Bo Skovhus und Stefan Vladar am Flügel © Andreas Ströbl
Ein Bariton von internationalem Rang, ein großartiger Pianist, der weit mehr als nur Begleiter ist, und ein Programm, das ein Kurzportrait von Gustav Mahler entwirft – das durfte ein begeistertes Publikum am 26. März 2026 im Großen Haus des Lübecker Theaters erleben. Völlig unverständlich, dass dieses besondere Konzert nicht restlos ausverkauft gewesen ist, denn dieser Liederabend war in jeder Hinsicht erlesen.
Gustav Mahler, Neun frühe Lieder, Rückert-Lieder und „Der Abschied“ aus „Das Lied von der Erde“
Stefan Vladar, Klavier
Bo Skovhus, Bariton
Theater Lübeck, Großes Haus, 26. März 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Frühe Werke – und schon der ganze Mahler
Wie ein Ausblick auf sein späteres kompositorisches Schaffen wirken die „Frühen Lieder“, die Gustav Mahler in den 1880er Jahren komponierte und 1892 herausbrachte. Die ganze Klangfarbigkeit, die sich später in den Orchesterbearbeitungen entrollen sollte, ist schon in der Klavierfassung angelegt. „Des Knaben Wunderhorn“, die Sammlung von Volksliedtexten von Clemens Brentano und Achim von Arnim, war dem Komponisten wie eine entdeckte Heimat (so beschrieb es treffend Bruno Walter), und schien nur auf die Vertonung durch ihn gewartet zu haben.
Tatsächlich ist die Verbindung einer im Ausdruck oft schlicht-naiven, in der Empfindung aufrichtigen und innigen und dazu höchst phantasievollen Sprache dieser Volkslieder so ganz „Mahlerisch“. Der Wechsel zwischen fast kindlichen Bildern und Liebesliedern, die oft durch Dialekt-Anleihen noch näher an den Urton der Verfasser heranrücken, und existentiellen Erfahrungen von Lebensgefahr, Schmerz und Tod entwirft die mitunter herausfordernde Dialektik von Größe und Banalität, die später charakteristisch für die gewaltigen Symphonien sein sollte.
Ein hohes Maß an Sensibilität für diese so unterschiedlichen Tonfarben und Themen ist bei der Wiedergabe der Mahler’schen Lieder gefragt; dazu sind der dänische Bariton Bo Skovhus und GMD Stefan Vladar angetreten.
Zu den „Wunderhorn“-Texten gesellen sich in den neun Liedern noch Dichtungen von Richard Leander und Mahler selbst. Hier eröffnet sich das ganze Füllhorn von liebenswert unverfälschter, oft tänzerisch-leichter Lebensfreude, wie in „Frühlingsmorgen“ oder „Hans und Grete“, über die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen, so in „Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald“ und „Erinnerung“, dann der typischen Naturlaut-Nähe in „Ablösung im Sommer“ und „Um schlimme Kinder artig zu machen“, bis zum Abschiedsschmerz von „Scheiden und Meiden“. In aller existentieller Härte vollendet wird das Spektrum durch die Erfahrung des Todes, einerseits im endgültigen Verlust der Liebsten, andererseits im eigenen Lebensende durch eine standrechtliche Erschießung. Mahler hat dabei den Originaltext abgemildert, aber es ist klar, dass der Lebensweg hier zu Ende ist.

Sensible Wiedergabe und Reichtum an Farben
Skovhus singt völlig unprätentiös und mit makelloser Diktion. „Aufrichtig und ehrlich“, sollte es die im Publikum anwesende Kammersängerin Brigitte Fassbaender anschließend treffend benennen. Der Bariton liebkost die Worte; gerade in den Piano-Passagen ist er ebenso exakt wie feinfühlig. Überhaupt ist seine Dynamik von großem Einfühlungsvermögen geprägt, was dem erforderlichen Umfang an Ausdrucksweisen in jeder Hinsicht entspricht. Von warm liebkosender Fülle in den liebesfrohen Liedern bis zu fahler Leere bei den Schilderungen von Grenzerfahrungen – hier klingt seine Stimme wie weißes Licht, das durch Nebel scheint – entwirft der Sänger mannigfaltige Klangfarben und Stimmungen.
Vladars Wiedergabe der Partitur ist kongenial; ihm kommt zugute, dass Mahler dem Klavier weitaus mehr als nur die instrumentale Begleitung zugesprochen hat. Oftmals sind es eigene kleine, kurzzeitig eigenständige Passagen, die der Pianist in all der Vielfalt von perlenden Läufen über schwärmerische Naturlaute bis zu hämmernder Unerbittlichkeit gestaltet.
Triller geben Trommelwirbel wieder, dann erklingt ein Trompetensignal oder das eines Horns, auch fordert Mahler einmal den Klang einer Schalmei – auf dem Flügel! Hier ist tatsächlich kein Orchester nötig, denn Vladar entlockt dem Instrument virtuos das ganze Kolorit der Mahler’schen Ton-Palette.
Von Rückerts Spätromantik …
Stimmungsmusik sei „ein gefährlicher Boden“, meinte Gustav Mahler selbst einmal, als es um die Klavierfassungen von sekundär für das Orchester arrangierten Stücken ging. Die Rückert-Lieder sind in jedem Falle chromatisch hochanspruchsvoll, was zumal für „Ich atmet’ einen linden Duft“ gilt. Dem werden Sänger und Pianist in diesem sanften Liebeslied ebenso feinfühlig gerecht, wie im innigen „Liebst du um Schönheit“ des gleichen Genres. Feiner Humor blitzt aus „Blicke mir nicht in die Lieder“, unangestrengt und mit leichtem Augenzwinkern von Skovhus gestaltet.
Das „Lied der Mahler-Lieder“ schlechthin dürfte „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ sein. Skovhus spricht fast zumindest die Passagen, in denen eine starke Text-Ton-Kongruenz in den Silbenlängen vorherrscht. Das ist ebenso hochemotional wie unsentimental und von ernster Tiefe. Gleiches gilt für den inneren Kampf in „Um Mitternacht“, in all dem aufrichtigen Ringen um Lebensmut und Hoffnung in nächtlicher Einsamkeit, durchdrungen von Schmerz und schließlich Schicksalsergebenheit. Da kullern bei manchen im Saal die Tränen.
… zum Morgendämmern der Moderne im „Lied von der Erde“
Der zweite Teil des Liederabends ist allein dem „Abschied“, dem Finalstück des „Liedes von der Erde“, dessen Uraufführung Mahler nicht mehr erleben sollte, gewidmet. Gerade diesen sechsten Gesang des Zyklus formt der Komponist als musikalisches Sinnbild seiner umfassenden Liebe zur Erde und ihren Geschöpfen. Aus dem im tiefsten Herzen zugewandten Wahrnehmen der Welt und ihrer Schönheit entstand ein Hymnus von in den letzten Tönen kaum fassbarer Sanftheit – das entschwindende Leben enthebt sich in die lichtblauen Fernen und die Ewigkeit.
Skovhus und Vladar entwerfen dieses sphärische Ausgleiten denkbar zart; in liebkosender Feinheit verhallen die letzten Töne und das Publikum hält den Atem an. Nach Momenten der andächtigen Stille bricht der Beifall los und es gibt zahlreiche Bravo-Rufe. Für die bedankt sich der Sänger mit einem Wiegenlied („Skumring“, „Dämmerung“) seines Landsmannes Peter Erasmus Lange-Müller – ein gelungener Abschluss und freundlicher Gruß in die kühle Lübecker Nacht.
Bo Skovhus wird übrigens die Titelpartie in Alban Bergs „Wozzeck“ in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender singen – am 25. April ist Premiere und die Karten sollte man sich bereits jetzt schon sichern.
Dr. Andreas Ströbl, 27. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Claudio Monteverdi, Die Krönung der Poppea Theater Lübeck, Premiere, 14. März 2026