Schweitzers Klassikwelt 154: Wie sich Stimmen ändern, Teil I 

Schweitzers Klassikwelt 154: Wie sich Stimmen ändern, Teil I  klassik-begeistert.de, 6. Januar 2026

„Il Barbiere di Siviglia“ von Giovanni Paisiello im Theater an der Wien 2015 mit Mari Eriksmoen (Rosina) und Pietro Spagnoli (Bartolo) User: Francisco Peralta Torrejón

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Sind es hormonelle Veränderungen, dass Basilios Stimme bei Rossini wie Kanonendonner klingt, bei Mozarts Fortsetzung der Geschichte wie die eines Tenorinos?

Drei Jahre vor der Wiener Premiere von „Le nozze di Figaro“ wurde in Giovanni Paisiellos „Barbiere di Siviglia“ oder „Die nutzlose Vorsichtsmaßnahme“ (Uraufführung Petersburg 1782) Rosinas Gesangslehrer wie bei Rossini für einen Bass resp. Bassbariton geschrieben. Rossinis „Barbiere“ kam erst nach Mozarts Tod in Rom zur Uraufführung. Also in dem Fall die Vorgeschichte nach der Fortsetzung.

Der gräfliche Schwerenöter Almaviva wurde sowohl bei Paisiello als auch bei Rossini als Tenor gesehen bzw. gehört. Beim Grafen als Lebemann entschied sich Mozart der Geläufigkeit des Textes wegen für eine dunklere Stimme. Figaro, einst sein Kumpan, hat als Gegenspieler etwas an Tiefe (und Selbstbewusstsein?) zugelegt. Der Dottore Bartolo bleibt in allen drei Opern seinem Bass treu. Die Rosina, noch nicht Gräfin, wird bei Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ in den Aufführungen von allen weiblichen Stimmlagen gesungen. Die neuerliche Fortsetzung „Figaro lässt sich scheiden“, ist ein Flüchtlingsdrama zur Zeit der schon bei Mozarts Werk sich zusammenbrauenden Revolution.

Der Komponist Giselher Klebe hält sich bei den Protagonisten bezüglich ihrer Stimmlagen ziemlich an Mozart. Cherubin jedoch wird zum Tenor. Übrigens versöhnt sich Figaro zum Schluss wieder mit Susanne. In „Figaro Gets a Divorce“ der britischen Komponistin Elena Langer tritt Cherubino als Countertenor auf.

In Puccinis „La Bohème“ wird naturalistisches Theater kunstvoll und fast unbemerkt romantisiert. Wir erlebten im Sommer 2002 im Theater an der Wien Ruggero Leoncavallos der Realität weitaus näher stehende „La Bohème“. Wir wurden Zeugen einer Delogierung, von Handgreiflichkeiten und der Selbstverliebtheit der Künstler. Der Tod Mimìs gipfelte in der Inszenierung in der Flucht Musettes, angeekelt von der Arme-Leute-Atmosphäre.

In der Wiener Staatsoper gab es von dieser „La Bohème“ nur eine magere Serie mit sechs Aufführungen in den Monaten Februar bis April 1898 mit Marie Renard als Musette, hier Mezzosopran und Näherin (Mimì ist dagegen Blumenbinderin), die als Carmen, Azucena, Charlotte, Hänsel und Cherubino Karriere machte, aber auch mit den Sopranpartien Tatjana und Manon Lescaut. Auch die Stimmlagen der Bohémiens Rodolfo und Marcello sind, für uns ungewohnt, ausgetauscht.

Eine ähnliche „Rochade“ haben wir bei Jules Massenets „Herodiade“. Gustave Flaubert verstand es noch vor dem Drama Oscar Wildes in seiner Kurzgeschichte „Herodias“ die damalige Situation dieser unruhigen Zeit aufs Lebendigste zu schildern. Die Erzählung wirkt hier noch dramatischer als Wildes späteres Theaterstück. Johannes der Täufer schwankt hier zwischen paranoider Aggressivität und einschmeichelnden Phasen.

Meisterhaft schildert Flaubert das Erscheinen der Salomé, als wären wir beim Bankett anwesend. Im Gegensatz zur Oper „Salome“ wird zwar der Kopf des Johannes vom Henker der Prinzessin vorgelegt, macht jedoch dann unter den Gästen die Runde, bis die Schüssel mit dem Haupt zu Herodes zurückgebracht wird, der seine Tränen nicht zurückhalten kann.

Die Konstellation der Sterne wies noch diese Nacht auf den Tod eines Mannes von Rang, was der Tetrarch ängstlich auf sich bezog. Und wäre der Verurteilte wirklich, wie viele Leute glaubten, der wieder erschienene Prophet Elias, hätte dieser die Macht sich selbst zu schützen. Essener tragen dann den Kopf des Johannes nach Galiläa, die Worte des Johannes jetzt verstehend: „Damit des Messias Herrlichkeit wächst, muss meine abnehmen.“

Was haben Paul Milliet und Henri Grémont aus dieser Vorlage für Jules Massenets „Hérodiade“ gemacht? Salomé ist auf der Suche nach ihrer ihr unbekannten Mutter. Sie begegnet Jean. Seine Andersartigkeit fesselt sie und sie verliebt sich in den Propheten. Dieser rät ihr zu einer spirituellen Liebe. Der eifersüchtige Hérodes verurteilt beide zum Tod. Salomé und Jean erklären sich ihre Liebe zueinander. Salomé will sich an Hérodiade als Drahtzieherin der Enthauptung ihres Geliebten rächen. Als sie erfährt, dass diese ihre Mutter ist, tötet sie sich selbst. Hier wird ein menschlicheres Bild der Salomé gezeigt und nicht eine pathologische Ersatzbefriedigung nach einer vergeblichen Liebeswerbung.

Vielleicht deshalb der Wechsel der männlichen Stimmlagen. Hérodes nicht ein Charakter- oder Heldentenor, sondern ein Bariton, und Jean kein Heldenbariton, sondern ein Tenor (u.a. mit Cura, Carreras, Domingo).

Igor Strawinski wählte für seinen Seher Teiresias in „Ödipus Rex“ einen Bass, Carl Orff in „Oedipus der Tyrann“ für Tiresias hingegen einen Tenor. Helmut Krebs, Interpret in zahlreichen modernen Opern, hatte bereits in Orffs „Antigonae“, einem Drama von Sophokles in der Übersetzung von Friedrich Hölderlin, zu den Salzburger Festspielen 1949 mitgewirkt. Er blieb als Tiresias in markanter Erinnerung. Im „Großen Handbuch der Oper“ entdeckten wir „Edipo Re“ von Ruggiero Leoncavallo. Hier wird Teiresias von einem Bariton gesungen.

Bei „Billy Budd“ denken wir unwillkürlich an Benjamin Britten und an einen unsrer Lieblingstenöre, Neil Shicoff, als Kapitän Vere, der im Alter bezüglich der Hinrichtung von Billy Budd nach Kriegsrecht an Bord seines Kriegsschiffs Gewissensbisse bekommt.

Die Uraufführung von Giorgio Federico Ghedinis gleichnamiger Oper fand sogar zwei Jahre früher 1949 statt. Kapitän Vere ist hier ein Bass, Billy Budds Widersacher John Claggart ein Tenor und kein Bass. In Brittens „Billy Budd“ war es unsere erste und eindrucksvolle Begegnung mit Eric Halfvarson, dem Hagen, Großinquisitor, Sarastro und Komtur der Wiener Staatsoper.

Teil II unserer Serie „Schweitzers Klassikwelt 154“ lesen Sie  
Mittwoch, 7. Januar, hier auf klassik-begeistert.de
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Lothar und Sylvia Schweitzer, 6. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Schweitzers Klassikwelt 153: Opern können Offenbarungen gleichen klassik-begeistert.de, 23. Dezember 2025

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