Kate Lindsey als Nerone (links) und Sonya Yoncheva als Poppea © Salzburger Festspiele Maarten Van den Abeele
von Lothar und Sylvia Schweitzer
Im Jahr 1963 war noch nicht das Streben nach einem Originalklang zum Ideal geworden. Außerdem ließ Monteverdi für individuelle Aufführungen genügend Freiheiten. Damals sang an der Wiener Staatsoper der interessante Charaktertenor Gerhard Stolze den Nero.
Wir zögerten daher zuerst diese Oper mit Kate Linsey als Kaiser Nero bei den Salzburger Festspielen 2018 zu besuchen. Doch unsere Skepsis wich bald nach dem Einhören. Die Psychologie lehrt uns, dass bei den Geschlechtern unterschwellig eine Gegenströmung vorhanden ist. Außerdem ist für die Grammatik die Liebe weiblich.
Ein Wiederhören des britischen Mezzosoprans Kate Lindsey gab es anlässlich der Welturaufführung von „Orlando“ der Komponistin Olga Neuwirth in der Wiener Staatsoper am 8. Dezember 2019. Ausgangspunkt ist der gleichnamige Roman von Virginia Woolf, eine fiktive Biografie. Orlando hat Ähnlichkeiten mit Ibsens „Peer Gynt“, der auf der Suche nach seiner Individualität und Identität ist. Er hat auch Ähnlichkeit mit Emilia Marty aus der Janáček-Oper „Věc Makropulos“, die Erfahrungen über Jahrhunderte hat, aber nur als Frau, während Orlando vom Mann zur Frau wird. Eine Hürde besteht in der Besetzung des Orlando, dessen Tessitur als Mann und als Frau verschieden ist.
Es wäre falsch, es sich leicht und stimmlich optimal machen zu wollen und sowohl einen Kontra-Alt als auch einen Mezzo einzusetzen. Kate Lindsey wurde in der Titelrolle zum Star des Abends. Als Mann noch in jünglingshafter Verhaltenheit blühte ihr Mezzosopran nach der Verwandlung richtig auf.
Als allegorische Figuren trat Lindsey in Monteverdis „L’Orfeo“ auf. Wir wurden durch ihre Verkörperung der „Musik“ in Bann gezogen. Sie wusste auch der Orpheus begleitenden „Hoffnung“ in einer eindrucksvollen Szene darstellerisch und gesanglich Leben zu verleihen. Eine besondere Feinheit stellt die Partie eines Echos, wie wir von der „Ariadne auf Naxos“ wissen, dar. Das Echo antwortet nur bruchstückhaft auf Orpheus’ Klagen, während dieser bedauert seine Klagen nicht vollständig zurück zu bekommen.
Neugierig waren wir, unserem „Nerone“ und unserem/r Orlando als Komponisten im Vorspiel der „Ariadne auf Naxos“ zu begegnen. Es gab Momente der Innigkeit, aber leider Höhenausbrüche weniger schönen Klangs. In der vergangenen Saison war sie in diese Partie hörbar hineingewachsen. Kurz darauf feierte unser Mezzo ihr Rollendebüt in einer Neuproduktion von Massenets „Werther“ als Charlotte. Wir hoffen, dass Kate Lindsey die Chance erhält diese Rolle weiterhin zu pflegen.
Von der in Teheran geborenen Rohangiz Yachmi werden in Wikipedia unter „Leben und Werk“ in ihren 27 Jahren als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper ihre zahlreichen Neben- und Hauptrollen angeführt. Pars pro toto: 51-mal die Zweite Dame in der Zauberflöte, 50-mal den Pagen der Herodias in Salome, 41-mal die Lola in Cavalleria rusticana, 32-mal eine der Mägde in Elektra. Die Bersi (29-mal) in Andrea Chénier und die Suzuki (25-mal) in Madama Butterfly werden ebenfalls als Nebenrollen eingestuft. Zwar sang sie nur 7-mal den Octavian im Rosenkavalier, dafür jedoch 29-mal den Nicklausse in Hoffmanns Erzählungen, 35-mal die Rosina im Barbier von Sevilla und 66-mal den Cherubino in der Hochzeit des Figaro. Ich selbst verbinde die Künstlerin mit der Maddalena, der Schwester Sparafuciles, mehrmals mit dem Pagen und einmal in der Volksoper mit dem Gluck’schen Orpheus.


Einen außergewöhnlichen Werther-Abend, der eine Reise wert war, erlebten meine Frau und ich in der Pariser Opéra Bastille. Jonas Kaufmann, 2010 in Wien noch nicht in aller Munde, sang einen beeindruckenden Werther und die Französin Sophie Koch, die wir persönlich bis dahin nur als Octavian kannten, eine großartige Charlotte. Zu den Salzburger Pfingstfestspielen 2012 waren wir in der Felsenreitschule Zeugen einer konzertanten Aufführung von Massenets „Cléopâtre“ über die Leidenschaften zwischen der letzten Pharaonin und dem römischen Feldherrn Marcus Antonius.

Die Hauptrollen sangen französische Sängerinnen und Sänger. Es begeisterten uns Sophie Koch in der Titelrolle sowie Sandrine Piau, Ludovic Tézier und Benjamin Bernheim. Über die „Ariadne auf Naxos“ vom 15. März 2016 an der Wiener Staatsoper berichteten wir: „Sophie Koch, uns als wunderbare Massenet-Interpretin in schönster Erinnerung, wird in der Partie des Komponisten auf andere Art gefordert. An dem Abend erreichten ihre dramatischen Höhenflüge und Temperamentsausbrüche eine Raumfülle, die das im Text Ausgesagte („Musik ist eine heilige Kunst“) geradezu übersteigt.“
In letzter Zeit legen Sylvia und ich viel „Ohrenmerk“ auf den Nachwuchs, der leider oft das Ensemble verlässt und teilweise freiberuflich tätig wird.
Die Tatarin Ilseyar Khayrullova sang in „Rusalka“ die Dritte Elfe. Wir empfanden die drei Elfen nicht als „Neben“rollen. Die Khayrullova war so brandneu, dass wir im Programmheft ihren Lebenslauf vermissten. Als Hoffnungsträgerin aufgefallen ist sie uns einige Monate später als der in das schlaue Füchslein verliebte Hund.
Es vergingen zwei Jahre. Ihre Interpretation der Olga in Péter Eötvös’ “Drei Schwestern“ spannte den Bogen zu dem Weinheber-Gedicht „Kammermusik“, indem wir die zweite Geige zitierten: „Mir, neben lichterm Wesen, ist verwehrt ein Ich zu haben. Nicht die Welt – doch fester und wirklicher die Erd hat mich belehrt. Dort dunkelt es, lass dich begleiten, Schwester.“ Die Rolle der Olga hat keine eigene Sequenz. Dass die älteste Schwester einer jungen und nicht einer schon arrivierten Sängerin anvertraut wurde, war eine begrüßenswerte künstlerische Herausforderung. Ihre tiefe, schöne Altlage hatte jedoch unserem Urteil nach noch nicht die Durchschlagskraft für höhere, schwerere Aufgaben.

Von dem Erfolg am Ring übersiedelte Khayrullova fünfeinhalb Wochen später zur Kinderoper ins Studio Walfischgasse.

Unser Liebling gestaltete perfekt den Anton, allerdings für einen Octavian, hatten wir das Gefühl, müssten wir noch etwas Geduld aufbringen.
Im Dezember 2017 hörten wir sie zum letzten Mal als Gymnasiasten und als Groom in Alban Bergs „Lulu“. Neben der Lulu und der Gräfin Geschwitz eine schöne Frauenstimme mehr. Dann wurde es bald still. Wir erfuhren nur mehr, dass sie in Kassel eine neue Heimat mit interessanten Aufgaben (Carmen!) gefunden hat. Im Jahr 2020 sollte „Tri Sestri“ wieder aufgenommen werden, was der Pandemie zum Opfer fiel. Und wir mussten auf ein ersehntes Interview verzichten.
Lothar und Sylvia Schweitzer, 4. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Schweitzers Klassikwelt 158: Ein kleiner Kreis beachtenswerter Mezzosoprane und Altistinnen, Teil I