Pique Dame: Im Tode versperrt die Gräfin Hermann den Weg in ihre “höhere” soziale Klasse

 Piotr Iljitsch Tschaikowski, Pique Dame, Inszenierung Marie Lambert-Le Bihan  Opéra Royal de Wallonie, Lüttich, 27. Februar 2026

A. Soghomonyan, O. Maslova, O. Petrova © J. Berger-ORW Liège

Die Opéra Royal de Wallonie in Lüttich spielt momentan eine neue Produktion von Piotr Tschaikowskis Oper “Pique Dame”. Interpretiert von einem Ensemble aus fast ausschließlich russischsprachigen Sängern unter der musikalischen Leitung vom Lütticher Chefdirigenten Giampaolo Bisanti, zeigt die Inszenierung der Regisseurin Marie Lambert-Le Bihan auf starke Art und Weise die sozial unmögliche Beziehung der beiden Hauptcharakteren Lisa und Hermann.

Piotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893)
PIQUE DAME
Oper in drei Akten  (Libretto von Modest Tschaikowski)

Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti

Inszenierung: Marie Lambert-Le Bihan
Bühne & Kostüme: Cécile Trémolières

Opéra Royal de Wallonie, Lüttich, 27. Februar 2026

von Jean-Nico Schambourg

Sowohl Herrmann als auch Lisa sind gefangen in ihrer jeweiligen eigenen Welt. Hermann, ein Mensch aus dem einfachen Volk kommend, der sich alles im Leben erkämpfen muss, glaubt durch die Sage der drei Karten den Weg in die höhere Gesellschaft gefunden zu haben und wird am Schluss von der toten Gräfin verlacht. Sie hatte schon zu ihrer Lebzeiten keine Sympathie für ihn, da er nicht aus ihrer Gesellschaftsschicht kommt.

Lisa ist in dieser “besseren” Gesellschaft aufgewachsen und gefangen. Sie wird von ihrer Großmutter bevormundet und ist bestimmt den Fürsten Jeletzki zu heiraten, obschon sie ihn nicht liebt. Dann begegnet sie Hermann und glaubt mit ihm aus ihrer gesellschaftlichen “Gefangenschaft” fliehen zu können. In der Inszenierung von Marie Lambert-Le Bihan mit Bühnenbildern und Kostümen von Cécile Trémolières wird dieses Enge dargestellt von Lisas kleinem Zimmer voll mit Puppenautomaten à la Olympia aus Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach. Ihre Umgebung ist künstlich, kalt, ohne echte Gefühle.

Dieser einengende Raum bestimmt die Bühne bei fast allen Auftritten von Lisa oder der Gräfin. Auch deren Zimmer ist dargestellt durch einen schief hängenden, eingeengten Raum. Die weiten Räume findet man in den Szenen mit Chor: am Anfang der Oper im Park, dann später beim Maskenball, sowie am Schluss der Oper im Spielkasino. In diesen Szenen dominieren immer die Männer, was von der Regisseurin als weiteren Konfliktpunkt in dem Werk verstanden wird.

O. Petrova, J. Kutasi, O. Maslova, E. Galitskaya © J. Berger-ORW Liège

Tschaikowski hat diese schwere, schwüle Atmosphäre in die Partitur hineinkomponiert. Seine Instrumentalisierung ist oftmals bestimmt von lauten und dunklen Instrumenten,wie Trompeten, Posaunen, Bassklarinette. Nur in der Pastorale mitten in der Maskenballszene lässt er von dieser schweren Stimmung ab und komponiert “à la Mozart”. Nicht nur, dass er hier einige musikalische Zitate verwendet, nein der ganze Stil dieser Pastorale erinnert an den Salzburger Komponisten: leicht, luftig. Die Musik steht hier allerdings eigentlich im Gegensatz zur erzählten Geschichte, die eine klare Reminiszenz an das Verhältnis Lisa – Hermann – Fürst Jeletzki ist.

Im ersten Teil des Abends erweckt das musikalische Tonbild eine relativ erdrückende Atmosphäre. Dies liegt wie beschrieben zum Teil an der Instrumentalisierung von Tschaikowski, allerdings auch an der orchestralen Umsetzung an diesem Abend durch das Orchester der Lütticher Oper unter der Leitung ihres Chefdirigenten Giampaolo Bisanti. Die Sänger werden dabei manchmal vom Orchester überdeckt. Im zweiten Teil des Abends ändert sich dies komplett. Umso mehr die Dramatik der Oper zunimmt, umso klarer wird das Klangbild. Die musikalische Darstellung sowohl auf der Bühne als auch im Graben gewinnt an Homogenität. Jetzt ist es ein Zusammenspiel auf höchstem dramatischen Niveau.

Arsen Soghomonyan singt Hermann. Von Anfang an gibt er szenisch und musikalisch den Eigenbrötler mit all dessen Komplexen von Minderwertigkeit. Stimmliche Komplexe braucht er selbst nicht zu fürchten. Sein Tenor ist kraftvoll, baritonal gefärbt mit sicheren Höhen, aber nicht stur Trompetenhaft. Im Laufe des Abends zeigt er die steigende Besessenheit von Hermann, um im Moment dessen Tod zu herzerweichenden Klängen zu finden. Eine starke Performance den ganzen Abend hindurch!

Der Fall von Olga Maslova als Lisa liegt anders. Im ersten Teil des Abends klingt ihr Sopran zu reif für die Interpretation einer jungen Frau. In dieser Darstellung wird sie auch szenisch vom Regieteam nicht sehr unterstützt, kommt sie doch relativ matronenhaft daher. Nach dem Tod der Gräfin ändert sich die Wahrnehmung ihrer Interpretation. Ab jetzt besitzt ihre Stimme die richtige Dramatik, um Lisas Gefühle auszudrücken. In ihrem Sopran hört man am Ende die Verzweiflung Lisas, die sie schlussendlich in den Selbstmord treibt.

Nicht anders als großartig kann man die Interpretation der alten Gräfin von Olesya Petrova betiteln. Von ihrem ersten Auftritt verkörpert sie szenisch und stimmlich die “alte Hexe”, die nicht nur Lisa das Leben schwer macht. Die kleine Grétry-Arie trägt sie mit Eleganz und dem Alter der Gräfin geschuldet, brüchiger Stimme perfekt vor. Sehr beeindruckend ihr Mienenspiel in der Todesszene der Gräfin.

Ensemble © J.Berger-ORW Liège

Graf Tomsky wird von Alexey Bogdanchikov gesungen. Dieser übernimmt auch in der Pastorale die kleine Rolle des Zlatogor. Sein Bariton besitz alle Qualitäten die von einem guten Interpreten dieser Rolle verlangt werden: kernig und kraftvoll mit sicheren runden Höhen.

Lyrischer ist die Stimmlage des Fürsten Jeletzki, der in Nikolai Zemlianskikh einen sehr guten Interpreten findet. In der berühmten Arie “Ya vas lyublyu” (Ich liebe Sie) lässt er seine angenehme Stimme mit viel Legato daher fließen und macht diesen Moment zu einem der musikalischen Höhepunkte des Abends.

Judit Kutasi singt mit gutem Mezzosopran die Rolle der Pauline. Alexey Dolgov und Mark Kurmanbayev sind passende Interpreten von Tschekalinski und Surin. Elena Manistina gibt sich die Ehre als Gouvernante. Elena Galitskaya und Aurore Daubrun singen auf charmante Art und Weise die Rollen der Prilepa und des Milovzor in der Hirtenszene. Auch alle weiteren Interpreten verdienen sich ihr Lob für ihre Darstellung.

Dies gilt ebenso für den gut bestellten Chor der Lütticher Oper (Leitung: Denis Segond) und für die Maîtrise (Leitung: Véronique Tollet), deren Kinder sichtlich viel Spaß an ihrem Auftritt in der ersten Szene haben, in der sie sich auf der Bühne richtig austoben dürfen.

Szenische und musikalische Interpreten und Verantwortliche wurden am Schluss einheitlich vom Publikum gefeiert.

Jean Nico Schambourg, 1. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Peter Ilyich Tchaikovsky, Pique Dame Garsington Opera, 6. Juni 2025

Pjotr I. Tschaikowski, Pique Dame (Pikowaja Dama), Lise Davidsen Bayerische Staatsoper (Nationaltheater), 12. Juli 2024

P.I. Tschaikowskij, Pikowaja Dama/ Pique Dame Deutsche Oper Berlin, 15. März 2024

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