Ethel Smyth kämpft als willenstarke Komponistin auch für die Rechte der Frau

Portrait: Ethel Smyth  klassik-begeistert.de, 29. November 2025

Ethel Smyth 1922 de.wikipedia.org

Sie komponierte Instrumental- und Vokalwerke, sowie Opern und schrieb zehn zum Teil autobiografische Bücher. Sie erzwang die Erlaubnis für ihre musikalische Ausbildung mittels Hungerstreik, warf aus Protest wegen der Verweigerung des Frauenwahlrechts in England Fensterscheiben ein. Sie speiste mit Kaiser Wilhelm II. und war liiert unter anderem mit der englischen Schriftstellerin Virginia Woolf.

von Jean-Nico Schambourg

Die Rede ist von der englischen Komponistin Ethel Smyth. Ein Leben lang kämpfte sie für die Anerkennung ihrer Werke, die es lohnen, wiederentdeckt zu werden.

Ethel Smyth, geboren am 23. April 1858 als viertes von insgesamt acht Kindern in eine viktorianisch englische Familie, dürfte den wenigsten ein Begriff sein. Dabei war sie in vielen Dingen des Lebens eine Pionierin. Sie war die erste bedeutende englische Komponistin und zeitweise stark engagierte Kämpferin für die Frauenrechte in England. Sie war vor allem von Geburt an eine willensstarke Frau. So erzwang sie sich mittels Hungerstreik von ihren Eltern das Einverständnis für ihre musikalische Ausbildung.

Diese bekam sie dann am Leipziger Konservatorium, wo sie aber vom Studium bald sehr enttäuscht war. Viel ergiebiger waren ihre dortigen Begegnungen mit Musikern wie zum Beispiel Engelbert Röntgen, dem Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters. Dieser ermutigte sie mit dem Komponieren fortzufahren.

Nach nur einem Jahr verließ sie das Konservatorium und nahm fortan Privatunterricht bei Heinrich von Herzogenberg, dem Präsidenten des Leipziger Bachvereins. Im Hause der Herzogenbergs lernte Smyth unter anderem Clara Schumann, Anton Rubinstein, Edvard Grieg und Johannes Brahms persönlich kennen.

Bis 1887 schrieb Smyth ausschließlich instrumentale und vokale Kammermusik, die zeigt, wie stark sie von der deutschen Spätromantik beeinflusst war. Diesen Einfluss hört man zum Beispiel in ihrem Streichquintett in E-Dur op. 1, das sie 1884 komponierte. Auch das Studium der Partituren von Johann Sebastian Bach während ihrer Leipziger Studienjahre schlägt sich in ihren damaligen Werken nieder. Allerdings wurden ihre ersten Kompositionen sehr kritisch beurteilt, weil sie eine Frau war.

Als sie nach längerer Abwesenheit 1887 nach Leipzig zurückkehrte, begegnete sie dort dem russischen Komponisten Pjotr I. Tschaikowski, der sie zur Fortsetzung der Instrumentationslehre anregte. In der Folge stieg auch ihr Interesse am Komponieren großer Orchesterwerke. So gab sie mit der Aufführung ihrer viersätzigen symphonischen Serenade in D-Dur 1890 ihr Debüt in England.

Ethel Smyth um 1903, Aimé Dupont,© Wikipedia

Ihr erster großer Erfolg kam allerdings durch die Komposition ihrer Messe in d-Moll. Aufgrund ihrer persönlichen Beziehungen zum englischen Königshof war die Royal Albert Hall bereit, die Messe der noch weitgehend unbekannten Komponistin im März 1893 aufzuführen. Der Erfolg gab ihr Recht. Das Werk, deren Uraufführung von tausend Mitwirkenden gestaltet wurde und der zwölftausend Zuhörer beiwohnten, wurde begeisternd aufgenommen, unter anderem vom Schriftsteller George Bernard Shaw, der in ihm ein Zeichen des Aufstiegs weiblicher Komponistinnen sah. Es blieb allerdings das einzige geistliche Chorwerk von Smyth, die es selbst als ihre beste Komposition ansah.

Der langjährige Musikdirektor der Oper in Karlsruhe, Hermann Levy, war ebenfalls sehr angetan von dieser Messe und riet ihr zum Komponieren von Opern. Felix Mottl, Hofkapellmeister und Generalmusikdirektor, während fast 25 Jahren in Karlsruhe tätig, unterstützte die Uraufführung ihrer Oper Fantasio1898 in Leipzig und führte sie 1901, zwar ohne großen Erfolg, auch in Karlsruhe auf. Aber der Anfang war getan.

Am 9. April 1902 fand an der Hofoper Berlin unter der Leitung von Karl Muck die Uraufführung ihrer Oper in einem Akt “Der Wald” statt. Smyth hatte das Libretto selbst auf Deutsch verfasst, da sie hoffte, sich so auch in Deutschland besser durchzusetzen zu können. Der Erfolg war dort aber sehr überschaubar.

Im selben Jahr wurde eine englische Version der Oper am Royal Covent Garden gespielt. 1903 wurde die Oper in der deutschen Version als erstes Werk einer Frau an der Metropolitan Opera in New York unter anderem mit der berühmten Sopranistin Johanna Gadski aufgeführt. Es sollte bis Dezember 2016 das einzige Werk einer weiblichen Komponistin sein, das dort gespielt wurde.

Eine Aufnahme der Oper “Der Wald” ist jetzt bei der Firma cpo erschienen, die einige Aufführungen im April 2024 an der Oper Wuppertal unter der musikalischen Leitung von Patrick Hahn mitschnitt. Es handelt sich bei dem Werk um eine Mischung aus Musikdrama und deutscher Spätromantik, das den Einfluss von Brahms und Schumann, aber auch von Wagner nicht verleugnen kann.

 

Ihr bedeutendsteshnenwerk wurde allerdings The Wreckers(Die Strandräuber). Das Libretto hierzu schrieb Smyth zusammen mit Henry Brewster, ihrem langjährigen Freund und anscheinend einzigen männlichen Geliebten, da sie im Allgemeinen eher den Frauen zugetan war.

1906 in Leipzig in deutscher Sprache und mit großen Kürzungen uraufgeführt, wurde es unter dem Dirigenten Thomas Beecham 1909 in London erstmals in englischer Sprache aufgeführt. Die französische Originalfassung des Librettos “Les Naufrageurs” kam erst 2002 in Glyndebourne auf eine Opernbühne. In den letzten Jahren fand sich die Oper in ihren verschiedenen Versionen öfters auf den Spielplänen deutscher Opernbühnen wieder.

Gedenktafel für Ethel Smyth in Leipzig © Wikipedia

Im Mittelpunkt der Handlung stehen Dorfbewohner an der Küste von Cornwall, die in dunklen,  stürmischen Nächten vorbeifahrende Schiffe an ihre zerklüftete Küste lotsten, um sie nach ihrem Kentern auszuplündern.

Von manchen Spezialisten wird das Werk als Bindeglied zwischen Purcell und Britten angesehen. Und ja, beim Anhören erinnert Smyths Komposition öfters an die Opern von Benjamin Britten, … nur dass sie schon fünfzig Jahre vor diesen komponiert wurde. Der berühmte Dirigent Bruno Walter war begeistert von Werk und Autorin und setzte sich für eine Aufführung an der Wiener Oper ein. Allerdings kam es nie dazu, doch Walter dirigierte die Oper 1910 in London.

 

Nach dem Tode von Henry Brewster im Jahre 1908, schränkte Smyth ihre Arbeit als Komponistin ein. Ab 1910 setzte sie sich vehementr Frauenrechte ein, wodurch sie sogar einige Zeit im Gefängnis verbrachte, da sie, als Protest gegen die Verweigerung des Frauenwahlrechts, mit 200 anderen Frauen fast alle Fensterscheiben rund um die Oxford Street eingeworfen hatte, unter anderem auch diejenigen des britischen Kolonialsekretariats. Ihre Komposition The March of the Women, das dritte ihrer 1910 entstandenen “Sonnenaufgangslieder” wurde zur Hymne und zum Kampflied der englischen Frauenbewegung.

Songsheet of ‚The March of the Women‘, 1911. Songsheet in the suffragette colours of purple, green and white, showing women and children marching with the banner of the Women’s Social and Political Union, demanding votes for women. This anthem was written by Ethel Smyth in 1911 and was dedicated to Emmeline Pankhurst, a leading campaigner in the suffragette movement. (Photo by Museum of London/Heritage Images/Getty Images)

Ab 1911 wandte Smyth sich wieder vermehrt dem Komponieren zu. In den Jahren 1913 bis 1914, während eines längeren Aufenthalts in Ägypten, schrieb sie die Oper “The Boatswain’s Mate” in deren Ouvertüre die Musik der “March of the Women” erklingt.

Inspiriert von ihrem Aufenthalt im Gefängnis, schrieb sie 1929/30, auf einen Text von Henry Brewster, “The Prison”, eine Symphonie für Soli, Chor und Orchester. Diese wurde erstmals 1931 aufgeführt. Leider war Smyth zu diesem Zeitpunkt schon taub. Die Taubheit befiel sie Ende der zwanziger Jahre und setzte so ihrer Aktivität als Komponistin ein Ende. Smyth wandte sich daraufhin vermehrt und mit viel Erfolg dem Schreiben zu. Zwischen 1919 und 1940 schrieb sie zehn zum Teil autobiografische Bücher.

Wikipedia, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dame_Ethel_Smyth_statue_2022.jpg

In Anerkennung ihres Werkes als Komponistin und Schriftstellerin wurde Smyth 1922 mit dem Orden “Dame Commander of the Order of the British Empire” beehrt. Sie war die erste Komponistin, der jemals diese Ehre zugesprochen wurde. Weiters wurden ihr auch von den Universitäten von Durham, Oxford sowie St. Andrews Doktortitel verliehen.

Ethel Smyth verstarb am 8. Mai 1944 an einer Lungenentzündung. Ihre Asche wurde in der Nähe ihres Hauses in Woking von ihrem Bruder verstreut. Dazu wurde Musik aus ihrem Spätwerk “The Prison” abgespielt.

Jean-Nico Schambourg, 29. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD-Besprechung: Ethel Smyth, Der Wald klassik-begeistert.de, 30. Oktober 2025

Frauenklang 12: Buchbesprechung Ethel Smyth klassik-begeistert.de, 25. Februar 2025

Ethel Smyth, Strandrecht Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, Premiere am 7. Februar 2025

Ethel Smyth, The Wreckers, Lyrisches Drama in drei Akten Badisches Staatstheater, Karlsruhe, 13. Oktober 2024

Daniels vergessene Klassiker Nr 25: Dame Ethel Smyth – Konzert für Violine und Horn (1928) klassik-begeistert.de, 16. Juli 2023

Daniels vergessene Klassiker Nr 15: Dame Ethel Smyth – Serenade in D (1889 – 1890) klassik-begeistert.de, 26. Februar 2023

Sommereggers Klassikwelt 134: Die bemerkenswerte Dame Ethel Smyth, klassik-begeistert.de

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