Schweitzers Klassikwelt 156: So kann man sich (konnten wir uns) bei Rezensionen irren

Schweitzers Klassikwelt 156: So kann man sich bei Rezensionen irren  klassik-begeistert.de, 3. Februar 2026

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Der Dichter und Sänger Leonard Cohen empfand jeden gelungenen Abend als Glück und Gnade. So kann bei einer einmaligen Begegnung mit einer Sängerin oder einem Sänger ein falsches Bild entstehen, das aber durch den Bericht darüber noch dazu vervielfältigt wird.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Ein nicht beeindruckender Prolog des Tonio zum Beispiel kann in den folgenden fünfundsechzig Minuten von „Pagliacci“ schwer wettgemacht werden. Doch dann lesen wir überraschend von einer „La Traviata“ an der Staatsoper Unter den Linden über denselben Interpreten: „Der Bariton war ein Vater Germont wie aus dem Bilderbuch, fast war er zu sympathisch. Mit schöner ausgeglichener Stimme, makellosem Legato und mühelosen Höhen begeisterte er, harmonierte großartig und rücksichtsvoll in den Duetten mit Violetta im zweiten Bild und räumte natürlich in der herrlich gesungenen Arie regelrecht ab.“ Vielleicht war er als Tonio damals ein zu ausgeprägter Kavaliersbariton.
In einer selten gespielten Tschaikowski-Oper kommt eine Zauberin vor. Wir waren im Gegensatz zu anderen Rezensenten von der Darstellerin enttäuscht. Weder gesanglich noch darstellerisch verzauberte sie uns. Wir rechneten es dem Tenorpartner hoch an, dass er bei den Duetten auf seine Partnerin Rücksicht nahm und sich bescheiden zurücknahm. Vier Jahre später lasen wir Lobeshymnen auf ihre Salome. Weitere vier Jahre später waren wir auf ihre Jenůfa gespannt. Sie war von ihrem ersten Auftritt an Sympathieträgerin. Uns nicht korrigierend vermerkten wir, dass sie sich seit ihrer „Zauberin“ vor acht Jahren unglaublich gesteigert hat.

Wir konnten Rodolfos Gefühle bei seiner ersten Begegnung mit Mimì nicht teilen. Ihr Sopran klang spröde und konnte uns nicht gewinnen. Dabei nahmen wir nicht Maß an Spitzenstars, sondern an einer Einspringerin, die wir noch nach Jahrzehnten in Erinnerung behalten. Dann trat „der spröde Sopran“, was uns wunderte, am Teatro alla Scala Milano auf. In Bellinis „Norma“ sang sie die Titelrolle. Stimmlich durchaus überzeugend, „sieht man von ein paar metallisch-scharfen Spitzentönen ab“, steht dann einschränkend im Nebensatz. (Siehe Schweitzers Klassikwelt Nr. 90 „Das Wörtchen Aber kann das vorher Gesagte wieder aufheben“) Es fehlte der Rezensentin die zur Rolle gehörende Aura. Die Pariser Näherin und die keltische Oberpriesterin, zwei unterschiedliche Charaktere, die anscheinend beide doch nicht gemeistert wurden.

In unserem Bericht über „Pique Dame“ vom 27. Januar 2022 schrieben wir mit verklärender Nostalgie: „Die berühmte Aussprache des Fürsten Jeletzki mit Lisa („Als Du zum Gatten mich erkoren“) mit noblem Kavaliersbariton gesungen hinterließ aber nicht das drängende Verlangen wie bei dem Interpreten des Fürsten anlässlich des Bolschoi-Gastspiels diesen Sänger in weiteren markanten Partien näher kennen zu lernen.“

Das bereuten wir, als wir folgende Rezensionen maßgebender Kolleginnen lasen. So schrieb von einer Madama Butterfly-Aufführung eineinhalb Jahre später Kollegin Susanne Lukas über seinen mitfühlenden Sharpless, „dem merklich das Herz zu brechen scheint“.

Und über seinen erneuten Sharpless drei Tage später lobte Kollege Johann Nepomuk Steiner: „Wie Pinkhasovich mit der Frage an Cio-Cio-San, was sie machen würde, wenn Pinkerton nicht zurückkäme, den Stimmungswechsel im Duett einleitete, war grandios.“

Von einer Aufführung weitere drei Tage darauf schwärmte Kollege Kurt Vlach: „Der Star des Abends war – was man am Schlussapplaus feststellen konnte – Boris Pinkhasovich als Sharpless. Er gehört meiner Meinung nach schon jetzt zu den absoluten Topstars seine Genres. Ein wunderbar nobler Bariton – man kann sich glücklich schätzen, ihn immer wieder in Wien zu hören.“

Lothar und Sylvia Schweitzer, 3. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

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