Simon Gaudenz vollendet mit Herzblut seinen Mahler-Zyklus

CD-Besprechung: Gustav Mahler/Andrea Lorenzo Scartazzini, Complete Symphonies Vol. 5  klassik-begeistert.de, 3. Januar 2026

CD-Blu-ray-Besprechung:

Ein gelungener Zyklus, der anders ist und ebenso klingt, findet seinen würdigen Abschluss. Simon Gaudenz und die Jenaer Philharmonie schenken uns einen Mahler, der jung, menschlich und bewegend ist. Ein Projekt voller Mut, Wärme und Wahrhaftigkeit – und ein Beweis dafür, dass Musik immer etwas zu sagen hat, wenn man ihr wirklich zuhört.

Gustav Mahler – Andrea Lorenzo Scartazzini
Complete Symphonies Vol. 5

Jenaer Philharmonie
Simon Gaudenz, musikalische Leitung

Odradek Records, ODRCD467

von Dirk Schauß

Mahler aus Jena – Der Kreis schließt sich

Wenn ein musikalisches Projekt über Jahre hinweg wächst, wenn sich Musiker, Publikum und Komponist Schritt für Schritt aneinander annähern – dann entsteht etwas, das über bloße Tondokumente hinausgeht. So ist es mit Simon Gaudenz und der Jenaer Philharmonie. Nach fünf Doppelalben, nach unzähligen Proben, Konzerten und Momenten des Zweifels und der Begeisterung, ist es nun vollbracht: Der Mahler-Scartazzini-Zyklus ist abgeschlossen. Und was bleibt, ist nicht nur eine beeindruckende Sammlung von Aufnahmen, sondern ein klingendes Zeugnis von Entwicklung, Hingabe und Mut.

Seit 2018 verfolgt dieses Orchester, in enger Zusammenarbeit mit seinem Chefdirigenten Simon Gaudenz, die Idee, alle Sinfonien Gustav Mahlers einzuspielen – und sie zugleich mit neu komponierten Reflexionen von Andrea Lorenzo Scartazzini zu verbinden. Es ist eine Idee, die im heutigen Musikbetrieb fast anachronistisch wirkt: geduldig, forschend, risikofreudig. Und sie ist geglückt – weil sie ehrlich ist.

Dieses fünfte und letzte Doppelalbum vereint nun Mahlers Sinfonie Nr. 1, die Musik des Aufbruchs, und den ersten Satz der unvollendeten Zehnten, das letzte Aufbäumen eines erschöpften Geistes. Dazwischen und darum herum spannt Scartazzini seinen eigenen Bogen – einen, der die Räume zwischen Vergangenheit und Gegenwart öffnet, der Mahler spiegelt, ohne ihn zu imitieren.

Wer die Jenaer Philharmonie in den letzten Jahren verfolgt hat, hört es sofort: Hier hat sich ein Orchester gefunden. Die Musikerinnen und Musiker klingen, als atmeten sie gemeinsam, als wüssten sie genau, wann sie Raum geben und wann sie zupacken müssen. Man hört, dass dieser Mahler-Zyklus eine Reise war – mit allen Mühen und Triumphen.

Schon die ersten Takte von Mahlers Erster zeigen, wohin die Reise geht. Dieses geheimnisvolle Erwachen, das ferne A im Pianissimo, das sich langsam zu einem atmenden Klang entfaltet – Gaudenz lässt das nicht als Naturidyll entstehen, sondern als lebendiges Werden. Es ist weniger ein „Erwachen der Natur“ als ein „Erwachen des Orchesters“. Man spürt: Hier ist etwas gewachsen.

Die Wärme des Klangs ist bemerkenswert. Gaudenz und die Jenaer Musiker schaffen es, Details leuchten zu lassen, ohne die große Linie zu verlieren. Die fernen Trompeten klingen perfekt eingebettet in den Raum, die Schläge der großen Trommel besitzen jene seltene Bedeutungsschwere, die man so oft vermisst. Und über allem liegt ein Gefühl von Freiheit – das Gefühl, dass sich hier jemand traut, Mahler atmen zu lassen.

Der zweite Satz – dieser tänzerisch-derbe Ländler – hat Witz und Biss, aber auch Eleganz. Man spürt das Augenzwinkern, die Lebensfreude, die Lust am Großen. Und das Trio, wunderbar phrasiert, ist ein Hauch von Lyrik, eine Erinnerung daran, dass Mahler immer auch von der Sehnsucht nach Zartheit schrieb.

Im dritten Satz gelingt Gaudenz etwas, das nur wenige schaffen: Er nimmt die Ironie ernst und das Tempo frei. Der Trauermarsch auf das Kinderlied „Bruder Jakob“ klingt nicht als Parodie, sondern als bitteres Lächeln. Die Musik ist zugleich grotesk und anrührend. Man meint, Mahler selbst zu hören, wie er sich in diesem seltsamen Gleichgewicht zwischen Spott und Schmerz wiederfindet.

Und dann das Finale. Sturm und Aufruhr, Dramatik und Leidenschaft. Das Orchester geht bis an seine Grenzen – und das hört man im besten Sinn. Hier wird nichts geglättet. Hier kämpft Musik mit sich selbst, mit aller Energie, die sie hat. Vielleicht fehlt dieser Jenaer Aufnahme die übermächtige Wucht der ganz großen Orchester in Berlin oder Wien, aber was sie bietet, ist viel kostbarer: Echtheit. Diese Musik ist handgemacht, ehrlich, unmittelbar – und gerade darin berührend.

Die zweite CD beginnt mit Mahlers unvollendeter Zehnter, genauer gesagt mit dem Adagio. Was für ein Satz. Diese Musik, in der sich Weltuntergang und Zärtlichkeit die Hand reichen, ist eine der erschütterndsten Schöpfungen der Musikgeschichte. Und Gaudenz begegnet ihr mit Demut und innerer Spannung.

Die ersten Takte – dieser große, schwebende Akkord, der langsam ins Leben tritt – wirken hier wie ein Atemzug der Welt. Die Streicher singen mit einer Intensität, die geradezu körperlich ist. Und dann dieses langsame Sich-Aufbauen der Spannung, das schließlich in jenem berühmten dissonanten Ausbruch mündet – ein Schrei, der durch Mark und Bein geht. Es ist Schmerz, Verzweiflung, Erkennen – und zugleich das leise Wissen, dass danach nichts mehr kommen kann.

Gaudenz überhöht nichts. Er sucht nicht die große Geste, sondern die Wahrheit zwischen den Tönen. So entsteht ein Adagio von unerschütterlicher Ruhe und Klarheit. Mahler ist hier nicht der Prophet des Untergangs, sondern ein Mensch, der zu uns spricht.

Nach dieser emotionalen Wucht führt Scartazzini uns auf eine andere, aber verwandte Reise. Seine Stücke – von Torso über Epitaph und Spiriti bis hin zu Einkehr – sind keine Nebensächlichkeiten, sondern gleichwertige Partner. Sie fragen, was Mahler für uns heute bedeutet, und sie antworten mit Musik, die zwischen Nähe und Distanz schwebt.

Scartazzinis Klangsprache ist farbenreich, manchmal rau, dann wieder zerbrechlich still. Er arbeitet mit Klängen, die wie aus der Luft gebaut scheinen, mit Harmonien, die man eher spürt als hört. Und immer wieder blitzen Reminiszenzen auf – ein Rhythmus, eine Wendung, ein harmonischer Schatten, der an Mahler erinnert, aber nie direkt zitiert.

In Omen und Orkus scheint der Abgrund der späten Mahler-Sinfonien auf. In Einklang und Einkehr hingegen findet man Frieden, als würde die Musik nach langem Suchen in sich selbst zur Ruhe kommen.

Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich die Jenaer Philharmonie diese Musik spielt. Wo andere Orchester vor zeitgenössischen Partituren Respektabstand halten, gehen die Jenaer hinein – mit derselben emotionalen Hingabe, mit der sie Mahler spielen. Und das ist wohl das größte Verdienst dieses Zyklus: dass er zwei Welten verbindet, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Mahler und Scartazzini, Vergangenheit und Gegenwart, verschmelzen hier zu einer gemeinsamen Sprache.

Wenn man zurückblickt auf die fünf Folgen dieser Serie, erkennt man eine künstlerische Entwicklung, die berührt. Von den frühen Sinfonien bis zu den späten – jedes Album war ein Schritt, eine Reifung, eine neue Einsicht.

Simon Gaudenz hat mit der Jenaer Philharmonie eine künstlerische Handschrift geschaffen, die erkennbar ist: warm, erzählerisch, menschlich. Kein orchestraler Hochglanz, sondern Musizieren mit Haltung. Hier wird nicht für den Effekt gearbeitet, sondern für die Wahrheit der Musik.

Und man spürt, wie sehr dieses Projekt auch die Musikerinnen und Musiker selbst geprägt hat. Die Streicher klingen dichter, die Bläser haben an Charakter gewonnen, das Schlagzeug hat deutlich mehr Wucht, das Zusammenspiel ist organisch gewachsen. Das Ergebnis ist ein Orchester mit Gesicht – und das ist in einer Zeit globalisierter Klangstandards etwas unschätzbar Wertvolles.

Man muss es sagen: Ohne das Label Odradek wäre dieses Projekt undenkbar gewesen. Während große Konzerne lieber auf Sicherheit und Bekanntes setzen, hat Odradek auf Kunst gesetzt. Auf Risiko. Auf Persönlichkeit.

Die Aufnahmetechnik ist erstklassig – warm, transparent, mit Tiefe. Man fühlt sich, als säße man im Saal, mitten zwischen den Musikern. Aber was wichtiger ist: Man spürt den Geist dieses Labels. Hier geht es um Überzeugung, nicht um Marketing.

Dass ausgerechnet ein vergleichsweise kleines Haus den Mut hatte, ein solches Mammutprojekt über Jahre zu begleiten, ist bewundernswert – und zeigt, dass Idealismus in der Klassik noch lebt.

Ich habe diesen Zyklus von Beginn an verfolgt. Mit jeder neuen Veröffentlichung wuchs meine Bewunderung – nicht nur für die Qualität der Musik, sondern für die Konsequenz, mit der hier ein Gedanke zu Ende geführt wurde.

Mahler hat einmal gesagt: „Eine Symphonie muss sein wie die Welt – sie muss alles umfassen.“
Und genau das ist hier geschehen.

Diese fünf Folgen umfassen alles: Jugend und Abschied, Licht und Dunkel, Schmerz und Trost, Vergangenheit und Gegenwart. Sie sind ein klingendes Tagebuch eines Orchesters, das gewachsen ist – und eines Dirigenten, der sich gefunden hat.

Was bleibt, ist Dankbarkeit. Für die Musik, für den Mut, für die Menschlichkeit, die in jeder Phrase steckt.

Und vielleicht ist das schönste Fazit dieses Zyklus: dass er zeigt, wie lebendig Mahler heute noch ist. Nicht als Monument, sondern als lebendiger Dialog. Als Gespräch zwischen Zeiten, Menschen und Ideen.

In Jena hat man diesen Dialog geführt – ehrlich, leidenschaftlich, mit offenem Herzen.
Und so endet dieses Projekt nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Atemzug.
Ein stilles Innehalten – und dann: Einkehr.

Ein gelungener Zyklus, der anders ist und ebenso klingt, findet seinen würdigen Abschluss. Simon Gaudenz und die Jenaer Philharmonie schenken uns einen Mahler, der jung, menschlich und bewegend ist. Ein Projekt voller Mut, Wärme und Wahrhaftigkeit – und ein Beweis dafür, dass Musik immer etwas zu sagen hat, wenn man ihr wirklich zuhört.

Dirk Schauß, 3. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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