André Benndorff, Erwin Aljukić, Nadège Meta Kanku, Chloé Ata A Njoya, Ahmed Soura © Julian Baumann
Mein Eindruck ist, dass die Verzweiflung, Zerrüttung, die explosive Kraft des Schicksalsschlages von den Körpern aus ihnen herausgetanzt werden. In jeder Sekunde. Mit den Worten des Textgedichts Mujilas oder ohne Worte. Alle Körper haben permanente Spannung, stehen unter Strom.
Balau
Von und mit Erwin Aljukić, Chloé Ata A Njoya, André Benndorff, Nadège Meta Kanku, Daisy Ransom Phillips, Anja Signitzer, Ahmed Soura, Martin Weigel
Regie & Choreografie Serge Aimé Coulibaly
Musik Yvan Talbot
Licht Charlotte Marr
Text Fiston Mwanza Mujila (Übersetzung Lena Müller)
Dramaturgie Olivia Ebert
Therese-Giehse-Halle, München, 31. März 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend wird die Performance Balau in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele aufgeführt. Im Anschluss an die Performance gibt es zwei parallele Künstlergespräche. Eins auf Deutsch und eins auf Englisch. Moderiert werden die Gespräche durch Mitglieder des Kammer Clubs. Das sind in dem Fall vier theaterbegeisterte Studentinnen. Das dem Programm Namen gebende Balau ist ein Wort der westafrikanischen Sprache Dioula und heißt übersetzt Schicksalsschlag. Es gibt ein klares davor und danach. Danach ist nichts mehr so wie davor.
Das Stück hat einen interessanten Entstehungsprozess, der für mich in die Aufführung hineinwirkt. Der Dichter Fiston Mwanza Mujila hat während der Proben in Reaktion auf die Ideen des Choreographen Coulibaly und der Performerinnen und Performer einen poetischen Text geschrieben, der in Teilen in Worten, in Teilen durch Körperexpression vorgetragen wird.

Mein Eindruck ist, dass die Verzweiflung, Zerrüttung, die explosive Kraft des Schicksalsschlages von den Körpern aus ihnen herausgetanzt werden. In jeder Sekunde. Mit jeder Pore. Mit den Worten des Textgedichts Mujilas oder ohne Worte. Alle Körper haben permanente Spannung, stehen unter Strom.
Ahmed Soura und Daisy Ransom Philips erzählen, dass alle Bühnenperformerinnen und -performer eine gemeinsame Körpersprache finden wollten. Die Schauspielerinnen und Schauspieler erinnern ihre Bewegungsmuster genauso gut wie die professionellen Tänzerinnen und Tänzer. Auch sie drücken manche Worte in Worten, manche in tanzenden Bewegungen aus. Nadège Meta Kanku ist die erste, die ihre außerordentliche Power auf mich überträgt.
Ahmed Soura erläutert, dass es in Burkina Faso eine ganzheitliche den ganzen Körper betreffende (auch: künstlerische) Ausdrucksweise alltäglich sei. Es gibt keine Trennung in Tanz, Schauspiel oder Musiktheater. Radikal agiert er auf der Tanzfläche. Gewagte Sprünge, freier Fall. Es aus sich heraus tanzen.

Es ist ein Stück, das zwei (freie) Tänzerinnen, ein Tänzer (aus der Compagnie Faso Dance Theatre des Choreographen), drei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen zusammen gestalten – und auch gemeinsam entwickelt haben mit Regisseur und Choreograph Serge Aimé Coulibaly. Im Nachgespräch machen die drei vom Tanz kommenden Menschen deutlich, dass sich alle Seiten auf alle anderen eingelassen haben. Jeder von jeder etwas gelernt hat. Chloé Ata A Njoya sagt, dass sie gelernt habe, tänzerische Expression auch vom Hals aufwärts auszudrücken. Im modernen Tanz sei es eher unüblich, den Gesichtsausdruck beim Tanzen zu nutzen.
Worum geht es? Um eine Hochzeit, eine Hochzeitsfeier, die aus dem Ruder läuft. Eine Trauersituation. Um Menschen, die sich suchen, abstoßen, finden, streiten, ignorieren.

Außergewöhnlich ist, dass Martin Weigel Fragen, die sich ihm während der Produktion aufwarfen, Menschen aus dem Publikum stellt. Wichtige Fragen, die in der heutigen Zeit eine Antwort verlangen. Er bekommt Antworten. Mutig. Denn für mich ich gibt es keine, die ein ausschließlich „gutes Gefühl“ nach sich ziehen. Sie verlangen nach Gespräch, Klärung und Verständigung, nicht nach Entscheidung.
Eine (hoffentlich nur vorläufig!) letzte Gelegenheit in München ist der
2. April 2026, dieses famose Zusammenwirken des physikalischen Gesamtausdrucks zu erfahren.
Die amerikanische Tänzerin Daisy Ransom Phillips ist entsprechend ein bisschen traurig, diese seltene ganzheitliche Performancechance nur noch einmal performen zu dürfen. Als Tänzerin auch in Worten auszudrücken, was in Bezug auf Schicksalsschlag sie nicht nur im gespielten Stück, sondern auch als Mensch bewegt.
Das beeindruckt mich: Die Botschaft des Schicksalsschlages wird durch Sprache, insbesondere aber durch die Körper übertragen – sehr direkt, unglaublich physisch, so sehr spürbar für mich.
Frank Heublein, 1. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at