Wiener Staatsoper, mon amour 1: Zwischen Bomben und Berlioz – sie lebe hoch!

70-jähriges Jubiläum Wiener Staatsoper I  Wiener Staatsoper, 22. November 2025

Wiederaufbau der Feststiege © Wiener Staatsoper GmbH

Frauen und Männer gibt es viele. Wiener Staatsoper nur eine. Erbaut von Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, thront sie seit 150 Jahren am Wiener Ring, der Prachtstraße der k.u.k. Monarchie.  Vor 70 Jahren hat man sie wieder eröffnet, am 5. November 1955.
Mit „Fidelio“ – eh klar, was würde besser passen als Beethovens „Freiheitsoper“ nach Jahren des Kriegs und der Zerstörung. Doch selbst US-Bomber konnten sie nicht dahinraffen. Am 18. März 1945, unabsichtlich soll es gewesen sein, der Bombenabwurf direkt über der Wiener Staatsoper. Bis auf die Grundmauern brannte sie nieder. Nur der Fronttrakt, die Feststiege, der Teesalon des Kaisers blieben erhalten. Klassik-begeistert-Autoren berichten über ihre Liebe zum Haus am Ring.

von Jürgen Pathy

Regelmäßig würdige ich sie, diese stolze Braut aus Stein, Geschichte und Herz. Die Beziehung zu ihr ist eine besondere. Das beweisen nicht nur die regelmäßigen Streicheleinheiten. Früher führte mein Weg in die Arbeit direkt an ihr vorbei. Durch den Arkadengang, vor dem Herbert-von-Karajan-Platz. Die „Stadtseite“, wie Insider den Blick vom Haus in diese Himmelsrichtung bezeichnen. Über mir das Büro des Direktors, darunter die Laterne, schief – seit Direktor Bogdan Roščić die Räumlichkeiten bezogen hat. Vielleicht auch schon früher, aber die Fantasie spielt einem manchmal solche Streiche.

Auch der Schmerz, der mir widerfährt, wenn ich eines beobachte. Wie das Haus leiden muss, physische Schmerzen ertragen. Aus dem Tirolerhof, einem Wiener Traditionskaffee, hat man einen idealen Blick auf die Wiener Staatsoper. Auf und zu, auf und zu. Irgendjemand hatte vergessen, ein Fenster im obersten Geschoss zu schließen. Der Wind, an diesem Tag sehr heftig, hat versucht, sie zu zerbersten. Dieser Anblick hat Gefühle in mir erweckt, wie sie sonst nur Menschen zuteilwerden. Mitleid, Schmerz, Sorge, Angst. Damit ihr ja nichts passiert. Immerhin hat sie mir mit die schönsten Stunden meines Lebens beschert.

Die Wogen des Rheins, in die Dirigent Ádám Fischer mich beim „Rheingold“-Vorspiel hineingezogen hat.

Ein alternder Plácido Domingo, um die 80 sicherlich, der als Simon Boccanegra nochmals seinen unverwechselbaren Glanz in seiner Stimme hat schimmern lassen.

Unvergessliche Stunden noch während der Direktion Dominique Meyer: Die Trojaner, von Hector Berlioz, in einer epischen Inszenierung von David McVicar. Drei Abende, drei verschiedene Perspektiven (Loge, Parkett, Galerie).

Vor kurzem und somit noch frisch ins Herz gebrannt: eine „Salome“, ein „Tristan“ und dazu noch eine „Così“ – allesamt auf ihre eigene Weise ein Traum. So weit die Genres, so verschieden die Stimmungen, nur eines hatten alle gemeinsam: Musikdirektor Philippe Jordan stand am Pult.

Diese Mischung zeigt schon, zu welch großem Musiker und Dirigenten er sich entwickelt hat. Auch wenn er im Streit gehen musste, diese fünf Jahre als Musikdirektor an der Wiener Staatsoper (2020 – 2025) haben ihn geformt. Das waren sicherlich seine herausforderndsten und zugleich wertvollsten Jahre, die ihn geprägt und qualitativ exponentiell in die Höhe katapultiert hatten. Denn: Wer sich in Wien derart genial über Wasser hält, zwischen Wiener Philharmonikern und Staatsoperndirektor – alle wollen ein Wörtchen mitreden –, dem wird so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen.

Genauso wie die Wiener Staatsoper selbst. Bomben, Seuchen, Feuer. Bleib nur stehen, du holde Maid, mon amour; Hofknicks samt tiefer Verbeugung. Wir sehen uns bald wieder.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 22. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

W.A. Mozart, Don Giovanni Wiener Staatsoper, 1. November 2025

Richard Wagner, Tannhäuser Wiener Staatsoper, 24. September 2025

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte Wiener Staatsoper, 12. September 2025

Ein Gedanke zu „70-jähriges Jubiläum Wiener Staatsoper I
Wiener Staatsoper, 22. November 2025“

  1. Lieber Herr Kollege Pathy!

    Sie eröffnen ganz toll den Mon-Amour-Reigen. Ihrem Schreiben emtnehme ich Zweifel, ob der Bonbenabwurf wirklich unabsichtlich war. Das Ziel sollte den Amrikanern zufolge der Südbahnhof gewesen sein. Bahnhofs- und Theaterdächer waren zu der Zeit sehr ähnlich und der Südbahnhof lag in der Richtung. Und da kommt noch ein Aspekt dazu. Es klingt paradox, aber je besser die Fliegerabwehr war, umso mehr hatte die Zivilbvölkerung zu leiden. Denn die Kampfpiloten trachteten ihre Bombenlast einfach wegzukriegen, um den Gefahrenbereich bald wieder verlassen zu können.

    Mit besten Grüßen,
    Lothar Schweitzer

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