Schweitzers Klassikwelt 154: Wie sich Stimmen ändern, Teil II 

Schweitzers Klassikwelt 154: Wie sich Stimmen ändern, Teil II  klassik-begeistert.de, 7. Januar 2026

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Dem „Fidelio“, in der dreiaktigen Urfassung „Leonore“ genannt, diente als Vorlage die Oper „Leonore, oder Die eheliche Liebe“ 1798 von Pierre Gaveaux. Im Personenverzeichnis lesen wir an der Spitze irritiert:

„Dom Fernand, Minister und Grande von Spanien (Basse Taille)“ Basse Taille wörtlich übersetzt: Niedere Gürtellinie. Als Nächstes steht: „Dom Pizarre, Gouverneur eines Staatsgefängnisses (2nde Haute-Contre)“ Und darunter lesen wir: „Florestan, Gefangener (1ière Haute-Contre)“. Wir recherchieren im Internet. Haute-contre: Stimmumfang in der Barockzeit, eine Männerstimme mit besonders hohem Tonumfang.

Wie die Countertenöre singt auch der Haute-Contre gegen die Tenorstimme, teilt annähernd denselben Tonumfang, ist jedoch ein echter Tenor mit einem hohen Tonumfang, der für bestimmte hohe Töne seine Kopfstimme und nicht die Bruststimme verwendet. Die angewandte Technik ermöglicht den Übergang von der Bruststimme zur Kopfstimme ohne Stimmbruch, ohne Wechseln ins Falsett. Sie ist besonders in Frankreich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gern verwendet worden. Der Erbe war dann „der Tenor im französischen Stil“, eine hohe, sehr flexible Tenorstimme, die Kopf- und Brustresonanzen miteinander verbindet und sehr hohe Pianissimi ermöglicht. Der Frankokanadier Léopold Simoneau wird namentlich angeführt, bekannt als Mozartsänger, der uns aus der Literatur bekannt ist.

Wenn wir eine Zeile heruntergehen, suchen wir vergebens bei „Léonore, seine Frau, unter dem Namen Fidelio“ eine Stimmfachbezeichnung. Es wird nur der Rollentypus angegeben: „1ière amoureusse“ (erste Liebhaberin). Wenn dann bei „Marceline, der Tochter des Kerkermeisters Roc“ als nähere Angabe steht: „2nde amoureusse“, sind wir erleichtert. Bei Pizarro und Florestan bedeuten also die Beifügungen 2nde und 1ière keine noch genaueren Stimmlagenbezeichnungen, die wir auch nach langem Suchen im Internet nicht gefunden haben. Bei Roc (in Beethovens „Fidelio“ Rocco genannt) steht in Klammer wieder „untere Gürtellinie“.

Aber die Überraschungen hören nicht auf. Bei Jacquino, dem Liebhaber Marcelines steht eine neue, ungewöhnliche Stimmfachbezeichnung, nämlich „Trial“. Antoine Trial war ein Sänger. Seine Haute-Contre-Stimme war dünn und nasal und er war auf Dienerrollen, denken wir an „Les Contes d’Hoffmann“, spezialisiert. Sein Zuname wurde zum Beinamen für Sänger ähnlicher Eigenschaften. Eine zwiespältige Sache, soll doch jede Sängerin, jeder Sänger seine Individualität bewahren. Antoine Trial war ein Mitkämpfer Robespierres und musste nach dessen Fall das Theater verlassen, was ihn zum Selbstmord trieb.

Es heißt, Erfindungen gleicher Art finden weltweit an verschiedenen Orten zu fast gleicher Zeit statt. Die „Leonora“ von Ferdinando Paër wurde 1804 in Dresden uraufgeführt. Ludwig van Beethovens erste (dreiaktige) Fassung, noch unter dem Namen „Leonore“ (später erst unter „Fidelio“) im Theater an der Wien 1805. Die Stimmlagen sind trotz des sehr ähnlichen Inhalts wie die folgende Übersicht zeigt teilweise verschieden:

Paër Beethoven

Leonora/e – Fedele/Fidelio  Sopran
Marcellina/Marzelline  Sopran
Florestan  Tenor
Pizarro Tenor /Bariton
Rocco Bass
Giacchino/Jaquino  Bariton/Tenor
Don Fernando Tenor/Bariton

Das Faust-Thema wird in mehreren Opern unter verschiedenen Titeln (Faust, Doktor Faustus, La Damnation de Faust, Marguérite, Mefistofele) und auf verschiedene Weisen behandelt. Den Verführer Mephistopheles verknüpfen wir aus unseren Opernerfahrungen mit einem Bass. Einzig Feruccio Busoni verband ihn mit der Stimmlage Tenor. In der Rolle hörten wir den US-Amerikaner George Gray bei seinem Debüt an der Grazer Oper. In Zürich sang Gray erfolgreich Wagner-Partien. Und wir hatten gedacht, der Mephisto wäre bei Busoni ein Charaktertenor.

Programmheft mit Bild von Adolphe Cossard

Es waren die ersten Salzburger Pfingstfestspiele unter der künstlerischen Leitung der Cecilia Bartoli mit dem Thema „Im Labyrinth von Eros und Macht“ mit Blickpunkt auf die Pharaonin Kleopatra. Es wurde diese Frau unter verschiedenen Gesichtspunkten und durch verschiedene Interpretinnen vorgestellt.

Unter dem Titel „Cleopatra raffinata“ wurde Händels „Giulio Cesare in Egitto“ aufgeführt, die zeigt, wie Cleopatra (Cecilia Bartoli) durch Verführungskünste Julius Cäsar um den Finger wickelt und durch seine Hilfe ihren Bruder entmachtet.

Wir waren in der Felsenreitschule Zeugen einer wunderbaren konzertanten Aufführung von Jules Massenets „Cléopâtre“ über die Leidenschaften zwischen der letzten Pharaonin und dem römischen Feldherrn Marcus Antonius unter dem Titel „Cleopatra sensuale“. In der Titelrolle begeisterte uns Sophie Koch. Und unter dem Oberbegriff „Cleopatra tragica“ schildert Hector Berlioz die letzten Minuten vor dem Schlangenbiss in einem Konzert mit der Kantate „La Mort de Cléopâtre“, in Salzburg mit Vesselina Kasarova.

Alle drei „Kleopatras“ wurden von Mezzosopranistinnen gesungen. Gleichwohl Händels Pharaonin für Sopran notiert ist. Berlioz’ Cléopâtre für Sopran oder Mezzosopran.

In Wikipedia lesen wir bei Brittens „Sommernachtstraum“: „Oberon, Elfenkönig – Countertenor“, in Heinz Wagners „Das große Handbuch der Oper“ wird der König der Elfen als Alt deklariert. In András Battas „Opera“ steht exakter: „Counter oder Alt“. Gespannt wartete ich vor der Wiener Erstaufführung 1962 (in deutscher Sprache) auf die Interpretation des Oberon durch Gerhard Stolze. Hatte er doch im Frühjahr 1961 in Carl Orffs „Oedipus der Tyrann“ in der Titelpartie zeitweise in beachtenswertem Falsett gesungen. Doch dann die Enttäuschung. Er sang mit seinem Charaktertenor und der klang kurz nach seiner FSME-Infektion noch wenig tragend.

Nach St. Pölten gereist hörte ich dann etliche Jahre später originaler Mircea Mihalache. In Programmheften oft fälschlich als Countertenor bezeichnet, ist Mihalache durch unabsichtliche Unterdrückung der Mutation ein echter Alt.

Gemeinsam mit Sylvia fanden wir wegen einer fünfundfünfzig Jahre dauernden Pause an der Staatsoper in der Wiener Volksoper Ersatz. Dort hörten wir ebenfalls noch auf Deutsch den nach fünfjähriger Ausbildungszeit als Tenor erst im sechsten, letzten Jahr zum Countertenor gewechselten Jochen Kowalski und an der Staatsoper Hamburg 2006 den Countertenor Alexander Plust, der bald darauf zum Bariton wechselte! Wieder an der Staatsoper in der Neuinszenierung in englischer Sprache den amerikanischen Countertenor Lawrence Zazzo.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 7. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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