Wenn es einen Preis für stimmliche Wahrhaftigkeit gibt, gebührt er Elbenita Kajtazi

Giuseppe Verdi, La Traviata  Hamburgische Staatsoper, 11. Januar 2026

Elbenita Kajtazi verbeugt sich vor dem Publikum nach der Aufführung (Foto: RW)

Elbenita Kajtazis Piano geht unter die Haut und im Forte überzeugt sie mit stupendem Stimmstrahl. Dabei wirkt sie engelsgleich mit einer vokalen Jungfräulichkeit, die ganz im Kontrast zur Partie der Lebedame Violetta Valéry steht.

Giuseppe Verdi,  La Traviata

Inszenierung   Johannes Erath
Bühne   Annette Julia Kurz

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Musikalische Leitung   Carlo Goldstein

Hamburgische Staatsoper, 11. Januar 2026

von Dr. Ralf Wegner

In einem Interview vom 11. Dezember 2025 für die Hamburgische Staatsoper erklärte Elbenita Kajtazi zum Bühnenbild dieser „unvergesslichen“ Autoscooter-Traviata: Für mich als Sängerin fühlt sich dieses Bühnenbild unglaublich befreiend an, ich liebe es. Die Leere, das Schwarze, der große offene Raum, all das nimmt der Inszenierung jede Ablenkung und legt den Fokus ganz auf die Figuren und ihre inneren Welten. Es gibt keinen dekorativen Schutz mehr. Man kann sich nicht hinter schönen Kulissen verstecken. Jede Geste, jede Regung hat Gewicht, weil sie sofort sichtbar wird.

Da hat Elbenita Kajtazi natürlich recht, zumindest, wenn man wie sie stimmlich in der Lage ist, die Wahrhaftigkeit dieser Partie unmittelbar in die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer zu transportieren. Dabei verfügt sie über keine spezifische, im Ohr haften bleibende Stimme, die sich durch eine bestimmte Farbigkeit, ein unverkennbares Timbre oder berückenden Höhenglanz auszeichnet. Kajtazi braucht vielmehr das innere Drama, um klangwirksam zu überzeugen. Dabei bleibt ihr Sopran immer weich, rund und ohne jede Schärfe, Kajtazi singt mit wunderbarem Legato und ihre Koloraturen perlen engelsgleich.

Ihr Piano geht unter die Haut und im Forte überzeugt sie mit stupendem Stimmstrahl. Dabei wirkt sie engelsgleich mit einer vokalen Jungfräulichkeit, die ganz im Kontrast zur Partie der Lebedame Violetta Valéry steht. Ihr Vorleben hat sie nicht angekränkelt oder psychisch verbogen.

Wenn sie Alfredo liebt, ist es echt empfunden und wenn sie Giorgio Germont zu erkennen gibt, dass Alfredos Schwester ihretwegen keine Tränen vergießen muss, geht es bei ihr über makellosen Schöngesang weit hinaus. Kajtazi fühlt mit Alfredos Schwester, als ob es sie selbst betreffen würde. Und die Sängerin leidet und verinnerlicht ihren Schmerz, wenn Alfredo sie im dritten Bild misshandelt und sie vor der Welt bloß stellt. Und ihr Addio del passato am Ende der Oper ist ein reiner Abgesang einer Liebenden, die sich schon unter den Engeln im Himmel wähnt.

Jakob Neubauer (ein Akkordeonist), Aehb Kelly (Annina), Ilia Kazakov (Dr. Grenvil), Carlo Goldstein (musikalische Leitung), Anthony Ciaramitaro (Alfredo Germont), Elbenita Kajtazi (Violetta Valéry), Kartal Karagedik (Giorgio Germont) (Foto: RW)

Leider standen Elbenita Kajtazi keine entsprechend herausragenden Partner zur Verfügung. Anthony Ciaramitaro vermochte es als Alfredo nicht, stimmlich zu ihr aufzuschließen. Ihm fehlte nicht nur die Liebesglut in der Stimme oder mitreißendes italienische Temperament, er hatte  auch kein spezifisches, für seinen Tenor einnehmendes Timbre. Zudem fielen nicht nur gelegentlich unschöne Toneinsätze auf. Wenn Alfredo sich Elbenita Kajtazis Violetta verdienen will, sollte er schon stimmlich überzeugend die Gefühlswelten dieser Verdipartie ausloten. Und das gelang Ciaramitaro nicht genügend. Da hatten Kajtazi 2022 mit Stephen Costello oder ein Jahr davor Pretty Yende mit Dmytro Popov im Hamburger Haus weitaus bessere Partner.

Überraschenderweise enttäuschte auch Kartal Karagedik als Giorgio Germont. Anders als sonst erlebt, zeigte der Bariton stimmlich ungenügende Durchschlagskraft (wir saßen allerdings auch in der 24. Reihe unter dem recht niedrigen Überhang des ersten Rangs). Ich vermisste zudem den notwendigen Höhenglanz oder ein klangvolles Piano. Die große Arie im zweiten Bild Di Provenza il mar, il suol, eine der schönsten für Bariton, die Verdi komponiert hat, verglühte auf der nach oben und den Seiten hin weitgehend offenen Bühne. Selten habe ich danach so schwachen Beifall gehört wie gestern Abend.

Wie machtvoll eroberte Artur Rucinski 2022 mit dieser Arie das Publikum, und wie hochemotional steigerte er sich im selben Jahr an Elbenita Kajtazi im Piangi-Duett.

Die Nebenrollen waren gut besetzt mit Nicholas Mogg als Baron Douphol, Hubert Kowalczyk als Marchese d’Obigny oder Ilia Kazakov als Doktor Grenvil. Das Orchester wurde umsichtig von Carlo Goldstein geleitet.

Eigentlich hätte Omer Meir Wellber dirigieren sollen, musste allerdings absagen. Das Haus war nahezu ausverkauft, weitere Vorstellungen gibt es am 16. und 31. Januar sowie am 3., 17. und 21. Februar.

In allen Vorstellungen wird Elbenita Kajtazi die Violetta singen. Ihre Rolleninterpretation ist unbedingt einen oder auch mehrfache Besuche wert.

Dr. Ralf Wegner, 12. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Giuseppe Verdi, La Traviata, Staatsoper Hamburg, 4.März 2022

Giuseppe Verdi, La Traviata, Pretty Yende, Dmytro Popov Staatsoper Hamburg, 2. Dezember 2021

Giacomo Puccini, Madama Butterfly Deutsche Oper Berlin, 10. Januar 2026

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert