Mahlers Fünfte erschüttert in Lübeck die Herzen – und Widmanns „Armonica“ bezaubert durch magische Klänge

4. Symphoniekonzert, Gustav Mahler, Symphonie Nr. 5 cis-Moll  MUK Lübeck, 14. Dezember 2025

Stefan Vladar und Orchester, Photo Andreas Ströbl

Welches Musikstück kann neben einem solchen Monument, wie es Gustav Mahlers 5. Symphonie darstellt, in einem Konzertprogramm bestehen, dieser Symphonie gegenübergestellt werden, mit ihr auf irgendeiner Weise korrespondieren? Die Verantwortlichen in Lübeck haben sich für das
4. Symphoniekonzert der Saison etwas ganz Besonderes ausgedacht – die Rechnung ging auf!

4. Symphoniekonzert

Jörg Widmann, Armonica für Glasharmonika und Orchester
Gustav Mahler, Symphonie Nr. 5 cis-Moll

Stefan Vladar, Dirigent
Christa Schönfeldinger, Glasharmonika
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Musik- und Kongresshalle, Lübeck, 14. Dezember 2025

von Dr. Andreas Ströbl

Eine echte Entdeckung mit magischer Aura

Als Jörg Widmann das Adagio in C-Dur für Glasharmonika von Wolfgang Amadeus Mozart hörte, war er zu Tränen gerührt. Für dieses Instrument wollte er etwas komponieren und die Möglichkeiten dieses ungewöhnlichen Klangwunders ausloten.

„Armonica für Glasharmonika und Orchester“ nannte er folgerichtig das nur eine Viertelstunde dauernde Stück, in dem das von Benjamin Franklin erfundene Instrument aus ineinandergeschobenen Glasglocken, die durch Pedale in Rotation versetzt werden, die Hauptrolle spielt.

Christa Schönfeldinger ist eine der wenigen Virtuosinnen auf der Glasharmonika, und als Überraschung leitet sie das moderne Stück durch seine berühmte Initialzündung, eben das Mozart’sche Adagio ein. Die überirdisch zarten Klänge ziehen sofort alle in den Bann und mit Sekundenpause wechselt das spätbarocke Solo zur modernen Komposition. Leider verstehen das einige im Publikum nicht und zerklatschen die sensible Stimmung. Ein Handzeichen von Dirigent Stefan Vladar stellt jedoch sofort die Spannung wieder her und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck entwirft gemeinsam mit der Solistin das magische Klang-Labyrinth der „Armonica“.

Christa Schönfeldinger © Wiener Glasharmonika Duo

Widmann ist bekannt dafür, dass er den Instrumenten Töne und Geräusche entlockt, die vom gewohnten Spektrum abweichen. Und so faucht, knattert und kratzt es zuweilen, dann wieder entstehen zauberische Räume mit winzigen Zitaten – war das eben nicht eine Dissonanz, wie im „Adagio“ von Mahlers 10. Symphonie? Und lugte man nicht ganz kurz in Klingsors Garten? Halt – da hat doch der Rheingold-Donner seinen Hammer erhoben, oder?

Es ist ein bisschen so, als tappte man im Halbdunkel durch eine Tarkowski-Filmlandschaft oder ein düsteres altes Haus, mit vergilbten Photographien, alten Gemälden, Puppen mit leeren Augen und Erinnerungsstücken, die, wie im Traum, gleich wieder verschwinden und anderen Platz machen. Das Läuten des Glockenspiels wirkt unheimlich, die ineinander verwobenen Linien lassen an einen durch einen uralten Zaubertrank verursachte Halluzinationen denken. Ein stotterndes Akkordeon und schräge Blechbläser verwischen eben noch vertraut wirkende Pfade; wer gerade noch Halt gefunden hat, blickt in neue bedrohliche Düsternis. Jähe Aufschreie erschrecken den Suchenden, tiefe Streicher entwerfen dunkelbraune Räume, deren letzte Winkel stets verborgen bleiben.

Hat da kurz eine Sopranistin gesungen oder war es die Glasharmonika? In größter Sanftheit gleitet schließlich der eigentümlich musikalische Wandelgang aus, wie ein langsames Erwachen aus einem Schlaf, dessen innere Bilder eine unheimliche, soghafte Atmosphäre hinterlassen. Es ist sicher nicht verstiegen zu sagen, dass Gustav Mahler dieses Stück gefallen hätte, mit seinen Brüchen, dem Spiel mit Vertrautem und Ungewöhnlichem und der Auslotung der Klanggrenzen. Er hätte wahrscheinlich in den begeisterten Applaus eingestimmt, der vor allem Christa Schönfeldinger gilt. Aber auch das Orchester hat wieder einmal bewiesen, dass es besonderen Herausforderung problemlos gewachsen ist.

„Ein Werk der Kraft“

Wer den Film „Tár“ von Todd Field und Cate Blanchett als Dirigentin Lydia Tár aus dem Jahre 2022 gesehen hat, kann sich vorstellen, dass Mahlers „Fünfte“ zu einer echten Obsession werden kann. Bruno Walter nannte sie „ein Werk der Kraft, des gesunden Selbstgefühls, dem Leben zugewendet“.

Das trifft auf die Sätze 3 bis 5 zu, die ersten beiden Sätze hingegen sind eine Herausforderung in brutaler Schonungslosigkeit. Wer Mahler liebt, für den ist die „Fünfte“ ein unvergleichliches Monument der Symphonik, und wer Mahler kennt, hat beinahe Angst vor einer sehr guten Aufführung dieses Meisterwerks, „das seinen Schöpfer auf der Höhe des Lebens, der Kraft, des Könnens zeigt“, um nochmals Bruno Walter zu zitieren. Was Vladar und das Lübecker Orchester an diesem 3. Adventssonntag bieten, ist herausragend und entsprechend erschütternd.

Für den ersten Satz, den Trauermarsch, hat sich Mahler „die Geigen stets so vehement als möglich“ gewünscht. Sämtliche ergreifenden Passagen dieses Satzes klingen hier gemäß Angabe des Komponisten, aber Vladar lässt sich auch Zeit für die schreitend-langsamen Stellen. Wer tiefe Trauer kennt, der weiß, dass sich das manchmal anfühlt, als sei man doppelt so schwer, jeder Schritt muss mühsam erkämpft werden. Der Dirigent ist normalerweise für zügige Tempi bekannt; hier gilt es indes, die schwarze Last abzubilden und auszuhalten.

„Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz“, überschreibt Mahler den Folgesatz und hier schleudert die Musik unerbittlich die empfindsame Hörer-Seele von einer Ecke in die andere, man bekommt schmerzhafte Hiebe, es ist, als würde einem erbarmungslos ins Herz gegriffen. Bei empfindsamen Gemütern im Publikum fließen die Tränen.

Christa Schönfeldinger, Stefan Vladar und Orchester, Photo Andreas Ströbl

Das Scherzo ist eine Erlösung – für die Hörerinnen und Hörer. Dass Dirigent und Orchester hier Schwerstarbeit leisten, ist ganz offensichtlich. Aber die Fugato-Stellen, das Zitat aus dem ersten Satz von Brahms’ zweiter Symphonie, die zauberhaften Pizzicati – all das in seiner Vielschichtigkeit dieses Mittelsatzes bilden, formen Dirigent und Orchester makellos.

Diese Symphonie lebt vor allem von den Blechbläsern, Trompete und Hörner glänzen in Lübeck durch hervorragende Leistungen. Gut, dass die Huster sich immer die Piano-Stellen oder Generalpausen ausgesucht haben – so haben wenigstens alle etwas davon. Nicht, daß es ausreichend Fortissimo zum Auskeuchen gäbe…

Spätestens seit der Visconti-Verfilmung von Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ hat man beim Adagietto das flirrende Licht, das die Sonne in die Lagune der „Serenissima“ entsendet, vor dem inneren Auge. Die Lübecker machen diesen Satz jedoch wieder zu dem, was er ist: Eine kantable Liebeserklärung an Alma oder, wenn man so mag, das symphonische Liebeslied ohne Worte schlechthin. Liebevoll und zart erklingt diese Musik, völlig ohne Pathos und wundervoll abgemessen, sowohl im Tempo als auch dynamisch.

Majestätische Größe und ein triumphales „Ja!“ erheben sich im Finalsatz. Der Architekt dieses erhabenen Gebäudes scheint immer wieder innezuhalten und nach den Crescendi zu prüfen, ob das Werk auch wohlgeraten ist. Schließlich aber erglänzt das Ziel des so schwer begonnenen Laufes in mitreißender Lebensfreude, es triumphiert ein unbeugsamer Optimismus. Nach dem leuchtenden Tutti-Taumel der letzten Takte brandet begeisterter Applaus auf, bald steht das Publikum.

Mahler in Vollendung – diese Aufführung genügt höchsten Maßstäben. Ein tiefempfundenes „Danke“ an Dirigent und Orchester!

Dr. Andreas Ströbl, 15. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD-Besprechung: Gustav Mahler Complete Symphonies Royal Concertgebouw Orchestra klassik-begeistert.de, 27. Juni 2025

4. Symphoniekonzert, Schostakowitsch und Mahler Lübecker Musik- und Kongresshalle, 18 Dezember 2023

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 3 d-Moll Musik- und Kongresshalle Lübeck, 20. März 2023

Gustav Mahler: Symphonie Nr. 3 d-Moll Lübecker Musik- und Kongresshalle, 3. Juni 2022

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