Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal Musikverein / Amar Mehmedinovic
Um es kurz zu machen: Was nützt eines der besten Orchester der Welt, wenn der Dirigent es nicht versteht, dieses nicht nur bloß zusammenzuhalten, sondern eine veritable Interpretation zu vermitteln. Schade, denn das Programm war eigentlich vielversprechend.
Musikverein Wien, 18. Dezember 2025
Ludwig van Beethoven: Leonoren-Ouvertüre Nr. op. 72
Richard Strauss: Metamorphosen, Studie für 23 Solostreicher, AV 142
Ludwig von Beethoven: Symphonie Nr. 5 c-moll, op. 67
Wiener Philharmoniker
Dirigent: Franz Welser-Möst
von Herbert Hiess
Es ist eine wirkliche Rarität, dass in einem Konzert der Wiener Philharmoniker gleich zwei Konzertmeister zu finden sind – und das war Strauss’ „Metamorphosen“ geschuldet. Diese sogenannte Studie ist eines der anspruchsvollsten Werke der symphonischen Literatur.
Denn die 23 Musiker schlüpfen hier tatsächlich in die Rolle der Solisten; da hat der Dirigent wahre Mühe, dieses Ensemble auf einen einheitlichen Klang zu bringen.
Richard Strauss komponierte das Werk 1945; gedacht war es als Abgesang auf die Zerstörungen des 2. Weltkrieges und es war ein beinahe
30-minütiger Abschied von der Konzertwelt.
Es ist eine Trauererzählung über die Zerstörung wichtiger Kulturstätten in Dresden und München; ursprünglich war es als Septett vorgesehen. Dann erweiterte Strauss dieses Werk auf 23 Streicher (10 Violinen, 10 Celli und Bratschen und drei Kontrabässe).
„Metamorphosen“ deswegen, weil sich in dem dreiteiligen Werk die Musiker in fast freier Tonalität bewegen; es ist ein unablässiger Ablauf von diversen Harmonien und Tonarten, wobei die einzelnen Streicher – wie oben gesagt – eine solistische Rolle innehaben.
Leider war Welser-Mösts Beitrag eine bloße Beobachtung des Zusammenspiels; eine richtige Interpretation war nicht erkennbar. Schön wäre es gewesen, wenn man die dreiteilige Form klar hätte erkennen können – schade darum.
Eingerahmt war die phantastische Komposition von zwei wichtigen Werken Ludwig van Beethovens. Die dritte Leonoren-Ouvertüre kann man derzeit in der „Fidelio“-Produktion in der Wiener Staatsoper auch erleben. Darüber wird aber später berichtet.
Wunderbar vom Orchester gespielt; leider wurden wenig Akzente und Phrasierungen modelliert – irgendwie hatte man das Gefühl der Gleichförmigkeit. Großartig vor allem die Bläser, speziell die erste Flöte in ihrem Solo.
Mit den Bläsern und vor allem den Holzbläsern ging es in der Wunschkonzert-verdächtigen 5. Symphonie weiter.
Das Werk ist sehr oft die „Einstiegsdroge“ für spätere Klassik-Fans. Gerne wird hierfür gerade die Aufnahme mit Herbert von Karajan herangezogen. An diese Aufnahme darf man bei diesem Konzert nicht denken – trotz des phantastischen Orchesterspiels war es Lichtjahre von dieser entfernt.
Die ersten beiden Sätze waren wie die Ouvertüre gleichförmig; Phrasierungen und Akzente vermisste man hier zuhauf. Und manchmal gingen wichtige Bläsersoli im massiven Tuttiklang unter. Echt schade darum.
Die Symphonie beginnt mit den berühmten auftaktartigen drei Achteln; die zumeist fälschlicherweise wie eine Triole gespielt werden.
Obwohl Beethoven hier selbst auf klare dynamische Abstufung und exakter Phrasierung bestand, war in diesem Konzert davon leider nichts zu hören. Erst im dritten Satz war etwas wie eine persönliche Sichtweise des Maestros auf das Werk zu hören (vor allem Trio). Aber in Richtung Finale und demselben ging das leider wieder verloren.
Das Finale ist insofern besonders, da hier zum ersten Mal Kontrafagott und Posaunen erklingen; die waren leider nur erahnbar.
Natürlich ist der heroische C-Dur Schluss ein Applaustreiber, der auch vom Publikum entsprechend honoriert wurde.
Jedoch war der Applaus auch recht bald vorbei; befremdlich war es, dass der Dirigent – so wie allgemein üblich – die einzelnen solistischen Musiker im Applaus besonders hervorhob.
Fazit: Man hätte aus diesem interessanten Programm etwas Besonderes machen können; den schalen Nachgeschmack kann man leider nicht verleugnen.
Herbert Hiess, 19. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Philharmoniker, Franz Welser-Möst Dirigent Wolkenturm/Grafenegg, 3. September 2025
Herbert hört hin 8: Matthias Goerne Musikverein Wien, 28. November 2025
Tonhalle-Orchester Zürich, Paavo Järvi Musikverein Wien, 21. November 2025
„… eines der besten Orchester der Welt…“
Ja, früher mal; das ist leider vorbei, wie im ablaufenden Jahr mehrmals bemerkt wurde.
DI Waltraud Becker
„im ablaufenden Jahr“ gab im Musikverein mit den Wiener Philharmonikern, von mir besucht:
Johannes Brahms, Doppelkonzert, Symphonie Nr.4, Augustin Hadelich, Gautier Capuçon, Christian Thielemann (09.04.2025)
Anton Bruckner, Symphonie Nr. 7, Riccardo Muti (15.02.2025)
erwähnenswrt noch
Ludwig van Beethoven, Symphonie Nr. 9, Riccardo Muti
Johannes Brahms, Klavierkonzert Nr. 2, Symphonie Nr. 3, Christian Thielemann (8.12.2003)
Anton Bruckner, Symphonie Nr. 8, Christian Thielemann (25.02.2003)
Michael Tauber
alle exzellent, Bruckner 8. überirdisch – nur so nebenbei bemerkt. Was irgendwelche Kritiker, speziell in Deutschland, schreiben, kümmert mich nicht. Mir sind meine Erfahrungen wichtig.
Lieber Herr Tauber, vielleicht mögen sie dies an Ihre „Erfahrungen“ anheften: Der „Kritiker“ Herbert Hiess ist Wiener und lebt in Wien.
Herzlich,
Andreas Schmidt, Herausgeber
Lieber Herr Schmidt, mein Kommentar war eine Bemerkung zum Kommentar von Frau Becker und ein Appell gegen Verallgemeinerungen. Herrn Hiess’ Besprechungen habe ich immer gerne gelesen und geschätzt, besonders auch, wenn sie ein Konzert betreffen, in dem ich auch war. Habe übrigens von Bekannten Ähnliches über das gegenständliche Konzert gehört.
Beste Grüße
Michael Tauber
Lieber Herr Tauber,
gut so! Es zählt nur die eigene Wahrnehmung. Kritik erfüllt primär den Sinn, dass Klassik im Gespräch bleibt. Alles andere wäre vermessen. Wenn mir jemand schreibt, er wolle eine Vorstellung nicht besuchen wegen einer Kritik, fühlt es sich schlecht an. Jeder soll sich seine eigene Meinung bilden!
Liebe Grüße,
Jürgen Pathy
Ich kann jetzt vergleichend nur das Fidelio-TV-Ergebnis bewerten. Da haben Frau Becker und Herr Hiess mit seinem höchst kompetenten Bericht meinen Eindruck auf den Punkt getroffen. Das ist der nötige Stich in ein Wespennest, wenn man sich nicht scheut lobhudelnde Medienvertreter in Frage zu stellen, die mglw. substanzlos oder aus anderen Gründen, ungünstige Entwicklungen potenzieren wollen. Wiewohl: ich habe viele schöne Erinnerungen an Welser-Möst-Dirigate.
Tim Theo Tinn, 21.12.2025
Ich denke, Sie waren im falschen Konzert.
Dieter Berndt