Die Ballhaus-Saison in Berlin ist eröffnet: „Lieber n bisschen mehr, aber dafür wat Jutet“

Zwei Kammermusikabende Kammermusikensemble des DSO Berlin  Clärchens Ballhaus, 29./ 30. November 2025

Ballhaus Wedding (Foto privat)

Berlin und seine Ballhäuser: Säle aus dem 19. Jahrhundert, in denen schon immer getanzt und gefeiert oder, wie es auf gut Berlinerisch heißt, „geschwoft“ wurde. Eingängige Musik und fröhliche Stunden sind dort zu Hause. Kein Wunder, dass Kammermusikensembles aus Berliner Orchestern sie als Spielstätten für sich entdecken. Typisch Berlin: Auch nach einer tagelangen Reise nebst siebzig Umdrehungen mit verbundenen Augen wäre, sobald man die Augenbinde löst, kein Vertun möglich. Die Mischung aus Amüsiertempel, verblichener Pracht, hoher Kunst und einer ordentlichen Bar im Raum nebenan samt Aussicht auf die umliegenden Mietskasernen (oder, in Clärchens Fall, auf ein Krankenhaus) ist in dieser Stadt zu Hause wie sonst nirgends. Wer es lieber neu, geleckt und superordentlich mag, sollte sich indes woanders umtun.

Zwei Kammermusikabende

Kammermusikensemble des DSO Berlin
Clärchens Ballhaus, Spiegelsaal, 30. November 2025

Kammermusikensemble des RSB
Ballhaus Wedding, 27. November 2025

von Sandra Grohmann

Von Kammermusikensembles des Rundfunk Sinfonie Orchester – RSB – habe ich an dieser Stelle schon berichtet, wie sie in die Stadt ausschwärmen und aufregende Orte zum Konzertieren entdecken: Das aus Babylon Berlin bekannte Delphi Theater zum Beispiel oder das Kühlhaus Berlin. Inzwischen ist auch das Ballhaus Wedding regelmäßige Anlaufstation. Zurecht! Und nun spielt auch das Kammermusikensemble des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin – DSO – im Ballhaus, nämlich bei Clärchen in Berlin-Mitte.

Aber was ist das eigentlich, ein Ballhaus? Ursprünglich soll man darunter tatsächlich Hallen verstanden haben, in denen Ball gespielt wurde, nämlich das legendäre Jeu de Paume, eine Art mittelalterlichen Squash. So jedenfalls ist es in mehreren www-Quellen beschrieben.

Damit haben die heutigen Ballhäuser nichts mehr zu tun. Im vorletzten Jahrhundert gebaut, dürften sie von Anfang an eher als Vergnügungs- denn als Sportstätten gedient haben. Die Großmutter meiner Begleitung ging jedenfalls schon in den 1920er Jahren zu Clärchen „schwofen“, wie die Berliner zum Tanzen sagen.

Mittelalterliche Tradition jedenfalls ist weder im Wedding noch bei Clärchen zu finden. Stattdessen Plüsch und Plunder und Zeichen von Dekadenz. Die riesigen rissigen Spiegel, die dem oberen Saal in Clärchens Ballhaus den Namen geben, tragen Sprünge und Silberfraß mit Würde, um nicht zu sagen: Mit Stolz. Gehalten von Holzplomben vervielfachen sie die alte Farbe und den zur Hälfte erhaltenen Stuck. Und die Leute lieben es und strömen dorthin, ebenso wie in den Wedding, wo das Ballhaus einem Gründerzeitmuseum gleicht. Die Säle sind zum Bersten gefüllt.

 Das mag indes auch auf die sorgfältig zusammengestellten Programme zurückzuführen sein. Beide Abende fallen dadurch auf, dass vor der Pause wenig bekannte Komponistinnen bzw. Komponisten gespielt werden. Nach der Pause lässt man alte Bekannte zu Gehör kommen.

Beim DSO treffen vorpauslich zwei Komponisten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten, jedoch beide aus jüdischen Familien stammten und vor der Nazizeit sehr anerkannt waren: Hans Gál und Erwin Schulhoff. Es schmerzt, dass beide nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in Vergessenheit gerieten, bevor sie in den letzten Jahren wieder stärker in den Blick und ins Ohr genommen wurden.

Hans Gáls Serenade für Klarinette, Violine und Violoncello von 1935 wird ganz fein von Klarinettist Thomas Holzmann, Olga Polonsky an der Violine und Claudia Benker-Schreiber am Cello zur Aufführung gebracht. Es ist ein verschachteltes tonales Stück, das sich unmittelbar erschließt und auch einiges Augenzwinkern bereithält. Und das, obwohl Gál zu dieser Zeit bereits Deutschland in Richtung seiner österreichischen Heimat verlassen hatte, verlassen musste, bevor er nach dem „Anschluss“ Österreichs nach England flüchtete.

Erwin Schulhoff nahm mit seinen zwölf Jahre zuvor komponierten Fünf Stücken für Streichquartett noch Tanzrhythmen zur Grundlage seiner Musik und verfremdete diese. Vom Wiener Walzer bis zur Tarantella kam so einiges Internationales zusammen. Die genannten Streicherinnen, ergänzt um Hyojin Jun und Viktor Bátki, tragen die fünf Tänze witzig und mitreißend vor. Verständlich, dass es im Ballhaus-Kontext augenscheinlich manchen kaum auf seinem Stuhl hält. Da zucken Köpfe, Schultern und sicher auch manches Bein. Beschwingt geht es zur Pause in die Bar im Nebenraum und auf die Terrasse zum Hinterhof hin. Nur zu empfehlen ist übrigens „Clärchens Mule“. Prost.

Nach der Pause dann – um im Berlinerischen zu bleiben – dit jute olle Klarinettenquintett von Carl Maria von Weber. Aber auch das kann man frisch spielen, wie die fünf Musiker nun gemeinsam zeigen. Mein lieber Herr Gesangsverein! Thomas Holzmann beweist schier unendlich langen Atem, arbeitet die dynamischen Kontraste bewundernswert heraus, kiekst und seufzt. Und die anderen vier begleiten hochkonzentriert, à point, mit wiederum feinem Streicherklang. Das Publikum reagiert begeistert.

Einen ganz anderen Klang bieten Nikolaus Resa, Richard Polle, Christa-Marie Stangorra, Yugo Inoue und Hans-Jakob Eschenburg vom BSO. Musikantisch im besten Sinne schlagen sie ihr Publikum indes ebenso in den Bann. Mit dem rein französischen Programm spielten sie vor der Pause ebenfalls Stücke von zwei zu ihrer Zeit anerkannten, dann jedoch lange Zeit vergessenen Musiker(innen): Lili Boulanger und Cécile Chaminade, die glücklicherweise beide seit einigen Jahren wiederentdeckt werden.

Ein wohl unfallbedingter Stau auf der Autobahn hat mich leider zu spät kommen lassen, doch Boulangers D’un soir triste und D’un matin de printemps klingen noch durch die Tür zum Ballsaal, vor dem ich kurz nach dem Beginn des Konzerts ankomme, so gesungen, so auf großem Bogen gespielt, dass ich lediglich den dazugehörigen Anblick verpasse, nicht jedoch die Musik.

Chaminades Trio für Klavier, Violine und Violoncello hingegen höre und sehe ich in voller Schönheit. Und die Musizierfreude überträgt sich auch hier wieder. Herrlich das Verschmelzen von Stangorras Violinen- und Eschenburgs Celloklang. Dass man sich zu anderer Gelegenheit auch mal verpasst, macht da gar nichts.

Zur Pause lockt auch hier die Bar im sich anschließenden Kaminzimmer sowie die Terrasse zum Innenhof. Gleichermaßen laden die originellen Sofas im Flur zum Probesitzen ein, bevor es mit Ravels Streichquartett F-Dur in die zweite Halbzeit geht. Und wieder Musik zum Schwelgen und Baden.

Meine Begleiterinnen und ich verlassen die Ballhäuser beide Male sehr zufrieden. Den Besuch, nehmen wir uns vor, wiederholen wir bei Gelegenheit. Denn wie sagt die Berlinerin: Lieber n bisschen mehr, aber dafür wat Jutet. Und was sagen wir? So isset.

Sandra Grohmann, 2. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert