Omer Meir Wellber vor den Mitgliedern des Philharmonischen Staatsorchesters (Foto: RW)
Die ersten 40 Minuten ähnelten einer Oberstufen-Klassenaufführung, die gestandene Sängerinnen und Sänger unter die Knute des Mikrophons zwang. Aus Operngängersicht eigentlich eine Unverschämtheit. Der Orchestergraben war bis dato völlig verdeckt, so dass kaum eine Besserung zu erwarten war, was zum vorzeitigen Abgang einiger Zuschauer führte. Hätten sie Omer Meir Wellbers Fopperei doch abgewartet!!!
Die Große Stille, In fernen Welten, Mozarts Musik neu entdecken
Musiktheaterprojekt von Christopher Rüping, Omer Meir Wellber und Malte Ubenauf mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, u.a. Apollo et Hyacinthus, KV 37, 1767
Inszenierung: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme; Lene Schwind
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Leitung: Omer Meir Wellber
Hamburgische Staatsoper, Premiere, 15. März 2026
von Dr. Ralf Wegner
Der Star des Abends war das Orchester unter der Leitung seines Generalmusikdirektors. Welche Durchsichtigkeit der Instrumente, was für dynamische Abstufungen und welche innere Beseeltheit erreichten aus dem schließlich doch noch teilgeöffneten Orchestergraben den Saal. Das war fesselnd von Anfang bis zum Ende, so dass die ersten vierzig Minuten, während der einige Premierengäste ob der Verkaraokung Mozartscher Weisen bereits den Zuschauerraum verließen, im Nachhinein vergessen werden konnten.
Die zweite Überraschung des Abends gelang dem Mitglied des Hamburger Internationalen Opernstudios Marie Maidowski als Melia in Mozarts Frühwerk Apollo et Hyacinthus. Anders als Ana Durlovski (Aliena), deren Koloraturen eher flach und spitz gerieten, führte Maidowski ihren farbreichen, kraftvollen und in der Höhe wie in der Mittellage vollrund ohne jede Schärfe klingenden Sopran durch die Partie der angebeteten Melia. Ihr nicht nach stand, mit klangvoller Tiefe, die bereits arrivierte Mezzosopranistin Kayleigh Decker als lügnerischer Zephyrus. Gregory Kunde sang mit unverändert strahlkräftigem, trotz seines Alters nach wie vor kaum vibratogetrübtem Tenor Oebalus bzw. den Kommandeur des Wellber’schen Raumschiffs. Optisch ähnelte er sehr dem Schauspieler Lorne Green, dem Commander Adama der Science Fiction Serie Kampfstern Galaktica.

Damit zur Handlung: Etwa 40 Reisende (Chor, Sänger, Komparserie) verbringen ihr Leben auf einem ferne Galaxien zusteuernden Raumschiff. Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende sind vergangen und niemand erinnert sich mehr an den Sinn der Requisiten, die einst dem Schiff mitgegeben wurden, so ein riesiger Modellfuß, eine modellierte Hand mit erhobenem Zeigefinger und vor allem das intensiv von dem Schauspieler Damian Rebgetz besprochene Giorgione-Gemälde Das Gewitter. Blitz, Donner und Regen erinnerten ihn an uralte Zeiten, Mann und Frau seien nur noch Legenden, die Körperflüssigkeiten ausgetauscht hätten.
Wie sich das auf dem Schiff gefangene Bühnenpersonal vermehrt hat, blieb bis zum Schluss, als ein auf die Bühne gehievtes riesiges weißes Ei zu bersten begann, unklar. Im Zentrum der Vergnügungen der Reisenden stand allerdings ein Bildschirm, der verschiedene Texte (u.a. Goethes Veilchen, Mozart KV 476) zwecks Karaokeeinlagen zum Besten gab.
Bis dahin ähnelte alles einer Oberstufen-Klassenaufführung, die gestandene Sängerinnen und Sänger unter die Knute des Mikrophons zwang. Eigentlich eine Unverschämtheit, die noch dadurch erweitert wurde, dass Omer Meir Wellber sich noch an eine Art Digitalpiano setzte und von dort sein Bestes dazugab. Der Orchestergraben war bis dato völlig verdeckt, so dass aus Publikumssicht kaum eine Besserung zu erwarten war, was zum oben genannten Abgang einiger Zuschauer führte. Hätten sie doch abgewartet.
Aus dem Hintergrund, also von außerhalb des Raumschiffs, erscholl eine Stimme, die zum Schrecken der Reisenden um Einlass bat. Es hätte Doctor Who aus der gleichnamigen, seit 1963 unverändert laufenden britischen Sci-Fi-Serie sein können (der in der Lage ist, sich mit einer Police-Box in weit entfernte Raumschiffe beamen zu lassen). Es handelt sich aber nicht um David Tennant oder Peter Capaldi, zwei Darsteller des Doctors, sondern um Ana Durlovski als göttliche Abgesandte Aliena (bzw. Apoll).

Damit begann die etwas gekürzte, von dem erst elfjährigen Mozart komponierte Oper Apollo et Hyacinthus, in der der eifersüchtige Zephyrus den Bruder der von ihm angebeteten Melia tötet und die Tat Aliena in die Schuhe schiebt. Aliena muss daraufhin das Raumschiff verlassen. Hyacinthus ist aber noch nicht ganz wirklich tot und kann die Sachlage aufklären. Aliena kehrt zurück und hinterlässt auf dem Schiff das riesige weiße Ei. Die Schale knackt, das Licht erlischt. Was sich aus dem Ei hervorpellt oder welches Schicksal den Raumschiff-Reisenden blüht, bleibt offen.
Das ist aber auch nicht so wichtig, denn unter Wellber spielte das Orchester zum Ende hin noch einmal rasant auf. Geboten wurden Auszüge aus dem Adagio des IV. Satzes des Streichquintetts g-Moll, KV 516, in der von Keren Kagarlitsky bearbeiteten Fassung für Kammerensemble bzw. Orchester.
Dr. Ralf Wegner, 16. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Monster’s Paradise, Elfriede Jelinek & Olga Neuwirth Hamburgische Staatsoper, 19. Februar 2026
Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, Monster’s Paradise Hamburgische Staatsoper, 19. Februar 2026
Monster’s Paradise Musik von Olga Neuwirth Hamburgische Staatsoper, 11. Februar 2026
Robert Schumann, Das Paradies und die Peri Hamburgische Staatsoper, 14. Oktober 2025
Robert Schumann, Das Paradies und die Peri Hamburgischen Staatsoper, 27. September 2025 Premiere
Robert Schumann, Das Paradies und die Peri Hamburgische Staatsoper, 27. September 2025, PREMIERE
Meine Anmerkungen zu dem gestrigen Premierenabend:
Manchmal hat man den Eindruck, die Hamburgische Staatsoper tut alles, um sich selbst abzuschaffen – warum schaffen es (manche) Schauspielregisseure, die Musik, die sie mit Bildern inszenieren sollen, zu stören, zu zerschneiden, ja in den Hintergrund zu drängen? Jüngst musste man sich am gestrigen Abend 120 Minuten ein unterlegtes Turbinengebrumme anhören, das die rauschende Fahrt durch die Tiefen des Weltalls in einem Raumschiff darstellen sollte? Mensch, für wie blöd haltet ihr denn euer Publikum? Wir hatten es schnell begriffen, wo wir sind. Und dann muss auch mal gut sein, oder?
Belanglose, träge Einfälle dann auf der Bühne – manchmal hatte man den Eindruck, man solle helfen, oder?
Und dann die Besetzung in Teilen – wer castet eigentlich solch überforderte Stimmen, die an großen anderen Häusern im Ensemble kleine Nebenrollen geben und hier in die Hauptpartie gedrängt werden? Das erinnert mich an eine Operndirektorin vor vielen Jahren an diesem Haus, die heute nur noch Comedybühnen besetzen darf, wenn überhaupt!
Einziger Lichtblick des Abends der engagierte Chor und das Orchester, als es endlich statt auf der Bühne im Graben agieren durfte.
Viele Leute gingen enttäuscht bereits während der Vorstellung. Die geschickt positionierten Claqueure haben daran auch nichts mehr ändern können – Enttäuschung und Ratlosigkeit pur!
Ich war froh, über diesen Trash nicht schreiben zu müssen.
Patrik Klein
Anmerkung zum momentanen Ticketvorverkauf für das neue Mozartstück an der Staatsoper: Für Samstag den 21.3.26 sind grob geschätzt etwa 20% der Tickets bisher verkauft – Die Große Stille – besser sollte es heißen: Die Große Leere – und das für einen Samstag! …es sieht so aus, wie ich es vor Monaten prognostiziert habe: Durch Klick in und Co. generiert man jüngere Leute – das habe ich bei allen bisher besuchten Vorstellungen wahrgenommen – aber durch die fragwürdigen Inszenierungen und vor allem durch die häufigen Castingdefizite reisen die früher angereisten Opernfans nicht mehr an, und das ältere Publikum sucht das Weite, stärker als die Zuwächse bei den Jungen, die auch noch häufig für 15 Euro eintreten – es wäre schön, wenn ich mich doch irrte.
Beste Grüße,
Patrik Klein
Junge Menschen bis 30 in Ausbildung bekommen ja hervorragende Tickets für 15 Euro –
ich bin gespannt, wie viel Vollzahler zur Mozart-Show am Samstag kommen werden.
Man muss ja auch noch Karten für buddies, friends and family abziehen.
Andreas Schmidt, Herausgeber
Wenn ich das richtig verstehe, waren die Micros keine Dekoration.
Für ein paar Minuten kann ich damit leben, wenn sie als Teil einer schlüssigen Inszenierung wirklich notwendig sind. Alles, was darüber hinausgeht, wird für mich problematisch.
In einem seriösen Opernhaus sollte das nicht zur Regel werden.
Wer nach übermäßigem Pomp sucht, nach verstärkergeneriertem Sound, hat genügend andere Möglichkeiten. Dieses Publikum wird anderswo bedient – und soll es auch. Es gibt genug Freiluftveranstaltungen.
In einem Opernhaus, dessen Türen sich schließen, muss diesbezüglich ein gewisser Purismus herrschen. Genau das macht den Reiz aus. Wenn man das aufgibt, dann: „Gute Nacht, du falsche Welt“, um es mit Papagenos Worten zu sagen.
Jürgen Pathy
Ich frage mich seit einiger Zeit, warum die Hamburgische Staatsoper Intendanten und Regisseure einstellt, die offensichtlich nichts mit der Oper am Hut haben, oder noch pointierter, die Oper hassen.
Peter Suhren
Die Auslastung ist am Donnerstag übrigens besser, da gehen wir mit Abo-Karten auch noch einmal hin. Wenn man weiß, was einem bevorsteht, sieht und hört man manches anders. Und die Auslastung ist meines Erachtens nicht wegen der Kritiken schlecht, sondern wegen der im Voraus fehlenden Werbung für eine Mozart-Opern-Premiere. Das sollte wohl als Überraschung bleiben. Unterm Strich gefällt mir die Große Stille viel besser als Monster’s Paradise, da wurde nicht einmal ordentlich gesungen.
Eine Anmerkung kann ich mir allerdings zu dem Programmheft nicht verkneifen, denn die Artikel sind infolge ::::Augenpulvers schwer zu lesen, so dass man es lässt. Ein anderer Kommentator fragte übrigens in seinem Beitrag zur Große Stille-Premiere, jedenfalls dem Sinn nach, ob Mozart nur „im Zuschauer:innenraum“ (S. 29 unten) oder auch im Zuschaueraußenraum zu hören sei (er meinte möglicherweise auch außerhalb der Raumkapsel, denn von dort kam ja die göttliche Aliena). Eine weitere Stilblüte findet sich mit „Bewohner:innenschaft“ im ersten Absatz der Seite 3.
Man raunt ja, dass die Oper über mehrere Jahre in den Sommermonaten wegen Reparaturen geschlossen wird. Die Saison 2026/27 ende bereits im Frühjahr. Wenn das tatsächlich so sein sollte, müsste Tobias Kratzer sich schon mehr in den Startrubel einbinden, um nicht das Publikum weiter zu verlieren. Erst über die bekannten Stars gewinnt man Publikum auch für andere Aufführungen. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Ein Fehler von Tobias Kratzer war es auch, die etablierten italienischen Opernwochen nicht fortzuführen (von Wagner-Wochen ganz zu schweigen).
Herzlichst,
Ihr Ralf Wegner
Ich verstehe die negativen Kritiken nicht. Sie scheinen mir eher aus persönlichem Befinden entsprungen. Mir hat dieser Abend besser gefallen als viel „klassische“ Opernaufführungen. Ich wünsche mehr Mut, die Kunstform der Oper ins 21. Jahrhundert zu überführen.
Schöne frühe Melodien von Mozart, wundervoll gespielt, gesungen und interpretiert, wurden verwoben mit einer Geschichte über den Kreislauf des Lebens. Hoffnungslosigkeit, Rituale, Uniformiertheit, Sehnsucht nach Erlösung durch einen äußeren Retter, Intrige, Neid bis zum Mord und der Lüge sowie ihrer zerstörerischen Wirkung waren enthalten. Am Ende – passend zur Osterzeit – das aufbrechende Ei des Neubeginns.
Ich empfehle dieses Stück aufgeschlossenen Menschen, die Theater à la Deutschem Schauspielhaus mögen.
Annemarie Paysen