Stefan Vladar © Olaf Malzahn
In einer lauten, zu lauten Zeit tut es der Seele wohl, sich den feinen, sanften Tönen zu widmen und einfach einmal innezuhalten. Da passt es hervorragend, dass sich eine Handvoll hochkarätiger Musiker zusammengetan hat, um im Theater Lübeck am 28. Februar 2026 drei sehr feinnervige und tiefgründige Werke in einem Kammerkonzert aufzuführen. Die „slawische Seele“ sollte aus diesen sehr unterschiedlichen Kompositionen sprechen, doch, wie so oft, erschien diese seelenvolle Sprache vielmehr universell.
Slawische Seele
Dmitri Schostakowitsch, Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40
Sergei Prokofjew, Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 D-Dur op. 94 a
Antonín Dvořák, Klavierquintett Nr. 2 A-Dur op. 81
Stefan Vladar, Klavier
Hans-Christian Schwarz, Violoncello,
Carlos Johnson, Violine
Daniela Danaj, Violine
Elisabeth Fricker, Viola
Theater Lübeck, Großes Haus, 28. Februar 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Ängstliches Schaffen mit Stalins Faust im Nacken
Mit Ironie und Humor können Diktatoren und ihre Schergen nichts anfangen. 1936 wurde Schostakowitsch öffentlich vorgeworfen, „linke Zügellosigkeit statt einer menschlichen Musik“ zu komponieren. Da hieß es vorsichtig sein, und mögliche kritisierbare Aspekte noch sorgsamer zu verpacken.
In der Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll op. 40 von 1934 spielt Schostakowitsch mit Klischees und Zitaten, und um hier tiefgründigen Humor zu erkennen, bedarf es schon einer genaueren Kenntnis der Musikliteratur und -theorie. Dafür hat es bei Stalins Handlangern dann doch nicht gereicht.
Formal ist das Werk der klassisch-romantischen Tradition verpflichtet. Die einführende Cellokantilene spielt Hans-Christian Schwarz sahnig-geschmeidig, die an impressionistische Kompositionen erinnernden Klavierakkorde gestaltet GMD Stefan Vladar mit unprätentiöser Eleganz. Es ist hier zuweilen eine fast jazzig anmutende Leichtigkeit zu spüren, das harmonische Zusammenspiel entspricht ganz dem cantabilen Charakter des ersten Satzes. Das Aufgreifen eines spätromanischen Ausdrucks wird Schostakowitsch-typisch durch Pizzicati und einem eindringlichen unruhigen Hämmern aufgebrochen. Zum Schluss verbleibt eine fragende Bitternis. „Wohin denn ich?“, hätte Hölderlin hier gefragt.
Das ungestüme Allegro-Scherzo lässt an Chatschaturjan denken, und die beiden Musiker gestalten es einerseits trotzig, andererseits in einer unbequemen Getriebenheit. Vladars rasende Klavierkaskaden erzeugen eine unruhige Spannung, der Cellist wechselt bewundernswert zwischen den verschiedenen Spieltechniken und Ausdrucksmöglichkeiten.
In denkbar größtem Gegensatz folgt das Largo. Zuweilen stockend und suchend, eröffnet sich hier einer der häufigen musikalischen Einblicke in die gequälte Seele des Komponisten. Vladars Anschlag bleibt in den entsprechenden Passagen sensibel-leicht; aus dem warmen Strich von Hans-Christian Schwarz spricht Sehnsucht nach einem Aufgehobensein, aber all das kann nicht über eine resignative Grundstimmung hinwegtäuschen.
Der Finalsatz zitiert Haydn und nimmt in angezogenem Tempo mit subtiler Ironie Hummel- oder Czerny-Anleihen auf. Dass Schostakowitsch hier bitter gelächelt haben mag, scheint glaubhaft.
Violine statt Flöte – notgedrungen!
Eigentlich hat Prokofjew seine Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 D-Dur op. 94 a anstatt der Geige für die Flöte komponiert, aber dieses Instrument erschien den sowjetischen Machthabern offenbar zu lyrisch. So kam es zu einer Umarbeitung durch keinen Geringeren als David Oistrach.
Von eleganter Finesse ist das Spiel Carlos Johnsons, dem Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck. Auch Prokofjew arbeitet mit klassischen Formen, die aber durch die für ihn so typischen überraschenden Wendungen und Brüche karikiert werden. Die hierfür nötigen Timbrewechsel und Facetten, die auf einem einzigen Kristall das Licht jeweils völlig anders brechen und in anderen Spektralfarben partiell wiedergeben, beherrscht Johnson bravourös, zwischen sanfter Sangbarkeit und angezogener Rhythmik, teils mit harschen Flageolett-Tönen.
Im rasanten Scherzo senden er und Vladar die tänzerischen Aspekte virtuos in den Saal, während das Andante fast idyllisch daherkommt, mit perlenden Triolen und sanfter Lyrik. Es ist etwa so, wie wenn Farbe in leicht bewegtes Wasser gegossen wird, und die Linien schlierig, aber noch unterscheidbar ineinanderfließen.
Schließlich wird im vierten Satz mit ländlich anmutenden Tanzthemen gespielt, anpackend und forsch einerseits – bereits zuvor sind dem Violinisten schon mehrere Bogenhaare gerissen – und mit vordergründiger Expressivität. Dass hinter all dem im in den Kriegsjahren 1943/44 entstandenen Werk eine beunruhigende Nervosität steht, verhehlt die Sonate nicht – und auch nicht die Wiedergabe durch die beiden Musiker.
Trotz störenden Klatschens zwischen den Sätzen verschafft sich die Intimität der beiden Stücke hinreichend Gehör. Im Programmheft war jedenfalls gut lesbar vermerkt, wann die Werke zu Ende sein würden.
Böhmische Schönheit als Kontrastprogramm
Als eines seiner bekanntesten kammermusikalischen Werke ist Antonín Dvořáks Klavierquintett Nr. 2 A-Dur op. 81 nach der Pause ein wundervolles Gegenstück zu den beiden ersten Kompositionen des Abends, denn es verbindet eine typische Volkstümlichkeit mit spätromantischer Empfindsamkeit. Daniela Dakaj (zweite Violine) und Elisabeth Fricker (Viola) vervollkommnen nun das Quintett.
Irgendwie erinnert die so deutlich sangbare Melodie des Eingangssatzes an eines der venezianischen Gondellieder von Fanny und Felix Mendelssohn. Dieses „Lied ohne Worte“, um im romantischen Bezug zu bleiben, wird wunderbar ideenreich variiert (wir denken an Brahms’ hymnische Würdigung des Dvořák’schen Ideenreichtums), dementsprechend ist die Harmonie aller Mitwirkenden perfekt. Zuweilen huscht ein Lächeln zwischen den Ausführenden hin und her; hier stimmt die Chemie im Miteinander, und die spiegelt sich im runden, frisch-belebten Klang wider.

Die folgende Dumka verbindet eine nachdenkliche Haltung mit Scherzo-haften bewegten Passagen in reizvollem Wechsel. Klavier und Streicher erzeugen einen bezaubernden Mischklang, der aber nie den individuellen Ausdruck der Einzelinstrumente überdeckt.
Der anschließende „Furiant“ ist ein Volkstanz aus Dvořáks Heimat; er scheint in seiner fröhlichen Frische ebenden Frühling zu atmen, der an diesem letzten Februartag auch in der Hansestadt die ersten Frühblüher aus dem Boden lugen lässt. Das ist ein Scherzo in bestem Sinne, zauberhaft und lächelnd.
Das Finale bleibt dem Volkstümlichen verbunden; es ist eine Polka mit bezaubernder Fugato-Durchführung. Flink, fast wuselig scheinen die Tänzer sich durch den Saal zu bewegen, halten zwischenzeitlich inne, um dann lebensfroh den Reigen zu beenden.
Ein hinreißendes Konzert mit erlesener Musik und erstklassigen Musikern – das Publikum dankt es ihnen mit rhythmischem Beifall.
Dr. Andreas Ströbl, 1. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at