Bellinis "Il Pirata" in St. Gallen: düstere Inszenierung, großartige Sänger

Vincenco Bellini, Il Pirata,  Theater St. Gallen

Joyce El-Khoury, Chor / Bild: Iko Freese (c)
Theater St. Gallen, 19. Mai 2018
Vincenco Bellini: Il Pirata
Sinfonieorchester St. Gallen
Chor des Theaters St. Gallen
Opernchor St. Gallen
Stéphane Fromageot, Musikalische Leitung
Ben Baur, Inszenierung und Bühne
Michael Vogt, Choreinstudierung
Marco Caria, Ernesto
Joyce El-Khoury, Imogene
Arthur Espiritu, Gualtiero

Von Charles E. Ritterband

Das Theater St. Gallen (früher: Stadttheater) hatte bereits vor Jahrzehnten Pionierleistungen auf dem Gebiet der Oper erbracht: Schon zu Beginn der 1980er-Jahre mit Verdis „Attila“, der in der Stadt des Heiligen Gallus erstmals nördlich der Alpen aufgeführt wurde. Auch Bellinis Oper „Il Pirata“ – obwohl schlechthin der Prototyp der romantischen Oper in Italien – wird eher selten aufgeführt. Mit gutem Grund: Die Handlung ist ziemlich verworren und widersprüchlich – und das tragische, ja blutige Geschehen steht in krassem Wiederspruch zu Bellinis wie immer heiterer Musik.

Mit der Uraufführung seines „Pirata“ an der Mailänder Scala 1827 schaffte Bellini jedoch seinen internationalen Durchbruch, und er konnte es sich von da an leisten, „nur“ eine Oper pro Jahr auf die Bühne zu bringen. Acht Jahre vor Donizettis „Lucia“ schuf Bellini den Vorläufer zur berühmten Wahnsinnsarie der Lucia di Lammermoor – die Wahnsinnsszene der Imogene. Bellini war nicht nur Pionier, er nahm auch Einflüsse auf: Der von Verdi und Wagner gleichermassen geschätzte Bellini kann die Inspiration des älteren Rossini nicht verleugnen, insbesondere im turbulenten Finale des ersten Aktes.

Die St.Galler Inszenierung verlässt der Besucher mit gemischten Gefühlen. Die gesanglichen Leistungen, namentlich der Imogene der aus Libanon stammenden Sopranistin Joyce El-Khoury (Imogene) und des auf den Philippinen geborenen Tenors Arthur Espiritu (Gualtiero) waren hervorragend. El-Khoury, die einen überaus geschmeidigen Sopran auf die Bühne bringt, unterlag aber öfters der Versuchung zu gepressten Spitzentönen. Die wichtige Wahnsinnsszene meisterte sie jedoch bravourös, mit feinen Zwischentönen und Farben, geschmeidig und virtuos vorgetragenen Koloraturen sowie subtil gestalteten Linien in einem spannungsreichen Piano.

Espiritu glänzte durch den stets kontrollierten, vor allem in der mittleren Lagen sehr geschmeidigen Wohlklang seiner Stimme, die aber durchaus auch kraftvolle Fortissimo-Spitzenleistungen mit Leichtigkeit bewältigt. Der Bariton Marco Caria als mafiöser Ernesto zeigte vor allem schauspielerisch Präsenz. Gesanglich gepflegt, mit schöner Stimme, aber deutlich weniger glanzvoll als Sopran und Tenor. Der Dirigent Stephane Fromageot hatte das St.Galler Sinfonieorchester gut im Griff, fast immer präzis – und vermochte dem Klangkörper einiges an „Italianità“ abzugewinnen.

Weniger erfreulich die Inszenierung des deutschen Regisseurs Ben Baur, der vor allem als Bühnenbildner tätig gewesen war, bevor er sich der Regiearbeit widmete. Das merkt man – Inszenierung und Personenführung wirken auf weite Strecken etwas hilflos. Von Piratenromantik keine Spur – die Piraten wirken wie harmlose Hafenarbeiter, denen allerdings blutrünstige Mafiosi gegenüberstehen. Blutige Leichen mit brutalen Folterspuren werden auf die Bühne und von der Bühne geschleppt, und das Ganze ist, vom ersten Mal, als sich der Vorhang hebt, bis zum tragischen Schluss durchgehend so düster, erhellt von immer denselben acht Engergiesparlampen, dass man sich am Ende erst einmal erholen muss.

Da ist nichts von der heiteren Musik Bellinis, da gibt es keine Aufhellung, keinen Lichtblick. Schon Shakespeare hat uns gezeigt, dass die blutigste, dramatischste Handlung als Kontrapunkt den „Comic Relief“, die Erleichterung in einer komischen Szene, bedarf, ohne dadurch im Geringsten beeinträchtigt zu werden. Das hätte sich der Regisseur von „Pirata“ vor Augen führen müssen.

Charles E. Ritterband, 21. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

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