Bruce Liu © Andreas Etter/Pro Arte Frankfurt
William Walton
„Orb and Sceptre“
Pjotr I. Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 b-moll op. 23
Modest Mussorgsky: „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel
Bruce Liu, Klavier
City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO)
Kazuki Yamada, musikalische Leitung
Alte Oper Frankfurt, 8. März 2026
von Dirk Schauß
Am Sonntagabend, 8. März 2026, war die Alte Oper Frankfurt gut gefüllt – und die Vorfreude auf Bruce Liu und das City of Birmingham Symphony Orchestra unter Kazuki Yamada spürbar. Der in Paris geborene, in Kanada aufgewachsene Pianist, der seinen Namen mit einer Martial-Arts-Legende teilt und privat leidenschaftlich Kart fährt, hat in kürzester Zeit eine ganz eigene Welt erobert. In ihm verschmelzen scheinbare Gegensätze: konfuzianische und taoistische Wurzeln mit einer tiefen Verbundenheit zur europäischen Romantik. Zusammen mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter Kazuki Yamada zeigte er an diesem Abend, wie französische Anschlagseleganz und russische emotionale Wucht zu einer packenden Einheit werden können.
Den Auftakt gab William Waltons Krönungsmarsch „Orb and Sceptre“ (1953 für Elizabeth II. geschrieben). Das CBSO unter Yamada legte sofort los: imperial, kraftvoll, auch etwas derb – eine rhythmisch vertrackte, moderne Variante von Elgars Pomp. Blech und Schlagwerk ließen den Saal vibrieren. Eine noch feinere dynamische Schattierung hätte dem feierlichen Charakter gutgetan, aber als energiegeladener Einstieg hat es gut funktioniert und das Publikum sofort wachgeküsst.
Dann kam für viele der Höhepunkt: Tschaikowskys 1. Klavierkonzert b-moll. Bruce Liu fegte mit dem berühmten Eröffnungsakkord jede Gewohnheit beiseite – ein gewaltiges Fortissimo, das sofort höchste Intensität versprach. Sein Anschlag ist von unglaublicher Vielfalt: In den lyrischen Passagen des ersten Satzes zaubert er Töne von kristalliner Klarheit und federleichter Schwerelosigkeit hervor, die wie aus weiter Ferne schweben, während eine unterschwellige Spannung pulsiert. Die dramatischen Ausbrüche hingegen entfaltet er mit orchestraler Wucht – besonders in der linken Hand, wo tiefe Bässe wie Donnerschläge rollen und das Klavier fast zum zweiten Orchester wird. Hier spürt man Tschaikowskys russische Seele hautnah.
Im zweiten Satz zeigte Liu seine tiefste Seite: eine schüchterne, innige Zärtlichkeit, die den Flötenmelodien des Orchesters Raum lässt. Seine Phrasierung singt, atmet in natürlichen Rubati, die nie gekünstelt wirken. Die dynamischen Bögen sind hauchfein – vom zartesten Pianissimo bis zu warmen Crescendi, die direkt ans Herz gehen. Hier verbindet er Tschaikowskys Melancholie mit einer französischen Eleganz, die an Debussy oder Ravel erinnert – eine berührende, seltene Synthese.
Der dritte Satz explodierte dann in purer Vitalität: Das Presto – Allegro di fuoco rauschte mit atemberaubender Präzision über die Tasten, doch immer musikalisch gezügelt. Läufe und Oktaven flogen, rhythmische Akzente knallten wie Peitschenhiebe, Synkopen tanzten wild und folkloristisch. Yamada begleitete flexibel und impulsstark, gab Liu Freiraum für solistische Höhenflüge und steigerte die Spannung bis zum triumphalen Schluss. Das Zusammenspiel sprühte vor Begeisterung – stürmischer Applaus und eine anspruchsvolle Zugabe (György Ligeti, Étude „Fanfares“ aus Book 1) als verdienter Höhepunkt.
Nach der Pause widmete sich das CBSO dann Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in Ravels genialer Orchestrierung – ein wahres Feuerwerk an Farben und Kontrasten. Yamada und sein Orchester machten daraus eine hochexpressionistische Schau: „Gnomus“ grotesk und unheimlich, „Bydlo“ eine panzerartige Klangwalze von beängstigender Wucht. Doch das Orchester kann auch zart: Das Saxophon-Solo in „Das alte Schloss“ hüllte den Saal in melancholische Stille, die Trompete in „Samuel Goldenberg und Schmuyle“ schnitt scharf durch die Luft.

Yamada zeigte offen seine Freude – mit diskreten Daumen-hoch-Gesten für gelungene Soli, die sich auf das ganze Orchester übertrugen. Im „Hexenritt der Baba Yaga“ steigerte sich das CBSO in einen regelrechten Rausch, bevor das „Große Tor von Kiew“ in goldenem Blechglanz kulminierte.
Der Applaus wollte kein Ende nehmen. Als Zugabe gab es den Pas de deux aus dem ersten Akt von Tschaikowskys „Nussknacker“ – spätromantischer Schmelz mit rauschenden Harfen und prasselnden Becken zum noblen Ausklang. Ein Abend, der zeigt: Mit Künstlern wie Bruce Liu und Kazuki Yamada hat die Klassik keine Zukunftssorgen. Handwerkliche Meisterschaft trifft auf jugendliche Spielfreude – und alte Werke leuchten plötzlich neu und aufregend.
Dirk Schauß, 9. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD-Rezension: Bruce Liu, Waves klassik-begeistert.de, 30. November 2023
María Dueñas, Violine Kazuki Yamada, Dirigent, CBSO Kölner Philharmonie, 11. März 2024