„Fedora“ in Berlin: Trotz großer und schöner Stimmen beibt diese Aufführung eine vertane Chance

Umberto Giordano (1867 – 1948), Fedora  Deutschen Oper Berlin am 27. November 2025 PREMIERE

Fedora © Bettina Stöß

Es ehrt die Deutsche Oper, dass sie sich der Rarität angenommen hat und immerhin eine ästhetisch ansprechende Inszenierung bietet, die sich nicht gegen die Musik stellt. Trotzdem enttäuscht die Produktion: Die Versäumnisse liegen in erster Linie auf Seiten des Dirigenten John Fiore, der sich mit dem Orchester und den Sängern nicht tief genug in die Partitur und den Text vertieft hat. Von dem ungeheuren Farbenreichtum der Musik vermittelt sich wenig, die Dramatik schon eher, aber zu grobstofflich. 

Umberto Giordano (1867 – 1948)

Fedora

Melodramma in drei Akten
nach einem Libretto von Arturo Colautti, basierend auf Victorien Sardous Theaterstück „Fédora“
Uraufführung am 17. November 1898 am Teatro Lirico in Mailand
Premiere an der Königlich Schwedischen Nationaloper am 10. Dezember 2016
Premiere am Opernhaus Frankfurt am Main am 3. April 2022

Deutsche Oper Berlin,
27. November 2025 PREMIERE

Musikalische Leitung:  John Fiore

Inszenierung:  Christof Loy
Szenische Einstudierung:  Anna Tomson
Ausstatter:  Herbert Murauer
Licht:  Olaf Winter
Video:  Velourfilm AB

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

von Kirsten Liese

Opern von Umberto Giordano werden leider selten aufgeführt, am ehesten noch Andrea Chénier. Fedora aber schaffte es – wenn ich das richtig überblicke – seit der Erstaufführung 1903 nicht mehr auf eine Berliner Bühne.

Dabei gab es weltberühmte Sängerinnen und Sänger, die die Titelpartie und den Loris, die tragende Tenorrolle, gesungen haben: als einer der ersten Enrico Caruso 1906 zur Erstaufführung an der New Yorker Met, später in den 1950er Jahren Maria Callas und Franco Corelli an der Scala oder auch Giulietta Simionato in Mexiko. Zuletzt Mirella Freni und Plácido Domingo 1997 an der Met.

Besetzungstechnisch ist Fedora ein schwieriges Stück wegen der anspruchsvollen umfangreichen Tessitura in der Titelpartie, die gleichermaßen Soprane und Mezzosoprane gesungen haben, aber voll von herrlicher Musik, um die weiß, wer eine oder mehrere dieser Aufnahmen gehört hat. Am bekanntesten ist freilich die Tenorarie „Amor ti vieta“, die einst schon der legendäre Enrico Caruso 1902 aufnahm.

Es ehrt die Deutsche Oper, dass sie sich des Stückes – hochdramatisch wie Puccinis Tosca und ebenfalls basierend auf einem Drama von Victorien Sardou – nun angenommen hat und immerhin eine ästhetisch-ansprechende Inszenierung von Seltenheitswert bietet, die sich nicht gegen die Musik stellt (was man schon erwähnen muss, weil es lange nicht mehr selbstverständlich ist).

Fedora © Bettina Stöß

Indes: Wenn jemandem wie mir gerade das Privileg zukam, eine Woche in Mailand zu verfolgen, wie intensiv und genau Riccardo Muti mit jungen Nachwuchskünstlern am Klang, an dem Verhältnis von Musik und Text, an Farbe, Dynamik, Artikulation und Phrasierung arbeitet, wenn auch an einem gänzlich anderen Stück, und wie darüber packendes Musiktheater Gestalt annimmt, kurzum, wenn man um die Bedeutsamkeit all dieser Dinge erfahren hat, ist man doch von dieser Produktion enttäuscht.

Die Versäumnisse liegen in erster Linie auf Seiten des Dirigenten, der sich mit dem Orchester und den Sängern nicht tief genug in Partitur und Libretto vertieft hat. Von dem ungeheuren Farbenreichtum der Partitur vermittelt sich wenig, die Dramatik schon eher, aber zu grobstofflich.

Über das Unheimliche, Gespenstische in der Musik, das Giordano vielfach über leise Motive in den tiefen Streichern in die Partitur gebracht hat, dirigiert der aus New York stammende John Fiore hinweg, insbesondere den atmosphärischen Möglichkeiten der Kontrabässe, über die Toscanini am Ende seines Lebens sagte, sie seien ihm neben den Frauen ein Rätsel geblieben, hat sich der ehemalige Musikchef aus Oslo nicht hörbar gewidmet.

Jedenfalls tönt das Orchester seltsam eintönig, was besonders schmerzlich in den Vor- und Zwischenspielen ohrenfällig wird, die an Puccini erinnern, aber nur ansatzweise schwärmerisch aufblühen, untersetzt freilich von Melancholie.

Fedora © Bettina Stöß

Ein bisschen sorgen muss man sich zudem um Vida Miknevičiūtė, die mit ihrem herb-kühlen nordischen Timbre und grell flackernden Spitzentönen, mitunter dicht am Schrei, in der Rolle der verwitweten russischen Fürstin Romazov, die sich in den Mörder ihres Verlobten verliebt, nicht so gut aufgehoben scheint. Als Sieglinde in Wagners Walküre gab die Litauerin kürzlich überzeugendere Vorstellungen, hoffentlich strapaziert sie ihren lyrisch-dramatischen Sopran nicht über.

Ihr chilenischer Kollege Jonathan Tetelman gilt neben Jonas Kaufmann aktuell als einer der gefragtesten Tenöre, sollte sich folglich an der Weltklasse messen lassen.

Leider überzeugt auch er mich nicht an diesem Abend, da er wie das gesamte Ensemble Leidenschaft und Dramatik sehr plakativ ausstellt, auf Sublimes wartet man vergeblich. Hinzu kommt, dass Christof Loy ihn mit seiner Figur im Auf und Ab der Gefühle im Regen stehen lässt.

Als die Fürstin und Loris endlich scheinbar alle Traumata hinter sich lassen und ein unbeschwertes Liebesleben in der Schweiz beginnen, holt beide die Vergangenheit wieder ein, erfährt er, dass sie ihn als Spionin eigentlich des Mordes überführen und der Polizei übergeben wollte, sieht in ihr also eine Verräterin, die sie am Ende aber gar nicht wurde, weil sie rechtzeitig noch ihre wahre Liebe für ihn entdeckte.

Tetelman setzt auf großes Volumen und schlanke Stimmführung, behilft sich dazu mit einigen routinierten entsprechend pathetischen Gesten, dafür feiert ihn das Berliner Publikum, aber damit alleine ist es nicht getan. Es fehlen Zwischentöne, ein gefühltes Dauerfortissimo nutzt sich ab, der Krimi verliert darunter an Spannung.

Statt mit den Sängern am Ausdruck der Textinterpretation zu feilen, macht Loy das, was die meisten Regisseure heute tun: Er konzentriert sich auf bildliche Ideen, macht aus der edel tapezierten Wand hinter einem imposanten goldenen Bilderrahmen in einem feudalen Salon (Ausstatter: Herbert Murauer) eine Kinoleinwand, auf der in Stummfilmsequenzen zu sehen ist, was sich parallel im Hintergrund ereignet, so auch gleich zu Beginn der Mord an dem Sohn des russischen Polizeichefs.

Fedora © Bettina Stöß

Dagegen ist nichts einzuwenden, Fedora wurde mehrfach mit Stummfilmstars ab 1915 verfilmt.

Aber diese optischen Zutaten reichen ebenso wenig wie die teils vornehmen Roben dafür aus, dass auch nur eine Szene unter die Haut gehen würde – so sehr sich Vida Miknevičiūtė ihre Seele aus dem Hals schreit, als sie vom Mord Wladimiros erfährt und am Ende Loris um Verzeihung bittet, ihn ursprünglich ausgeliefert haben zu wollen.

Auch mit den übrigen im Ensemble versammelten Kräften, große und schöne Stimmen darunter, hätte sich bei einer penibleren Einstudierung mehr machen lassen.

Das Premierenpublikum nahm die Produktion gleichwohl sehr dankbar an und feierte die Sänger.

Kirsten Liese, 29. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Fürstin Fedora Romanov:  Vida Miknevičiūtė
Gräfin Olga Sukarev:  Julia Muzychenko
Graf Loris Ipanov:  Jonathan Tetelman
Giovanni de Siriex:  Navadard Hakobyan
Dmitri, ein Page:  Arianna Manganello
Desiré, ein Diener:  Matthew Peña
Baron Rouvel:  Michael Dimovski

13 Gedanken zu „Umberto Giordano (1867 – 1948), Fedora
Deutschen Oper Berlin am 27. November 2025 PREMIERE“

  1. Die Oper hat allerdings begeistert, wenngleich die Ausstattung des Bilderrahmens im 2. Akt völlig aus der Zeit fiel und gänzlich unpassend eher wie Sperrmüll anmutete. Die irritierten Lacher im Publikum waren treffend und unüberhörbar.
    Für den Laien war die Fürstin anders als die Kritik es beschreibt, weit vom ‚Schrei‘ entfernt.

    Barbara Gerjets

  2. Hoffentlich hält der Unsinn, der hier geschrieben wurde, niemanden davon ab, in diese grandiose Vorstellung zu gehen. Es ist das Highlight des Opernjahres.

    Robert Manu

    1. Nunja, es gibt Leute mit hohen und niedrigen Ansprüchen. Sie zählen vermutlich zu den letzteren und stehen noch nicht einmal zu Ihrem Namen. Wen soll das schon jucken. Ich war am Sonntag in der Vorstellung und auch eher enttäuscht. Das Orchester in der Tat farblos, die Solisten lala.

      Marisa Schmedt

    2. Ein Dauerforte konnte ich bei Jonathan Tetelman am 2.12. definitiv nicht vernehmen. Insbesondere im zweiten Akt waren da viele sehr schöne und eindringliche leise Töne. Auch Vida Miknevičiūtė konnte vollkommen überzeugen. Selten einen so sicheren, kraftvollen und klangschönen Sopran gehört. Aber möglicherweise waren beide bei der Premiere aufgeregter und ich hatte einfach Glück.

      Andreas Sengeleitner

  3. Hier geht es mittlerweile unter die Gürtellinie, wenn jemand selbst mit seinen hohen Ansprüchen protzt und Leute mit anderen anderen Meinungen als wenig anspruchsvoll tituliert.
    Ich freue mich, hier auf der Seite der angeblich Unterbelichteten zu stehen – und mit mir noch etliche mehr.

    Reiner Rach

  4. Sehr geehrte Frau Schmedt,
    zur Wahrheit gehört, dass am Sonntag, in der Vorstellung war ich nämlich auch, das Publikum vor Begeisterung ausgerastet ist. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass Sie mit einer Überheblichkeit und teilweise Gehässigkeit über erstklassige Inszenierungen richten. Ich rate Ihnen mal, im Ausland in die Oper zu gehen, um festzustellen, wie großartig wir es hier in Deutschland haben.
    Ich habe weit über 1000 Opern in meinem Leben gesehen, aber ich bin Gott sei Dank weit davon entfernt, mit Ihrer Arroganz Kunst zu beurteilen und anders Denkende zu beleidigen.
    Robert Manu

    1. Sehr geehrter Herr Manu,

      die Leute jubeln mittlerweile überall wie im Stadion, das ist kein Kriterium. Nur ein Zeichen allgemeiner Verflachung. Im Konzert ist es nicht anders. Immer Jubel allerorten. Daran zeigt sich, dass das Publikum doch sehr bescheiden geworden ist, vielleicht auch, weil es heute selten noch so Großartiges geboten wird und die Maßstäbe fehlen, es lässt sich beeindrucken durch Lautstärke und Dramatik.
      Wem das reicht, der soll seine Freude haben.
      Marisa Schmedt

      1. Es ist,

        liebe Leserinnen und Leser,
        eine sehr diffizile Frage…

        Wer hat recht… die Claqueure in der Arena di Verona, die zu 10.000en „mittenmang“ applaudieren
        und mit dem Mobiltelefon richten…

        oder die Menschen mit gutem Gehör, mit guter Musikschulung,
        Menschen die ein Klavier, eine Gitarre, eine Flöte spielen können, die singen können, die eine Terz und eine Septe hören.

        klassik-begeistert spricht beide „Gruppen“ an.

        Das wichtigste ist doch, dass der Mensch die Musik fühlt und ihre Seele in sein Herz fließen lässt.

        Als – glücklicherweise – musik(aus)gebildeter Mensch wünsche ich mir indes von den weniger klassikaffinen Menschen nur eines: Bleibt locker, bleibt ruhig…
        Keine Telefone. Kein Gequatsche. Kein Dazwischengeklatsche.

        Wer nicht 90 Minuten (netto) im Musiksaal hören kann, soll in der Bar bleiben.

        Hört einfach zu!

        Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Dann könnt Ihr – ohne Göttermusi – in der irdischen Welt den Alltags-Dingen nachgehen.

        Neulich in der Elbphilharmonie tippte eine etwa 23 Jahre junge Frau WhatsApps in ihr Handy – es ertönte der magische Mahler. Ich sprach sie zwischen zwei Sätzen auf ihr despektierliches, respektloses Verhalten an, das Handy kam sofort weg, und sie hatte einen entspannten Abend.

        In diesem Sinne lobe ich Kandinsky und seinen berühmten Aufsatz „Und“.

        Herzlich

        Andreas Schmidt, Herausgeber

        1. Lieber Herr Schmidt,

          irgendwie haben Sie ja mit allem, was Sie in diesem Kommentar ansprechen, ein bisschen Recht, mal mehr, mal weniger. Dass Sie die Arena di Verona nicht mehr von innen sieht, hatten Sie der Leserschaft hier ja schon früher offenbart. Wenn ich nun immer wieder gerne dort zu Gast bin, fühle ich mich aber keinesfalls als einer von 10.000en Claqueuren. Mir ist dann bewusst, wo ich mich aufhalte und dass es kein Konzertsaal ist.

          Als musik-un(aus)gebildeter und weniger klassikaffiner Mensch – ob glücklicher- oder unglücklicherweise sei mal dahingestellt – wünsche ich mir aber auch mehr Lockerheit von der „Gegenseite“. Meine Liebe zur Musik ist genauer betrachtet ja vor allem eine Liebe zur Melodie. Schöne Melodien, die mein Herz berühren, finde ich in ganz vielen Opern- und Operettenarien genauso wie in unzähligen Popballaden, Schlagern, Chansons, Filmmelodien oder klassischen Musikwerken. Und deshalb fühle ich mich dort, wo ganz viele ähnlich denkende Menschen zusammenkommen, besonders wohl, sei es die Berliner Waldbühne, die Arena in Verona, der Münchner Königsplatz, der Vrijthof-Platz in Maastricht oder diverse Konzerthäuser. Überall spielen traumhafte Melodien und deren Interpreten die Hauptrolle – Nebengeräusche wie Husteleien oder von Handys ordnen sich bei mir da unter.

          Was das leidige Thema „Smartphone“ betrifft, zeigt übrigens die Singer-Songwriter-Legende Bob Dylan, der auch mit 84 Jahren unermüdlich mit Konzerten seine Fans in aller Welt begeistert, dass es eine ganz einfache Lösung gibt: Handyverbot! Wer es trotzdem „tut“, wird freundlich aber bestimmt aus dem Saal entfernt.

          Kandinskys berühmter Aufsatz „Und“ ist mir in meinem Leben zwar noch nicht begegnet. Mir fällt aber ein Zitat ein, welches Konrad Adenauer zugeschrieben wird: „Wir müssen mit den Menschen leben, die da sind. Wir haben keine anderen“!

          In diesem Sinne – Lockerheit bei allen und herzliche Grüße

          Franz Büchel

  5. Seit 1970 gehe ich regelmäßig in DOB-Premieren. Noch nie gab es eine Premiere ohne Buh-Rufe. Dies war die erste. Das Argument, die Besucher würden immer jubeln, stimmt nicht. Tetelman und Miknevičiūtė haben ausnahmslos brillant gesungen. Die Komposition empfinde ich hin und wieder als seicht. Inszenierung zum Stoff passend.

    Maria Ossowski

    1. Das stimmt so nicht! Da lässt Sie Ihr Gedächtnis im Stich. Ich gehe schon seit Ende der 1960er Jahre viel in die Deutsche Oper, und da gab es so einige Premieren ohne Buh-Rufe, die wunderschönen „Meistersinger“ in der Inszenierung von Peter Beauvais zum Beispiel oder „Le nozze di Figaro“ in der Inszenierung von Götz Friedrich. Die Sänger waren damals auch grandios.
      Generell finde ich, dass damals die Dirigenten und Sänger besser waren als heute. Wenn man diesen Maßstab anlegt, ist die Fedora jetzt tatsächlich allenfalls Mittelmaß. Aber nicht, wie Sie finden, weil das Stück angeblich „seicht“ ist, sondern nicht so ergreifend dargeboten wird, wie es müsste. Ich habe die Aufnahme mit Freni und Carreras, daran können Sie die Berliner Aufführung nicht messen. Sie fällt stark ab. Eine Freni gibt es heute nicht mehr, schon gar nicht die Litauerin, von der Sie so schwärmen. Tetelman halte ich auch für überbewertet, nicht halb so gut wie Domingo oder Carreras.

      Lena Hummel

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert