Ritterbands Klassikwelt 12: „Va Pensiero“… Die Fortsetzung

Ritterbands Klassikwelt 12: „Va Pensiero“… Die Fortsetzung

„In manchen Jahren der NS-Schreckensherrschaft wurde Verdi öfter aufgeführt als Wagner. Doch „Nabucco“ mit den unterdrückten, am Ende gegen die babylonische Übermacht (die man ohne weiteres als das NS-Reich hätte identifizieren können…) triumphierenden Juden – das ging ebenso wenig wie die Polin, welche die Reize aller Frauen in sich vereine.“

von Charles E. Ritterband

In „Klassikwelt“ 11 hatte ich über die Bedeutung des wohl berühmtesten Opernchors aller Zeiten – „Va Pensiero“ – aus „Nabucco“ nachgedacht. Ich stellte mir damals die keineswegs originelle Frage, ob – je nachdem – der Gefangenenchor oder die Freiheitshymne an zentraler Stelle in Verdis berühmter Oper als „geheime Nationalhymne Italiens“ als Fanal zur Abschüttelung der Habsburgischen Herrschaft betrachtet werden kann. Es ist, zweifellos, ein emotionsgeladenes Stück, das besonders den Italienern unverzüglich ans Herz und an die Tränendrüsen geht.

Ritterbands Klassikwelt 11: „Va pensiero“ im Cyberspace statt auf „Goldenen Schwingen“

„Va Pensiero“ – geheime Nationalhymne und Fanal zum Aufstand?

Aber, „geheime Nationalhymne“? Eher nicht. Obwohl doch einiges dafür sprechen würde: der Zeitpunkt von Komposition und Uraufführung – die Epoche der italienischen Einigung und des Widerstands gegen die habsburgischen Herren, Verdi unbestritten als Held des Risorgimento, als überaus populäre Verkörperung aller damaligen patriotischen Aufwallungen („Viva V.E.R.D.I.“ stand damals als Graffitti auf italienischen Hauswänden, Akronym für „Vittorio Emanuele Re D’Italia“ – der herbeigesehnte Herrscher über ein vereintes, freies Italien). Ins Mythische reicht schließlich das (wahre oder gut erfundene) Schlüsselerlebenis, das Verdi, der nach einem frappanten Misserfolg eigentlich das Komponieren aufgeben wollte, zufällig auf jenen Text im Libretto Temistocle Soleras stoßen ließ, der ihn, als Inbegriff des italienischen Opernkomponisten, zurück auf die Opernbühne gebracht hatte…

Gegen diese an sich so naheliegende Theorie spricht manches – vor allem die Logik, dass ein Chor von Gefangenen sich als Nationalhymne gerade optimal eigne. Und die Tatsache, dass der äußerst populäre „Nabucco“ unmittelbar nach dem Mailänder Aufstand gegen die Österreicher von diesen sofort wieder auf den Spielplan der (übrigens von Maria Theresia erbauten) Mailänder Scala gesetzt und Verdi im Revolutionsjahr 1848 im Teatro San Carlo zu Neapel vorgeworfen wurde, die Chöre im „Nabucco“ seien nicht genügend patriotisch…

So ist also „Va Pensiero“ tatsächlich nichts anderes als der Chor der verschleppten Hebräer, deren Gedanken „auf goldenen Schwingen“ in die verlorene Heimat fliegt. Auch wenn rechtsgerichtete italienische Bewegungen (die separatistische Lega Nord) sich selbst noch heute nach Kräften bemühen, „Va Pensiero“ für ihre demagogischen Zwecke zu vereinnahmen – und angesichts des emotionellen Potentials von Text und Musik leichtes Spiel haben.

Johann Strauß als „völkischer Antisemit“

Auch NS-Deutschland zeigte bekanntlich Meisterschaft im Vereinnahmen populärer Musikstücke. Große Hits wollte man sich nicht entgehen lassen und das immer mehr durch Hiobsbotschaften von der Ostfront und Bombardierungen entmutigte Volk sollte durch zündende Melodien von der zynischen Schreckensherrschaft der Nazis abgelenkt und mit einem bescheidenen Rest heiterer Unterhaltung versorgt werden.

Dass dabei unwillkommene Nebenerscheinungen mehr oder weniger kunstvoll ausgeblendet, überspielt oder gefälscht wurden ist ein durchaus spannendes Kapitel der Musikgeschichte. Die Nazis waren ja bekanntlich Weltmeister der Geschichtsklitterung. Besonders peinlich musste ihnen die Tatsache sein, dass die Komponistenfamilie Strauß – der Inbegriff des walzernden Wien – jüdische Ursprünge hatte. Das Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“ behauptete: „Wenn Johann Strauß heute lebte, dann wäre er Antisemit. In seiner Musik liegt ein wahrhaft völkisches Empfinden. Aus seiner Musik spricht ein echt deutscher Mann zu uns“ („Der Stürmer“ No. 23, 1939). Um derartige Hirngespinste nicht etwa durch Tatsachen trüben zu lassen, griffen die Nazis kurzerhand zur Tat: Aus dem Wiener Stephansdom „entführten“ NS-Agenten das Trauungsbuch der Dompfarre St. Stefan, eliminierten die Religionszugehörigkeit des Ur-Urgroßvaters von Johann Strauß, Johann Michael Strauß, und legten das umfangreiche Buch stillschweigend wieder an seinen Platz. Der „Walzerkönig“ war nun nicht mehr, nach NS-Definition, „Vierteljude“ bzw. „Mischling 2. Grades“, sondern Arier.

„Dein ist mein ganzes Herz“ – Endstation Auschwitz

Naturgemäß unwillkommen waren den Nazis die (nach ihrer Definition) jüdischen Librettisten, der im NS-Regime hochgeachteten Komponisten Franz Lehár (Fritz Löhner-Beda und Victor Léon) und Richard Strauß (Hugo von Hofmansthal und Stefan Zweig). Auf die populären Werke mochten die Nazis nicht verzichten – die jüdischen Librettisten blieben ganz einfach in den Programmheften unerwähnt. Erschütternd war das Schicksal von Fritz Löhner-Beda, der unter vielem anderen den Text der unsterblichen Arie „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem „Land des Lächelns“ geschrieben hatte. Löhner-Beda wurde am 4. Dezember 1942 in Auschwitz ermordet – in der dortigen I.G.-Farben-Fabrik erschlagen – ohne dass sich Lehár, der ihm unter anderem den Text zu seiner berühmtesten Arie zu verdanken hatte, für seine Freilassung beim „Führer“ eingesetzt hätte. Seine Frau Helene (geborene Jellinek) wurde mit ihren beiden Töchtern im Vernichtungslager Maly Trostinez (in einem Gaswagen) ermordet.

Inopportune Huldigung der Polin

Schon geradezu erheiternd waren die linkischen Bemühungen der Nazis, beliebte Operetten und insbesondere berühmte Arien zu „arisieren“. Das wohl skurrilste Beispiel ist Carl Millöckers „Bettelstudent“, auf dessen Unterhaltungspotenzial die Nazis ebenso wenig verzichten mochten wie auf andere populäre Operetten. Doch die Sache hatte einen Haken – denn eine der beiden bekanntesten Arien („Ich knüpfte manche zarte Bande“ ) zählt die Reize der Frauen Europas und anderer Erdteile auf und die Aufzählung gipfelt in der geradezu ekstatischen Huldigung der Polin, die alle Reize sämtlicher Frauen in sich vereint: „Doch all die Schönheit schnell verbleicht, wenn man dagegen hält die Polin – Der Polin Reiz bleibt unerreicht! Die Polin hat von allen Reizen die exquisitesten vereint. Womit die andern einzeln geizen, bei ihr als ein Bukett erscheint“. So geht es in den höchsten Tönen weiter mit der griechisch-römischen Nase, den Glutaugen, dem üppigen Mund, dem Kinn, den „Füsschen“, die Figur – „immer grad das Beste nur“.

Das ging natürlich überhaupt nicht. Die Polen waren für die Nazis „slawische Untermenschen“, die gerade noch als Sklaven für die deutschen Übermenschen taugten. Aber die Operette – und mit ihr dieses Lied – musste bleiben. Also nahm man Zuflucht zu einem sehr deutschen Murks: „Die Polin“ im Text wurde ersetzt durch „die Deutsche“. Wie das am Ende geklungen haben mag, entzieht sich meiner Kenntnis. Tonaufnahmen der „Arisierung“ dieses Lieds sind meines Erachtens nicht erhalten. Oder doch?

„Nabucco“ – „judenrein“

Doch zurück zu „Nabucco“. In manchen Jahren der NS-Schreckensherrschaft wurde Verdi öfter aufgeführt als Wagner. Besonders gern brachten die Nazis „Giovanna d’Arco“ auf die Bühne – mit reichlich Hakenkreuzen und britischen Bösewichten. Doch „Nabucco“ mit den unterdrückten, am Ende gegen die babylonische Übermacht (die man ohne weiteres als das NS-Reich hätte identifizieren können…) triumphierenden Juden – das ging ebenso wenig wie die Polin, welche die Reize aller Frauen in sich vereine. Analog zu jenem „völkisch bereinigten“ Lied aus dem „Bettelstudent“ schuf ein gewisser Julius Knapp eine „judenreine“ Fassung des Nabucco. In dieser traten Ägypter anstelle der Hebräer auf und im Chor „Va Pensiero“ ersetzte er flink den Jordan durch den Nil und Zion durch Memphis – denn an die Stelle der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar 587 v. Chr. trat nun dessen Kampf mit Memphis, 568 v. Chr. Und im Gegensatz zu jener Arie aus dem „Bettelstudent“ mit der die Polin substituierenden Deutschen ist der Gefangenenchor in der „arisierten“ Fassung, selbstverständlich in deutscher Sprache („Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht“), in Tonaufnahmen und im Internet erhalten – samt der Textzeile „Teure Heimat, wann seh‘ ich dich wieder“.

Ziemlich befremdlich. Der „Verdi-Ariseur“ Knapp verschwand, wie so viele, nach dem vorzeitigen Untergang des Tausendjährigen Reiches keineswegs sang-und-klanglos von der Bildfläche, sondern verfolgte hemmungslos eine durchaus honorige Laufbahn als Dramaturg an der Städtischen Oper Berlin (1948 bis 1954) und danach als freischaffender Autor und Regisseur im Allgäu.

Vom Hotel „Nabucco“ zum KZ-Besuch

Aber es gab auch die andere Seite: Im April 1935 dirigierte Joseph Rosenstock im Auftrag des Jüdischen Kulturbunds eine Premiere von Nabucco in Berlin mit ausschließlich jüdischen Mitwirkenden (Siegfried Uria als Nabucco und Anna Lipin als Fenena). Im KZ Theresienstadt wurde zwar die Kinderoper „Brundibár“ von Hans Krasa und Adolf Hoffmeister – mit todgeweihten Kindern als Darstellern – aufgeführt. Nicht aber, wie es der Mythos will, „Nabucco“. Allerdings wurde der „Va Pensiero“, der Chor der exilierten und unterworfenen Juden, zum Abschluss der Erinnerungsfeierlichkeiten im Friedhof der Kleinen Festung von Theresienstadt am 20. Mai 2018 aufgeführt. Manche Nabucco-Inszenierungen in verschiedenen Theatern und Opernhäusern wählten Theresienstadt als Schauplatz. Ich selbst kann mich noch sehr gut an eine ebenso eindrückliche Inszenierung dieser Art im St. Galler Stadttheater in den frühen 80er Jahren erinnern.

Heute bietet ein tschechisches Reisebüro Reisen unter dem Titel „Prags jüdische Geschichte erleben inkl. KZ-Besuch“. Übernachtet wird im Hotel „Nabucco“: „Dieses schöne Hotel hat alles, was Gäste benötigen um sich zu entspannen und wohl zu fühlen“, heißt es im Prospekt.

Charles E. Ritterband, 9. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Charles E. Ritterband mit seinem Königspudel auf der Isle of Wight

Der Publizist und Journalist Dr. Charles E. Ritterband, 67, geboren in Zürich / Schweiz, ist Verfasser mehrerer Bestseller („Dem Österreichischen auf der Spur, „Österreich – Stillstand im Dreivierteltakt“ sowie „Grant und Grandezza“) und hat als Auslandskorrespondent 37 Jahre aus London, Washington, Buenos Aires, Jerusalem und Wien für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtet. Er studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Staatswissenschaften an den Universitäten Zürich und Harvard sowie am Institut d’études politiques de Paris und an der Hochschule St. Gallen. Seit Kindesbeinen schlägt Charles’ Herz für die Oper, für klassische Konzerte und für das Theater. Schon als Siebenjähriger nahm ihn seine Wiener Oma mit in die Johann-Strauß-Operette „Eine Nacht in Venedig“. Die Melodien hat er monatelang nachgesungen und das Stück in einem kleinen improvisierten Theater in Omas Esszimmer nachgespielt. Charles lebt im 4. Bezirk in Wien, auf der Isle of Wight und in Bellinzona, Tessin. Er schreibt seit 2017 für klassik-begeistert.de.

 

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