Schweitzers Klassikwelt 158: Ein kleiner Kreis beachtenswerter Mezzosoprane und Altistinnen, Teil I

Schweitzers Klassikwelt 158: Ein kleiner Kreis beachtenswerter Mezzosoprane und Altistinnen, Teil I

Giulietta Simionato – Foto Fayer, Wien

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Es war vor sechsundsechzig Jahren. Ihre markanten Gesichtszüge sind mir mehr in Erinnerung haften geblieben als ihre Stimme, die mich in der Partie der Eboli begeisterte. Rätselhaft, warum ich ihre Amneris in meiner „Verdi-Periode“ versäumte, noch dazu im Verband mit den Baritongrößen Protti und Bastianini.

Ab 1961 war eine lange Zeit mein Interesse mehr an Wagner und Strauss ausgerichtet. Diese Komponisten fehlten in ihrem Repertoire an der Wiener Staatsoper. Sie wirkte aber in der Altpartie auch in der Produktion von Glucks „Orpheus und Eurydike“ mit, die vom 15. Dezember 1959 bis 2. Jänner 1960 im Ganzen nur drei Vorstellungen erreichte.

Als die norwegische Altistin Anne Gjevang im Tiroler Landestheater Anfang der Achtzigerjahre die Brangäne im „Tristan“, Bizets Carmen und Rossinis Rosina sang, war sie ein besonderer Gast, aber wir konnten nicht ahnen, dass sie wenige Jahre später nach ihrem Bayreuther Erfolg die international gefragteste Erda wurde.

Anne Gjevang als Erda © Aufführungsdatenbank Bayreuther Festspiele 1983

Zurück an die Wiener Staatsoper. Unsere Verehrung galt Marjana Lipovšek, in den Lexiken als Mezzosopran bestimmt, aber eindeutig ein echter Alt.

Marjana Lipovšek als Dalida, Wiener Staatsoper 1991

Am 3. Dezember 1946 in Ljubljana geboren belegte sie daselbst an der Musikakademie Musikerziehung und Gesang. Nach dem Abschluss 1970 war die Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst nicht weit, wo sie Opern- und Konzertgesang studierte und ab 1978 ins Opernstudio in Wien eintrat, das der Nachwuchsförderung dient. Eine ihrer ersten Partien an der Wiener Staatsoper war La Ciesca, eine Nebenrolle, die mit den übrigen versammelten Verwandten des reichen Buoso Donati vom Erbe durch Gianni Schicchi ausgetrickst werden. Sie sang diese Partie in allen zwölf Aufführungen des Jahres 1979. Zusätzlich war sie in den drei letzten Aufführungen in Puccinis „Tryptichon“ in der Hauptrolle der Fürstin in „Suor Angelica“ zu hören.

Meine erste Begegnung mit der Sängerin war den Aufzeichnungen nach in dem meines Erachtens Sturm und Drang Stück „Baal“, das Friedrich Cerha nach verschiedenen Fassungen Berthold Brechts komponierte. „Baal“ hatte seine Uraufführung zu den Salzburger Festspielen 1981 in Ko-Produktion mit der Wiener Staatsoper. Hier gab es nach dem Sommer in Wien bloß drei Vorstellungen, in denen Lipovšek zwei Frauenrollen von insgesamt fünfundfünfzig Rollen gestaltete. Ich bemerkte „den Aufzeichnungen nach“, denn die Ablehnung des Inhalts der Oper hat mitgespielt, dass kein nachhaltiger Eindruck der Aufführung entstand. Bezeichnend, eine nur fünfmalige Wiederaufnahme geschah elf Jahre später. Da wurde dann anderen Interpretinnen eine Chance gegeben.

Rein aus dem Gedächtnis heraus verband ich als erste Begegnung ihre Iokaste in Strawinskis Oratorium „Oedipus Rex“ im Herbst 1982 im Wiener Konzerthaus. Es wundert mich heute, dass ich bereits bei der Neuproduktion von „Samson et Dalila“ (Premiere 22. Dezember 1990) auf die siebente Aufführung und die Lipovšek als Dalila wartete, die nur drei Abende im März 1991 die Dalila sang, und dabei auf den Startenor Domingo verzichtete.

Aber Statistiken lügen bekanntlich nie. Die weiteren Abende mit Marjana Lipovšek – in besonderer Erinnerung ihre Amneris – folgten erst in späterer Zeit. In allen anderen Aufführungen dieser Produktion sang die Dalila die Temperament versprühende Agnes Baltsa, während die Lipovšek einfach auftrat, dastand, ihren volltönenden Alt erklingen ließ und Dalila war. Übrigens hörte sich für mich die Baltsa mehr als ein (nicht hoher) Sopran an.

Unser erstes gemeinsames Erlebnis mit der Künstlerin waren für Sylvia und mich ein Liederabend im Mozartsaal im Juni 1993. Irrtümlich wurden ihr die Blumen schon vor dem letzten Teil der Lieder überreicht, was sie mit Humor nahm. Ein außergewöhnliches Hörerlebnis war im Mai 1997 ihre Sphinx in Enescus „Oedipe“. Ihre Stimme klang so unheimlich und fremd. Bei ihrer Matinee im Gustav-Mahler-Saal verhielt sie sich mit Lächeln auf die Frage bedeckt, inwieweit hier technische Hilfsmittel, wenn auch geringfügig, eingesetzt wurden.

Für die großartige Ira Malaniuk kam mein Interesse für Opern zu spät. Ich erlebte die Ukrainerin nicht mehr als Venus, Brangäne, Amneris, Eboli oder Octavian, zwar noch als Fricka in meinem ersten „Rheingold“, aber für die kleineren, jedoch feinen Rollen einer Magdalene in den „Meistersingern“ und einer Adelaide, der Mutter Arabellas, in der sie viel Popularität gewann, fehlte mir noch die Sensibilität. Viel Wissenswertes enthält ihre Autobiografie (Buchbesprechung: Schweitzers Klassikwelt Nr. 19 und 20, 9. und 10.11.2020):

Ibera Verlag, Archiv Ira Malaniuk

Eine Künstlerlaufbahn, die meine Frau und ich gemeinsam miterleben durften, war die der Lettin Elīna Garanča. Die Wiener Staatsoper war der Geburtsort und ihr Direktor Joan Holender der Vater ihrer Karriere. Von ihrer Charlotte in Massenets „Werther“ waren wir derart beeindruckt, dass wir zu ihrer ersten Carmen Anfang Oktober 2007 mit dortigem Wintereinbruch nach Riga flogen. Erst 2013 sang sie die Carmen an der Wiener Staatsoper. Wir schrieben: „Die Garanča spielt die Romni nicht vordergründig, sie trifft genau die Hintergründigkeit dieses Charakters.“

Prägend für uns war ihre Dalila. Sie sang alle sechs Vorstellungen dieser Neuproduktion, die sich auf den Mai 2018 beschränkten! Wir hatten vielleicht deshalb ab 2019 zuerst Schwierigkeiten mit ihrem Übergang ins dramatischere Fach. Wir schwärmten zwar noch von ihrer Santuzza: „Und dann Elīna Garanča, der eigentliche Grund unsres Opernbesuchs. Ihr Rollendebüt im Haus und eine derart eindrucksvolle schauspielerische Gestaltung! Von ihrem herrlichen („hehren“), nicht mehr schöner denkbaren Gesang einmal abgesehen. Eigentlich sollte der Abend mit ihrer Santuzza den Höhe- und Endpunkt bilden.“ An ihre Principessa di Bouillon als dramatische  Gegenspielerin von Adriana Lecouvreur konnten wir uns trotz perfekter Darbietung nach unsrem Dalila-Erlebnis noch nicht gewöhnen. Ihr wunderschöner Stimmklang kam als Dalila mehr zur Geltung. Aber dann erlebten wir sie als Amneris mit einem Spitzenstar als Aida und wurden trotzdem verunsichert, ob Radamès nicht doch die Pharaonentochter hätte wählen sollen. Das haben wir näher ausgeführt in Schweitzers Klassikwelt Nr. 89 vom 30. Mai 2023.    

Elīna Garanča als Amneris © Wiener Staatsoper, Michael Pöhn

Bei ihrer Kundry erinnerten wir uns an den Ausspruch des Gesangspädagogen Theodor Lierhammer, dass die Stimme eine Gottesgabe ist. Wir bewunderten diesmal besonders die Tragfähigkeit ihres Mezzosoprans.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 3. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schweitzers Klassikwelt 158: Ein kleiner Kreis Mezzosoprane und Altistinnen, Teil II lesen Sie Mittwoch, 4. März 2026 hier auf klassik-begeistert. de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Ira Malaniuk –  Stimme des Herzens: Autobiographie einer Sängerin, Teil 1

Ira Malaniuk: Stimme des Herzens – Autobiographie einer Sängerin, Teil 2

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert