Lohengrin in Bonn
– der Schwan legt am Rhein eine grandiose Punktlandung hin

Richard Wagner, Lohengrin, Theater Bonn, 4. November 2018

Foto: Mirko Roschkowski (Lohengrin)-Anna-Princeva (Elsa)
© Thilo Beu / Theater Bonn
Richard Wagner, Lohengrin, Theater Bonn, 4. November 2018

Musikalische Leitung, Dirk Kaftan
Inszenierung, Bühnenbild, Licht Marco Arturo Marelli
Kostüme, Ingeborg Bernerth
Dramaturgie, Andreas K. W. Meyer
Heinrich der Vogler, Pavel Kudinov
Lohengrin, Mirko Roschkowski
Elsa von Brabant, Anna Princeva
Friedrich von Telramund, Tómas Tómasson
Ortrud, Dshamilja Kaiser
Heerrufer des Königs, Ivan Krutikov
Choreinstudierung, Marco Medved
Einstudierung Kinder- und Jugendchor, Ekaterina Klewitz
Chor des Theater Bonn
Extrachor des Theater Bonn
Beethoven Orchester Bonn

von Ingo Luther

Welch gediegene Transformationen hat der Lohengrin seit seiner Entstehung bereits durchlebt – zuletzt von lustigen Rattenvölkern umgeben oder als heilbringender Elektriker im Umspannwerk mit einer im Zuge der MeToo-Debatte emanzipierten, selbstbewussten Elsa an seiner Seite. Gerade in Bayreuth wurde der Charakter dieses einstigen Schwanen-Märchens in den letzten Jahren häufig gegen den Strich gebürstet und mit einer vermeintlich zeitgemäßen Intention unterlegt.

In Bonn kann man an diesem Abend den Lohengrin so erleben, wie man ihn in klassischer Lesart versteht: Der märchenhafte Heilsbringer, der aus seiner heiligen, geheimnisumwehten Gralsgesellschaft gesandt wird, um die zu Unrecht unter bösen Verdacht geratene Jungfrau Elsa vor der harten Bestrafung zu bewahren.

Der Schweizer Opernregisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli hat schon an vielen großen Bühnen seine Interpretationen präsentiert. Der Träger des Ehrenringes der Wiener Staatsoper kehrt nun erstmals seit vielen Jahren nach Bonn zurück. Er widerlegt an diesem Abend, dass gut gemachtes Musiktheater zwingend auf den Einsatz von Videotechnik oder komplizierte Drehbühnentechnik angewiesen ist. Sein Bühnenbild (auch hierfür zeichnet er verantwortlich) ist nichts als eine Landschaft aus angehäuften Paletten, auf denen ein weißes Quadrat mit einem Bett den Mittelpunkt bildet. Im oberen, hinteren Bühnenraum symbolisiert eine runde Scheibe mit der Rüstung des Gralsritters und einem Flügel die märchenhafte Herkunft des Schwanenritters. Der Flügel ist laut den Erläuterungen im Programmheft durchaus als ein Symbol für die Kunst und somit indirekt für Richard Wagner selbst zu sehen. Dieses Bühnenbild wird über die drei Aufzüge konsequent beibehalten.

Gerne erinnert man sich an die Magie des Lohengrin-Vorspiels in Bayreuth, bei dem Thielemanns weihevollen Klänge bei geschlossenem Vorhang genossen werden konnten – eine musikalische Sternstunde! Marelli beginnt dagegen seine Geschichte mit dem ersten Ton. Er erzählt bei offenem Vorhang Elsas Traum, die in der Ferne die Vision der märchenhaften Ankunft ihres Helden erlebt, der neben seiner Ritterrüstung an einem Flügel vor sich hin musiziert und ihr entgegenschwebt. Zeitgleich lockt Ortrud den kleinen Gottfried von Elsa weg und verschwindet mit ihm quasi im Erdboden. Entsetzt über die Entführung des Bruders zieht sich Elsa die Bettdecke über den Kopf und versucht, den bösen Traum zu verdrängen. Mit dem Einzug der Männer von Brabant und dem Erscheinen König Heinrichs landet Elsa aber in der bitteren Realität: Der 1. Aufzug beginnt, und sie wird des Brudermordes angeklagt.

Die Regie erzählt die Geschichte von Beginn an sehr nahe am Libretto. Der von Wagner erdachte Charakter der Personen wird nicht bis zur Unkenntlichkeit überdehnt, transferiert oder mit Gewalt in einen neuen erzählerischen Kontext gepresst. Bei Marelli gibt es den „Original Lohengrin“ – nicht allein deshalb lohnt diese Bonner Interpretation besonders für Werk-Einsteiger und Wagner-Puristen!  Wer die Geschichte vorher gelesen hat, der wird sie auf der Bühne nahezu „Eins zu eins“ wiederfinden.

Nun aber zu dem, was diesen Bonner Lohengrin in allererster Linie ausmacht: Ein wahrer, ungetrübter musikalischer Hochgenuss mit erstklassigen Sängern, die an diesem Abend zum Teil ihre Rollen-Debuts feiern.

In der Titelpartie ist ein Mirko Roschkowski zu erleben, der einen reinen, klangschönen Schwanenritter singt. Hier steht kein Kraftprotz auf der Bühne (auch wenn die Optik etwas Anderes aussagt!) – die Stimme wird energiesparend eingesetzt, an den nötigen Stellen kraftvoll forciert und die gefühlvollen Passagen mit tenoralem Schmelz und feinster Akzentuierung gemeistert. Nicht nur Borussia Dortmund grüßt derzeit von der Tabellenspitze, auch der Dortmunder Junge Mirko Roschkowski hat das Zeug dazu, sich im Ranking der Wagner-Tenöre in obere Regionen hoch zu singen. Nach seinem erstklassigen Erik in Hagen, dürfte sein Lohengrin-Debut an diesem Abend ein Meilenstein in der Karriere sein.

Anna Princeva (Elsa) – Dshamilja Kaiser (Ortrud) © Thilo Beu / Theater Bonn

Die Elsa von Anna Princeva passt hervorragend zu diesem feinfühligen, schöngeistigen Gralsritter. Die junge Russin verkörpert eine naive, mädchenhaft-liebende Elsa, die nur im Brautgemach an ihrem Helden zweifelt und ihm darüber hinaus in schwärmerischer Unterwürfigkeit ergeben ist. Die Klischeehaftigkeit dieses Frauenbildes kann kitschiger kaum gezeichnet werden, in die klassisch-konservative Deutung des Bonner Lohengrin fügt sie sich glänzend ein. Anna Princevas wunderbar leuchtender, lyrischer Sopran, den sie farbenreich und mit enormer Textverständlichkeit einzusetzen weiß, gehört zu den Höhepunkten an diesem Premieren-Abend – mit Mirko Roschkowski bildet sie zusammen ein Traumpaar!

Die Ortrud von Dshamilja Kaiser ist atemberaubend! Die Boshaftigkeit ihres durchdringenden Blickes spießt selbst den Besucher im hintersten Parkett förmlich auf. In ihrem „Entweihte Götter“ schleudert sie mit ihrem durchdringenden, ausdrucksstarken Mezzosopran eine rasende Welle des Hasses in den Saal und schmiedet in ihrem Duett mit ihrem hoffnungslos unterlegenen Gatten Telramund ihre diabolischen Rache-Phantasien. Mag ihre Rollen-Interpretation teilweise auch überzeichnen, Dshamilja Kaiser liefert eine grandiose, dominante und nachhaltig beeindruckende Ortrud ab. Ihre Stimme empfiehlt sich an diesem Abend eindringlich für größere Häuser.

Der Friedrich von Telramund von Tómas Tómasson muss neben seiner Bühnengattin zwangsweise etwas abfallen. Seine Wut und Verzweiflung färben unschön auf die Stimme ab. Vieles wirkt leicht übersteuert und stärkeres Forcieren geht zu Lasten der Textverständlichkeit. Sein Spiel transportiert die zerstörerische Dynamik des gemeinsamen Rachefeldzugs jedoch eindrücklich.

Ivan Krutikov singt einen sachlichen, beamtengleichen Heerrufer. Der König Heinrich von Pavel Kudinov versteht sich eher als verständiger Moderator und wirkt manchmal ein wenig brav und bieder, dafür aber technisch makellos.

Der Bonner GMD Dirk Kaftan hat einen wunderbaren Zugriff auf das Beethoven Orchester. Hier wird mit Präzision und Farbenreichtum musiziert, und Wagners Klangwelten werden bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Klanglich interessant auch der Ansatz, die Trompeten-Fanfaren bei der Verwandlungsszene aus verschiedenen Bereichen im Saal erklingen zu lassen. Auch die Stimme des Heerrufers erklingt aus dem Logenbereich. Das sorgt im Parkett für ein rauschhaftes „Rundum-Musik-Gefühl“. Keine neue Idee, aber eine handwerklich gut gemachte Umsetzung.

Wer den Bayreuther Lohengrin von Christian Thielemann noch im Ohr hat, fährt sicherlich mit gemischten Gefühlen zu jeder neuen Aufführung unter anderer musikalischer Leitung. Hierin liegt auch der großartige Erfolg von Dirk Kaftan begründet, der einen eigenen, musikalisch hochwertigen Weg wählt und in präziser Vollendung umsetzt. Bravo!

Ein weiteres musikalisches Prunkstück an diesem Abend sind die von Marko Medved einstudierten Chöre (ebenso der Kinderchor unter der Leitung von Ekaterina Klewitz!). Die Einsätze erfolgen mit großer Präzision und an den entsprechenden Stellen mit der gebotenen klanglichen Wucht. Dabei hat der Chor nicht nur den gesanglichen Part zu absolvieren, sondern ist in dieser Produktion auch in schauspielerischer Hinsicht überaus beschäftigt. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn die Mannen von Brabant sich vor dem Zug zum Münster im 2. Aufzug nach durchzechter Nacht erst einmal komplett ankleiden müssen und zum Teil in Unterhosen und ohne Socken auf der Bühne herumwuseln. Im 3. Aufzug dekorieren die Sänger und Sängerinnen dann in liebevoller Kleinarbeit das Brautgemach und statten es mit Decken, Mobiliar, einer Wiege und reichlich Brautgeschenken aus. Das ist jederzeit unterhaltsames, im Großen und Ganzen auch schlüssiges Musiktheater.

Die ausgezeichnete Personenführung und die große Liebe zum Detail sind die besonderen Merkmale der Regiearbeit von Marco Arturo Morelli. Sind häufig Produktionen zu erleben, in denen die Protagonisten zum größten Teil auf das „Herumstehen“ reduziert werden, so passiert auf der Bonner Bühne ständig etwas. Jeder einzelnen Rolle verlangt die Regie ein gehöriges Maß an schauspielerischer Aktion ab. Gestik, Mimik und Darstellung erzählen die Geschichte stets auf Augenhöhe mit dem gesungenen Wort.

Das Publikum feiert am Ende einen großartigen Premieren-Abend in Bonn mit langanhaltendem, stellenweise frenetischem Applaus. Musikalisch ist dieser Lohengrin höchsten Ansprüchen gewachsen – sämtliche Rollen sind hervorragend besetzt. Ungewöhnlich – auch die Regie kann an diesem Abend ungeteilte Zustimmung entgegennehmen. Nicht ein einziger „Buh-Rufer“ bekundet sein Missfallen. In Zeiten, in denen sämtliche Dinge des Lebens ständigen Veränderungen und dem Wandel unterworfen sind, sehnen sich offenkundig viele Menschen nach so konservativen Werten wie Vorhersehbarkeit, Konstanz und Normalität. In Bonn ist dort, wo Lohengrin drauf steht auch Lohengrin drin – so einfach und gleichzeitig erfolgreich ist das!

Wer einem Sängerfest ohne radikale Regie-Experimente beiwohnen möchte, dem sei dieser Lohengrin in Bonn dringend ans Herz gelegt.

Weitere Termine:
11. und 24. November; 21. und 26. Dezember 2018; 06. und 07. Januar;
01. und 23. Februar; 6. und 30. März und 14. April 2019

Ingo Luther, 5. November 2018
für klassik-begeistert.de

 

Ein Gedanke zu „Richard Wagner, Lohengrin, Theater Bonn, 4. November 2018“

  1. „auch der Dortmunder Junge Mirko Roschkowski hat das Zeug dazu, sich im Ranking der Wagner-Tenöre in obere Regionen hoch zu singen“.

    Das freut mich zu lesen und es überrascht mich auch nicht! Habe den Herrn Roschkowski als Tamino an der Volksoper Wien erleben dürfen – dabei hat sich schon herauskristallisiert, dass er ein hervorragender Lohengrin sein könnte.

    Jürgen Pathy

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