Brescia e Amisano © Teatro alla Scala
Wenige Tage vor Beginn der diesjährigen Winterolympiade blickte man in Mailand erstmal auf die Scala: Das große Wagner-Ring-Finale stand an. Dank den überragenden Gesangsleistungen übertraf diese Götterdämmerung die Erwartungen selbst des von nah und fern angereisten und an diesem Haus notorisch kritischen Publikums. In Mailand heißt es: Her den Ring!
Götterdämmerung, WWV 86D
Musik und Libretto von Richard Wagner
Siegfried: Klaus Florian Vogt
Hagen: Günther Groissböck
Gunther: Russell Braun
Alberich: Johannes Martin Kränzle
Brünnhilde: Camilla Nylund
Gutrune/Terza Norna: Olga Bezsmertna
Seconda Norna: Szilvia Vörös
Waltraute: Nina Stemme
Woglinde: Lea-ann Dunbar
Wellgunde: Svetlina Stoyanova
Flosshilde: Virginie Verrez
Prima Norna: Christa Mayer
Mailand, Teatro alla Scala, 1. Februar 2026
von Johannes Karl Fischer
Vor der Scala wimmelte es in Mailand an Olympia-Stimmung. Fünf Tage vor dem feierlichen Spielbeginn sind die Straßenbahnen mit “Milano Cortina 2026” vollplakatiert und auch der Fanshop schmückt formschön die Piazza del Duomo. Vielleicht waren deshalb trotz der mit pompösen Namen geschmückten Besetzungsliste auch noch erstaunlich viele Plätze zu haben, mindestens ein Gast soll noch mit einer Studentenkarte ins Parkett gekommen sein. Egal. Ring in der Scala war schon immer etwas Besonderes.
Das Scala-Publikum zeigte sich von dieser medialen Aufmerksamkeit auf ihre Stadt völlig unbeeindruckt und urteilte mit gewohnter Euphorie über ihre heilige Kunst. David McVicars mit Steinhöhlen und Stahlschwerten gefüllte Regie könnte man fast schon als direkte Antwort auf die Empörung der Herheim-Skeptiker und Götz-Friedrich-Fans verstehen. Trotz der sehr konservativen Bühnenästhetik füllte er die Handlung immer wieder mit kecken Regie-Einfällen und tiefen Emotionen. Siegried und Brünnhilde ließen ihre leidenschaftlichen Liebesemotionen, die Kampfeslust von Hagens Mannengesellschaft blieb mit einem Speertanz nicht erspart. Eigentlich ein gelungene Regie-Arbeit.

Trotzdem gab es für das Regie-Team sehr lautstarke Missfallensäußerungen. Was wollen die Leute eigentlich? Regietheater, da wird ja zum Teil schon die Generalprobe ausgebuht. Dann also das hier. Passt auch nicht? Was denn dann? Eine abgestaubte Wiederaufnahme des absolut nicht mehr zeitgemäßen Chéreau-Rings (bitte nicht!!)? Oder gehören die Regie-Buhs des Stammpublikums einfach zur Scala-Experience?
Grenzenlos begeistert zeigte sich das Publikum allerdings für die musikalische Darbietungen des Abends. Den meisten Applaus gab es für Camilla Nylunds Brünnhilde. Ihre Leistung hatte es mehr als verdient, völlig mühelos und mächtig segelte ihre strahlende Stimme durch den Saal, als wären ihre ewigen Melodien eine einzig schreitende Rheinfahrt. Mit glasklarer Diktion sorgte sie fünfeinhalb Stunden lang stets für Stuhlkanten-Spannung, insbesondere im zweiten Aufzug fesselte sie Publikum und Handlung fest an ihre Monologe und erhob ihre Rolle zur allmächtigen Wotan-Nachfolgerin!
Auch der in dieser Partie mittlerweile routinierte Klaus Florian Vogt meisterte den Siegfried mit Bravour. Kein Hauch eines übertrieben Vibratos oder Dauerfortes, Wagners fesselnden Gesang ließ er glasklar und dynamisch differenziert von der Bühne segeln. Die extremen stimmlichen Herausforderungen dieser Partie verwandelte er mit Links in ein kleines melodisches Lüftchen und ließ seine Liebe zu Brünnhilde souverän aus seiner Stimme blühen. Einzig sein leicht statisches Schauspiel wirkte nicht ganz im Einklang mit der durchdachten Regie, ein wenig plump fiel er zu Beginn des Trauermarschs zu Boden. Kleiner Schönheitsfehler, mehr nicht.

Mit Spannung erwartete man auch Günther Groissböcks Rollendebüt als Hagen. Sein stimmstarker, klar artikulierter Bass stemmte die Partie mit böser Miene und spitzem Speer souverän durch die Gibichungenburg. Ein ganz wenig im musikalischen Schatten blieb allerdings Russell Brauns Gunther. Zwar glänzte sein sauberer Bariton in dieser regietechnisch recht brav gestalteten Partie, doch wirkte sein Auftritt musikalisch ein wenig mutlos. Passt vielleicht einfach zum Libretto, sein „Was hör’ ich“ klang aber nicht nach einem bevorstehenden Mord an Siegfried.

Für eine regelrechte Sensation sorgte allerdings Christa Mayer als Erste Norn. Diese Mini-Partie wäre wohl kaum erwähnenswert, hätte nicht Frau Mayer die ersten Töne des Abends mit ihrer Klangfülle beschenkt und gemeinsam in ihren Kolleginnen Szilvia Vörös und Olga Bezsmertna diese ohnehin zauberhaft komponierten Nornen-Szene in wohl einzigartigem Glanz durch den Saal schweben lasen. Wer anderswo als Waltraute abräumt, darf hier eine Norn singen, man schwebte auf Wagner-Wolke sieben!

Apropos Waltraute, auch Nina Stemme stürzte sich kämpferisch und souverän in die Partie dieser Walküre und stand Frau Nylunds Brünnhilde stimmlich um nichts nach! Das wäre wohl eine der bezauberndsten Waltraute-Szenen der Operngeschichte gewesen… wäre da nicht Alexander Soddys mutloses Dirigat dazwischengekommen.
Zwar spielte das Orchester unter seiner Leistung die Einzelstimmen sauber und solide, auch für die recht weiche Akustik – nicht gerade für einen Walhall abfackelnden Orchesterschluss geeignet – kann Herr Soddy natürlich nichts. Trotzdem ließ er viele eigentlich energetisch aufgeladene Stellen der Partitur fast schon dahinplätschern, da war eindeutig zu wenig saftiger Wagner-Sound und viel Waldvogel-Gezwitscher im Graben. Der hauseigene Chor zeigte seine stimmliche Stärke und lies sich auch von einer stürmisch schnell dirigierten Gibichungen-Hochzeit nicht vom rechten Pfad abbringen.

Erstaunlicherweise feierte das eigentlich für ihre furchtlos kritischen Urteile bekannte Scala-Publikum Herrn Soddy auch noch fulminant – warum eigentlich? Egal. Nicht zu verstehen. Die stimmlichen Leistungen erfüllten die astronomischen Erwartungen des aus weitem Lande angereisten Publikums, womit diese Götterdämmerung die Konkurrenz von der Bühne fegte. E così risuona a gran voce da Milano verso Vienna – und damit schallt es von Mailand lautstark nach Wien: „Her den Ring!“
Johannes Karl Fischer, 2. Februar 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner, Siegfried Teatro alla Scala, Milano, 6. Juni 2025
Richard Wagner, Die Walküre Teatro alla Scala, Milano, 9. Februar 2025
Giuseppe Verdi, Falstaff Teatro alla Scala, Milano, 7. Februar 2025