprächen im Foyer, durch das die Zombies der Anhängerschaft des aufgeblähten, orangenen Königs torkelten, herrschte Einigkeit darüber, dass im Falle des Horror-Clowns im Weißen Haus leider die Wirklichkeit die satirische Darstellung noch übertrifft. Hier geht es ja vor allem die erste Amtszeit des zum Alleinherrscher gewordenen Immobilienmaklers, in der man sich das, was wir jetzt in Teil 2 des Regimes erleben, nicht mal im Traum auszumalen vermochte. Oder doch – es gab reichlich Kassandra-Stimmen, aber denen wollte niemand glauben müssen; wie immer in solchen historischen Grenzsituationen.
Und so verließ man die Staatsoper mit dem Bild des vom Gorgonzilla-Monster gefressenen dicken König des schlechten Geschmacks, und dem Sonnenuntergang, dem die beiden Protagonistinnen Vampi (Sarah Defrise bzw. Sylvie Rohrer) und Bampi (Kristina Stanek bzw. Ruth Rosenfeld) mit ihrem Bösendorfer-Flügel im weiten Ozean zugleiten, mit spürbar angeschlagener Freude und der Frage, wer hier der wahre Leviathan ist. Eine Art Mini-Arche Noah mit zuerst verstimmter, dann harmonisch-stimmiger, dann wieder entgleitender Schubert f-Moll-Phantasie oder doch eine Version des Floßes der Medusa, wo das Schlimmste erst noch kommt? Bevor es übel endet oder kitschig wird, bricht das eingeblendete „Und wenn sie nicht gestorben sind…“ ironisch die Szene und zitiert ein märchenhaftes Ende.

Intelligente und witzige Querverweise auf allen Ebenen
Zwar spricht Regisseur Tobias Kratzer von einer „dystopischen Rettungsoper“, aber es steckt doch soviel Schopenhauer´scher Pessimismus darin, dass auch der Rekurs auf den „Prolog im Himmel“ aus Goethes Faust mit seinem glücklichen Ende in gnädiger Erlösung nicht über die Untergangsstimmung hinwegtäuschen kann. Der Einsicht des griesgrämigen Philosophen, dass es besser wäre, wenn wir gar nicht geboren wären, entspricht die Aussage in der Oper, dass wir vielleicht gar nicht mehr existieren, also in eine Nach-Zeit blicken – günstigenfalls in eine Welt ohne ihre Zerstörer.
Klar und inhaltlich sinnvoll wird auch mehrfach Wagners „Götterdämmerung“ angesprochen, implizit ist das durch die oberste Gottheit gewollte Ende. Der Ozean, in dem das Leben (und natürlich auch das „Gott-Zilla“-Monster) entstand, erinnert hier in seiner traulichen Tiefe an den Ursprungs-Strom im „Rheingold“, aber es schwimmt Müll darin; auch die Krone des Tyrannen treibt in den Fluten umher wie der fluchbeladene Ring des Schwarzalben.

„Fürchtet euch!“ ist die mahnend umgekehrte Divise des einstigen Heilsgeschehens zu Bethlehem, und bei aller Kratzer´schen Hoffnung auf das Herumreißen des Ruders steht die Frage im Bühnenraum und dem des Weltgeschehens, ob dieses Ruder ein Schiff lenkt, das längst unrettbar leckgeschlagen ist.
Musikalisch gibt es außer der beschließenden Schubert-Phantasie auch noch das hämmernde Zitat aus dem zweiten Satz von Bruckners 9. Symphonie, was jeweils beunruhigende Passagen einleitet; man erahnt kurzzeitig Bach´sche Harmonien eher, als dass sie wirklich deutlich erkennbar hervortreten. Die beiden Countertenöre Andrew Watts und Eric Jurenas als peinliche Comic-Assistenten des Präsidenten-Königs, und Georg Nigl (mit schier grenzenlosem Stimmumfang) als dieser selbst erinnern stimmlich überzeugend immer wieder an Figuren aus barocken Dramen, wie in Monteverdis „Krönung der Poppea“. Den Nero aus dieser Oper darf man dann mit der Trump-Karikatur assoziieren; es sind ja alles egomane Machtbesessene, die lächelnd über Leichen gehen.

Liebenswert-spielerisch ist das Meer um Gorgonzillas Insel gestaltet, das aus einer großen Plastikplane besteht, die durch untergeblasene Luft bewegt wird – klar, das kennt man genauso aus der „Augsburger Puppenkiste“, nur dass es hier keine Jim Knopf-Insel mit zwei Bergen oder das Urmel-Eiland ist, sondern eher eine Art Utopia mit naturliebendem Monstrum.
Und was bleibt von „Monster´s Paradise“?
Wen an diesem 19. Februar die Botschaft der „Grand Guignol Opéra“, also einer bizarren Kasperle-Groteske mit bedrückendem Realitätsbezug, nicht erreicht haben mag, wie den bekannten Fernsehschauspieler und seine ebenso bekannte Ehefrau, die nach nervösem Herumrutschen auf den Sitzen in der Pause das Haus verließen, der war doch beeindruckt von der Gesamtleistung aller Mitwirkenden. Spielerisch, sängerisch und instrumental war das alles durchweg einwandfrei. Gerade der zweite Teil fing szenisch und vor allem vom Orchesterklang her manche derjenigen ein, die nach den ersten drei Bildern noch etwas innere Distanz empfanden.

Bleibt die Frage, ob „Monster´s Paradise“ selbst die Zukunft der eigenen Kanonisierung überleben wird. Das Werk scheint ja in seiner enggefassten Aktualität kaum auf andere Großweltlagen zu beziehen sein – oder? Die eingeblendete Charlotte Rampling als Göttin verweist mehrfach darauf, dass, wenn man etwas als das Schlimmste begriffen zu haben scheint, es ja noch nicht der Punkt des Allerschlimmsten, also Endgültigen sein kann. Es geht also noch ärger, muss man fürchten.
Wenn man der eigenen Tochter die Entstehung des Faschismus und den Stalinismus am lebenden Beispiel erklären kann, dann ist bereits eine Stufe erreicht, die man in den 70er und 80er Jahren noch als „dystopisch“ bezeichnet hätte. Aber was an „Brave New World“, „Fahrenheit 451“ oder „1984“ ist nicht schon alles wahr geworden?
Hoffen wir, dass Kratzer mit seinem Optimismus recht behält. Pflanzen wir ein Apfelbäumchen und vertrauen darauf, dass es nicht von einem Horror-Clown ausgerissen wird, bevor es Früchte trägt.
Dr. Andreas Ströbl, 20. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Monster’s Paradise Musik von Olga Neuwirth Hamburgische Staatsoper, 11. Februar 2026