„Ich bin das Feuer, das dich verzehrt!“ – Lübeck tanzt sich in die Leidenschaft

5. Symphoniekonzert Carl Maria von Weber, Aufforderung zum Tanz  Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 8. Februar 2026

Foto: Ieva Prudnikovaite und Josep Caball é Domenech Photo Andreas Ströbl

„Tanzt, tanzt, sonst seid ihr verloren“ – dieses Zitat der legendären Choreographin Pina Bausch haben sich die Lübecker programmatisch über das 5. Symphoniekonzert am eisigen 8. Februar 2026 in der Musik- und Kongresshalle geschrieben. Dreimal wird absolut unterschiedlich der Tanz thematisiert – und das Konzert erfährt eine beeindruckende Steigerung.

5. Symphoniekonzert

Carl Maria von Weber, Aufforderung zum Tanz op. 65
Manuel de Falla, El Amor brujo (Der Liebeszauber)
Sergei Prokofjew, Romeo und Julia, Suite aus der Ballettmusik op. 64

Ieva Prudnikovaite, Mezzosopran

Josep Caballé Domenech, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Lübeck, Musik- und Kongresshalle, 8. Februar 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Funktioniert die Aufforderung?

Im noch jungen Weber-Jahr darf natürlich eines seiner berühmtesten Werke nicht fehlen, und so hat man sich in Lübeck entschieden, zum ersten Symphoniekonzert des Jahres mit seiner „Aufforderung zum Tanz“ den Reigen gleichsam zu eröffnen.
Das oft gehörte Stück in der Orchestrierung von Hector Berlioz ist eigentlich ein Selbstläufer, aber es bleibt diesmal etwas betulich. Das Blech ist an mehreren Stellen unsicher und die rhythmische Feinstruktur wirkt leicht verwaschen. Hier spielt das sonst hervorragende Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter seinen Möglichkeiten, die „Aufforderung“ kommt nicht wirklich überzeugend daher. Gastdirigent Josep Caballé Domenech zeigt zwar engagierten Körpereinsatz und kniet sich bei den Piano-Stellen fast auf das Podest, aber das Stück wirkt ein bisschen unterprobt.

Das Hineinklatschen eines großen Teils des Publikums vor dem Ausklang des Tanzes beschädigt dann endgültig die Atmosphäre.

Der Liebeszauber wirkt!

Ganz anders erscheint Manuel de Fallas „Liebeszauber“; der spanische Maestro scheint hier in vertrauter Sonnenwärme zu agieren. Das einaktige Ballett atmet derart urspanische Luft, dass es wie ein Charakterbild dessen wirkt, was man mit der iberischen Halbinsel und ihrer Mentalität verbindet.

Josep Caballe Domenech und Orchester Photo Andreas Ströbl

„Ich bin das Feuer, das dich verzehrt!“, heißt es im Text zum „Tanz des Liebesspiels“ und in der Tat kann man sich der erregten, mitunter ekstatischen Bewegung dieser Musik kaum entziehen. Das Orchester spielt nun bewährt sicher, die farbenprächtige Instrumentierung entfaltet ihren berückenden Zauber.

Glutvolles Zentrum des Werks, insbesondere bei diesem Konzert, ist der Gesang von Ieva Prudnikovaite, die derzeit als „Carmen“ in der Lübecker Wiederaufnahme der Himmelmann-Produktion brilliert (https://klassik-begeistert.de/georges-bizet-carmen-theater-luebeck-3-juli-2025/).
Man muss ein bisschen aufpassen, sich hier nicht in Klischees zu verlieren, aber die Mezzosopranistin schöpft aus der Tiefe der Seelenhaftigkeit dieser Musik mit ihrem enormen Stimmumfang, oft im Alt-Bereich, all das, was man hier assoziieren muss. Es ist ein Bekenntnis zur bedingungslosen Leidenschaft, dabei stets in stolzer Haltung. Synästhetisch gesprochen, ist der Gesang der Künstlerin rubinrot, und es kommt die Lust auf, abends eine Flasche reifen Riojas zu öffnen.

Carmen Lübeck Photo Jochen Quast

Für ihre Leistung erhält die Sängerin begeisterten Beifall; man hätte sich nur gewünscht, daß de Falla noch ein paar Lieder mehr in das Ballett komponiert hätte.

Am Ende fließen Tränen

Prokofjews „Romeo und Julia“-Suite ist bekanntlich voll mitreißender Dynamik, durchdrungen von der Hoffnung auf erfüllte, lebbare Liebe, der klanggewordenen Gewalt einer Wirklichkeit, die diese Liebe unmöglich macht, und schließlich der schwarzen Macht der Trauer. Packende Tempi sowie differenzierte Ausgestaltungen der so verschieden komponierten Szenen und der großen Gefühle prägen die Wiedergabe der wunderbaren Ballettmusik durch die Lübecker. Die spannungsreichen Rhythmuswechsel schaffen eine phantastische emotionale Intensität, aber auch sanfte Bekenntnisse der Grenzüberschreitungen zwischen „ich“ und „du“ erhalten sensiblen Ausdruck.

Die markanten harten Schläge bei Romeos Tod wirken wie Messerstiche in die angreifbare Seele, Dissonanzen und sphärisches Gleißen wechseln einander ab; schließlich herrschen die tödliche Düsternis und die ernste Größe des Todes. Da fließen bei empfindsamen Gemütern die Tränen.

Lange hält der Dirigent den Taktstock hoch – die Stille wird nur durch Husterei gestört. Dann setzen die ersten Bravo-Rufe ein, eingebettet in anhaltenden Beifall, bevor es wieder in die Kälte des hanseatischen Winters geht.

Dr. Andreas Ströbl, 8. Februar 2026. für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Georges Bizet, Carmen Theater Lübeck, 3. Juli 2025

Mieczysław Weinberg „Der Idiot“  nach dem Roman von Fjodor Dostojewski Musiktheater an der Wien, 28. April 2023, Erstaufführung

CD-Rezension: Lalo & Casals Cello Concertos klassik-begeistert.de, 26. Juli 2023

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