Die Uraufführung des jüngsten Gourzi-Opus sorgt beim Bremer Publikum für riesige Begeisterung

6. Philharmonisches Konzert: Die Seele der Natur   Bremer Konzerthaus Die Glocke, 2. Februar 2026

Foto: PHIL Orchester stehend (c) Caspar Sessler

6. Philharmonisches Konzert: Die Seele der Natur

Konstantia Gourzi  Message between Trees (2020)

Ishaón, The Angel in the Golden Garden (Konzert für Viola und Orchester)

Antonín Dvořák  Symphonie Nr. 8 G-Dur op. 88

Nils Mönkemeyer Viola
Jonathan Bloxham Dirigent
Die Bremer Philharmoniker

 Bremer Konzerthaus Die Glocke, 2. Februar 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Konstantia Gourzi mag die Natur. Und leise Töne. Die in Athen geborene Komponistin, Dirigentin und Professorin, derzeit Artist in Residence bei den Bremer Philharmonikern, ist beim Konzert anwesend und erläutert ihre kompositorische Sichtweise.

Sie habe Bäume lieben gelernt, habe eine Sehnsucht gespürt, sie zu umarmen. Und das tut sie auch kompositorisch bei ihrem 2020 entstandenen Werk „Message between Trees“.
Vom Orchester haben dazu nur die tiefen Streicher auf der Bühne Platz genommen; mit einem sehr feinen Dauerklang – ob Cluster oder Harmonie, ist schwerlich auszumachen – liefern sie die Grundierung für die Solobratsche. Wie aus dem Augenblick heraus entstanden wirken die Ausführungen von Bratschist

 Sanfte Klänge schweben durch den Raum: kurze melodische Versatzstücke, gelegentliche dissonante Doppelgriffpartien, Gedankensplitter, die intensive, zumeist meditative, zugleich aber hoch spannende Stimmungen vermitteln. Das ist Balsam für die Ohren. Und mehr noch für die Seele. Ein ganz besonderes Konzerterlebnis, das nicht auf bombastische Effekte setzt.

Faszinierend changierende Klangbilder

Ähnlich, und doch auch anders, das folgende Gourzi-Werk „Ishaón, The Angel in the Golden Garden“, ein Konzert für Viola und Orchester, eine Uraufführung. Die Komponistin hat die Proben begleitet; Dirigent Jonathan Bloxham und die Bremer Philharmoniker wissen, worauf es ankommt. Die einsätzige Komposition ist in elf Episoden gegliedert, die praktisch nahtlos aneinandergereiht sind. Deren Bezeichnungen (The Entrance, The Prayer, The Path, The Shadows, The Tree, The Full Moon, The Bird, The Mirror, The Ritual, The Transition, The Gate) mögen eine gewisse Struktur vorgeben.

Jonathan Bloxham (c) Kaupo Kikkas

Doch anstatt sich als Hörer darauf zu fokussieren, kann man sich weit besser für die wiederum intensiven Stimmungen öffnen. Auch hier wieder ein, diesmal vom Schlagwerk erzeugtes, hintergründiges Rauschen, das Wehen des Windes oder das Plätschern eines fließenden Gewässers. Dem sehr leisen Start folgt ein eruptives Konvolut diverser Instrumentalstimmen; ausgeprägte Wellenbewegungen bestimmen den Fortgang. Manche Motive wiederholen sich mehrfach, mitunter bestimmt einer straffer Rhythmus das Geschehen. Folkloristisches findet sich ebenso wie ein fernöstlich anmutender Touch, Quirliges wechselt mit ruhig pulsierendem Fließen, ungezügelte Wildheit mit Ätherischem, Meditativem. Es ist ein faszinierendes Changieren von Gegensätzlichkeiten, die immer neue, teils diffuse, nicht unmittelbar fassbare Stimmungen und Bilder erahnen lassen.

Passioniert und mit größter technischer Brillanz präsentiert Mönkemeyer seinen Part. Auch bei mitunter eher simplen melodischen Abschnitten überzeugt er mit nuanciert differenziertem Strich. Virtuosität im üblichen Sinne ist hier selten gefragt, oberflächliche Effekthascherei schon gar nicht; vielmehr geht es darum, jeden einzelnen Ton derart aufzuladen, dass sich die intensive Spannung auf die Zuhörer überträgt. Genau dies gelingt Mönkemeyer bravourös. Und nicht nur ihm, sondern auch den experimentierfreudigen, agil aufspielenden Philharmonikern, die sich dieser Herausforderung mit sichtlicher Begeisterung stellen. Und mit präzisem Spiel selbst bei gelegentlich turbulent wirbelnden Passagen transparente Klangbilder erstellen.

Moenkemeyer Nils (c) Irene Zandel

Das Publikum geht mit bei dieser zeitgenössischen Musik, diesem außergewöhnlichen Klangerlebnis, das gewiss irgendwie fremd anmutet. In dem man sich jedoch keinesfalls fremd fühlt. Den frenetischen Beifall samt langen Standing Ovations nehmen Orchester, Komponist, Dirigent, Solist dankbar entgegen.

Dvořáks 8te in mitreißend plastischer Darbietung

Nach der Pause steht mit Dvořáks Achter ein gut bekanntes Werk auf dem Programm. Nach gemütvollem, geradezu andachtsvollem Einstieg wechselt Bloxham in einen poetischen, stark dynamisch ausgerichteten Modus. Die optimistisch heitere Grundstimmung, die der Komponist dereinst in seiner Sommerresidenz im böhmischen Dörfchen Vysoká empfand, bringt Bloxham in seiner auf packende Kontraste setzenden Interpretation ausgezeichnet zum Ausdruck.

Satz 2 Adagio erinnert an staunend wahrgenommene Eindrücke der Natur während eines zauberhaften Frühlingsmorgens; ein überbordendes Fortissimo scheint dabei das gleißende Strahlen der aufgehenden Sonne nachzuzeichnen. Satz 3 Scherzo kommt so graziös und weit ausgreifend ballettös wie ein eleganter Walzertanz, sichtbar allein schon durch Bloxhams motivierendes Dirigat mit ausgeprägtem Körpereinsatz, und bestens nachvollziehbar dank einer gleichwohl gefühlvollen wie enthusiastischen orchestralen Ausführung.

Der nahezu attacca anschließende Schlusssatz startet nach hellen Trompetenfanfaren zunächst verhalten, beschaulich, fast schon behäbig. Was indes urplötzlich in heftigen Turbulenzen endet, jedoch nur, um hernach in einer ausgedehnten Reprise wie in einem gut überlegten Mittelstreckenlauf aus nocturnal beschaulichem Pianissimo ganz allmählich auszuwachsen zur finalen Eruption eines wahrhaft voluminösen Fortissimos.

Das derart plastisch dargebotene Werk des „einfachen tschechischen Musikanten“, als welcher sich Dvořák selbst einmal tiefstapelnd charakterisierte, lässt wieder einmal das Publikum emphatisch jubeln.

Dr. Gerd Klingeberg, 3. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

ensemble oktopus, Leitung: Konstantia Gourzi Reaktorhalle, München, 27. Januar 2026

Anton Reicha, Grande Symphonie de Salon No. 2 und No. 3 Sendesaal Bremen, 31. Januar 2026

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, »Faszinierende Chorklänge« Bremer Konzerthaus Die Glocke, 14. November 2025

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