Die Haltung Wagners gegenüber Russland und seinen Bürgern war ambivalent

Buchbesprechung: „Richard Wagner und Russland“ von Eckhart Kröplin  klassik-begeistert.de, 28. Dezember 2025

 

Buchbesprechung „Richard Wagner und Russland“ von Eckhart Kröplin

von Jolanta Łada-Zielke

Auf dem Buchcover ist die Abbildung einer Karikatur von Wagner zu sehen, die 1868 in der Petersburger Zeitung „Iskra” (Funken) veröffentlicht wurde und den Komponisten als Lohengrin darstellt. Gerade diese seiner Opern erfreute sich in Russland größter Beliebtheit. Eckhart Kröplin behandelt das im Titel enthaltene Thema auf sehr interessante und spannende Weise. Es stellt sich heraus, dass Russland im Leben Richard Wagners bereits seit seiner Geburt präsent war, als nach der Niederlage Napoleons russische Truppen in Leipzig stationiert wurden.

Die Haltung des Komponisten gegenüber diesem Land und seinen Bürgern war ambivalent. Einerseits sprach er sich gegen das zaristische Regime aus, indem er beispielsweise die polnischen Teilnehmer des Novemberaufstands von 1830 bewunderte und mit Michail Bakunin bei der Revolution von 1849 in Dresden zusammenarbeitete. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, von der Zarenfamilie die Zeichen der Anerkennung für sein Schaffen anzunehmen, beispielsweise von Großfürstin Jelena Pawlowna, der Schwägerin von Alexander I.  sowie von seiner Schwester Maria. Zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele im Jahr 1876 kamen viele russische Gäste aus den höheren Gesellschaftsschichten.

Das einzige russische Werk Wagners war die Volkshymne „Nicolay” (1837) zu Ehren von Zar Nikolaus I., für Solostimme, Chor und Orchester, auf einen Text des Dichters Harald von Brackel aus Riga, die sich damals unter russischer Herrschaft befand. Wagner selbst verglich seinen Aufenthalt in dieser Stadt scherzhaft mit einer Verbannung nach Sibirien.

Kröplin stellt die Geschichte der Aufführungen von Wagners Werken in Riga, Sankt Petersburg (im Mariinski-Theater) und Moskau (Bolschoi) dar und beschreibt, wie sich deren Rezeption allmählich veränderte. Zunächst lernte das russische Publikum Ausschnitte aus seinen Opern, wie Ouvertüren oder Chorpartien, kennen, später wurden sie dann in ihrer Gesamtheit aufgeführt. Nach dem Tod des Komponisten trat in St. Petersburg und Moskau eine deutsche Truppe unter der Leitung des Impresarios Angelo Neumann auf, der dort seinen „Der Ring des Nibelungen“ aus Leipzig präsentierte. Interessant sind die Umstände der Aufführung von „Die Walküre“ in Moskau zu Zeiten Stalins.

Unter den damaligen russischen Komponisten und Intellektuellen hatte Wagner begeisterte Verehrer und Förderer wie Alexander Serow, aber auch Skeptiker (Borodin, Turgenjew, Herzen, Dostojewski) und entschiedene Gegner (Wladimir Stassow, Leo Tolstoi). Peter Tschaikowsky, der Wagner als „Don Quixote” bezeichnete, behandelte sein Werk selektiv, ließ sich jedoch von ihm inspirieren. Kröplin weist auf die melodische Verwandtschaft des Hauptmotivs aus „Schwanensee“ mit „Nie sollst du mich befragen“ aus „Lohengrin“ hin.

Konservative Künstler kritisierten und verspotteten Wagners Konzept der „Musik der Zukunft“. Viele hielten ihn für einen herausragenden Symphoniker, der jedoch mit der menschlichen Stimme nicht zurechtkam. Dennoch gab es seit Ende des 19. Jahrhunderts einige herausragende russische Wagner-Sänger, darunter Felia Litwin, Julia Platonowa, Fiodor Nikolski, Dmitri Orlow, Iwan Melnikow und Fiodor Strawinski, der Vater von Igor. Antonina Neshdanova und Leonid Sobinow bildeten das Duo Elsa-Lohengrin, das von russischen Musikliebhabern geliebt wurde.

Dieses Buch könnte man als vollwertig ansehen, wenn da nicht ein großes ABER wäre, welches die Behandlung polnischer Themen durch den Autor betrifft. Diese tauchen eher „nebenbei­“ auf, und so behandelt der Autor die meisten von ihnen – oberflächlich, ohne tiefere Analyse. Am gründlichsten hat er die Umstände der Entstehung Wagners „Polonia-Ouvertüre“ nach der Niederlage des Novemberaufstands (1831) in Polen dargestellt. Ich kann jedoch kaum glauben, dass Eckhart Kröplin eine der größten polnischen Pianistinnen und Kulturmäzeninnen des 19. Jahrhunderts, Maria Kalergis-Muchanov, als eine Russin darstellt!

Diese Dame hatte mit Russland nur so viel zu tun, dass ihr Vater, der deutsche Graf Frédéric von Nesselrode, im diplomatischen Dienst der zaristischen Regierung arbeitete, und ihr zweiter Ehemann Sergei Muchanov Russe war.  Sie hatte zwar einen bedeutenden Einfluss, unter anderem in der Petersburger Kunstszene, aber in ihren Adern floss kein Tropfen russisches Blut. Interessant, dass Kröpling nur Marias männlichen Vorfahren erwähnt, sagt aber kein Wort über ihre Mutter Tekla Nałęcz-Górska, die aus einer Familie polnischer Adliger stammte. Es scheint, dass er Maria Kalergis unbedingt zu den russischen Bürgern hinzufügen wollte, die Wagner unterstützten.

In dem Kapitel über den Einfluss Wagners auf die russische Musik nennt der Autor vier polnische Komponisten, die sich von dem Schaffen des Meisters aus Bayreuth inspirieren ließen: Zygmunt Noskowski, Władysław Żeleński, Mieczysław Karłowicz und Karol Szymanowski, wobei er den beiden Letzteren etwas mehr Aufmerksamkeit widmet. Allerdings waren nur zwei von ihnen im Königreich Polen tätig. Żeleński und Karłowicz lebten in Galizien, das damals unter österreichisch-ungarischer Herrschaft stand, und hatten völlig andere Arbeitsbedingungen.

Der Autor behauptet dabei, dass sie in einem Land lebten, das „von Russland nicht nur administrativ, sondern zu guten Teilen auch kulturell beherrscht wurde“. Wenn das tatsächlich so wäre, hätte die damals gegründete polnische Nationaloper keine Chance zu entstehen und sich zu entwickeln. Ihr Vertreter war kein Geringerer als Stanisław Moniuszko, ebenfalls ein großer Verehrer Wagners, weshalb es mich wundert, dass Herr Kröplin ihn nicht in diese Gruppe aufgenommen hat. Natürlich versuchte die russische Zensur Moniuszkos Tätigkeit einzuschränken, aber Maria Kalergis förderte seine Opern, sowohl in Warschau als auch in Sankt Petersburg. Diese großartige Persönlichkeit verbindet beide Komponisten.

Glücklicherweise haben unsere Leser diese herausragende Polin, die als „weiße Fee” bezeichnet wird, bereits 2020 kennengelernt, dank ihrer Biografie von Luc-Henri Roger, die ich hier besprochen habe.

Ich möchte niemanden von dem Eckhart Kröplins Buch abbringen, weil er darin die russischen Themen zuverlässig und interessant darstellt. Aber ich rate Ihnen zu einer kritischen und skeptischen Haltung gegenüber den polnischen Fragen. Mit Bedauern stelle ich einmal mehr fest, dass die Deutschen zu wenig über Polen wissen, in diesem Fall über die polnische Musik, und machen nichts, um dieses Wissen zu vertiefen.

Es gibt  nichts Schlimmeswas nicht gut ausgehen kann. Ich schlage eine Konstruktive Diskussion zwischen polnischen und deutschen Musikwissenschaftlern vor, in der beide einige Fragen klären können. Eine neue und frischere Sichtweise auf das Thema „Richard Wagner und Polen” wäre jedenfalls – seit dem Buch von Karol Musioł in den 80er – auch nützlich. Und in dieser neuen Version werden wir Maria Kalergis bestimmt in Betracht ziehen.

Jolanta Łada-Zielke, 28. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ladas Klassikwelt 24, Franz Liszt, Richard Wagner und die „Fée blanche“ – die „weiße Fee“, klassik-begeistert.de

Ladas Klassikwelt (62): „Beethoven spült uns die Ohren” – Bemerkungen zu Christian Thielemanns Buch „Meine Reise zu Beethoven“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert