Elisabeth Leonskaja © Marco Borggreve
DIE DEUTSCHE KAMMERPHILHARMONIE BREMEN
»MEISTERHAFTER KLAVIERZAUBER«
Johannes Brahms Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15
Felix Mendelssohn Bartholdy Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 “Italienische”
Elisabeth Leonskaja Klavier
Tarmo Peltokoski Dirigent
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 15. Januar 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Die Eingangsakkorde kommen brutal und mit elementarer Wucht. Die wirbelnden Paukenschläge übertönen zeitweise den gesamten Orchesterapparat. Maestoso? Eher ein Weltuntergangsszenario. Aber immerhin mit einem zwischenzeitlich sanften Leuchten am Horizont, mit arg gedrosseltem, schwerfälligem Tempo.
Ruhig am Klavier sitzend, lässt Pianistin Leonskaja diese wahrhaft auf die Spitze getriebene lange Orchesterexposition mit stoischer Gelassenheit an sich vorüberziehen. Sie fügt sich nahtlos, fast unauffällig mit abgeklärt wirkendem Spiel ein in das Geschehen. Brahms hat es nicht anders vorgesehen: Die Klavierstimme bringt zunächst nur eine weitere quasi orchestrale Klangfarbe ein. Dass die 80-jährige Pianistin bei ihrer detailliert angelegten Spielweise in puncto Ausdrucksvielfalt und Anschlagskultur weiterhin zur absoluten Top-Liga zählt, wird erst im weiteren Verlauf evident. Etwa bei perlenden Läufen oder komplexen Grifffolgen, die sie gleichsam routiniert wie sensibel nuancierend ausführt. Das kommt am ehesten in den kurzen Solopartien zum Ausdruck, zumal das Orchester streckenweise mit allzu mächtigem Volumen die Klavierstimme doch etwas in den Hintergrund drängt.
Beeindruckende Virtuosität
Beim Adagio-Mittelsatz ist leichte Erholung für die Ohren angesagt. Gefühlvoll absolviert Leonskaja ihren Part. Die Streicher gehen mit allerfeinstem Pianissimo mit; bei den Holzbläsern reicht es zumeist nur für ein Mezzopiano. Dass es auch anders geht, zeigt sich erst in der gemeinsam sehr feinsinnig angegangenen Schlussphase.
Im Satz 3 legt Leonskaja einen rasanten Blitzstart aufs Parkett. Jetzt endlich kann sie ihre beeindruckend stupende Virtuosität voll ausspielen.
Unglaublich, wie schnell, sicher und präzise ihre Finger über das Tastenfeld eilen. Schier unaufhaltsam drängen Solistin und Orchester voran. Das filigran ausgestaltete Fugato kommt blitzsauber und zurückhaltend leise; es ist indes, ähnlich wie die Kadenz, nur eine von weiteren kurzen Verschnaufpausen im dann wieder einsetzenden Sturmlauf hin zum fulminanten Finale, das mit seiner ungeheuren Ballung der Stimmen zwar an den Anfang des Konzerts erinnert, jetzt aber nicht mehr dramatisch düster, sondern weit mehr spielerisch unbeschwert, ja beschwingt anmutet. Und prompt das restlos begeisterte Publikum zu Standing Ovations von den Sitzen reißt.

Leonskaja bedankt sich mit dem sehr empfindsam vorgetragenen Adagio-Mittelsatz aus Mozarts Klaviersonate Nr. 18, den sie, deutlich kontrastierend zum vorherigen Brahms-Konzert, als berührendes Recital mit Innigkeit und in beeindruckender Schlichtheit vorträgt, derweil im Saal eine andächtige Stille herrscht.
Wer – wie Elisabeth Leonskaja – noch immer mit solch einer Ausstrahlung und pianistischen Qualität punkten kann und auch nach Jahrzehnten weiterhin höchste Begeisterung beim Publikum auszulösen vermag, der braucht sich wahrlich noch keinerlei Gedanken um einen baldigen Abschied von der Bühne zu machen!
Tempo, Turbulenz und Transparenz
Nach zuvor Brahms’scher Schwere (die dereinst bei der Uraufführung noch mit Unverständnis und blanker Ablehnung quittiert wurde) ist nach der Pause mit Mendelssohns Sinfonie Nr. 4 „Italienische“ pure Lebensfreude angesagt.
Das Allegro vivace wird kurzerhand zum Presto umfunktioniert: Mit jugendlichem Elan treibt Peltokoski das übermütig tackernd und stakkatierend agierende Orchester zu Höchstleistungen an. Er setzt dazwischen aber auch auf fast schon geheimnisvolle, an den „Sommernachtstraum“ erinnernde koboldhaft huschende Einwürfe, die indes die Energie für neue Temposteigerungen lieferten.

Der agile Impetus bleibt allerdings unterschwellig auch im Folgesatz Andante con moto erhalten; das schwermütige balladeske Thema, das Mendelssohn wohl im Zusammenhang mit dem Tod seines Lehrers und Freundes Zelter (und auch Goethes) einfließen ließ, kommt so nur wenig zum Ausdruck. Und auch der anschließende „Con moto moderato“-Satz wirkt ungeachtet seiner großbogigen Phrasierung etwas kurzatmig, eher wie ein Anlauf für das folgende, dann umso temperamentvoller, mit sanguinischer Leidenschaft farbintensiv vorgetragene Saltarello-Finale.
Da sind die Kammerphilharmoniker voll in ihrem Element: Bei nahezu ungebremster Turbulenz, die kurz vor Schluss spannungsfördernd auf nahezu null heruntergefahren wird, imponiert das hochgradig dynamische Spiel des Orchesters mit einem Höchstmaß an Transparenz bis hin zum allerletzten donnernden Schlussakkord.
Und wieder frenetischer Jubel im Auditorium. Angesichts solcher Resonanz reicht die Kondition des Orchesters auch noch locker aus für den zum Abschied feurig schwungvoll dargebotenen „Ungarischen Tanz Nr. 1“
von J. Brahms.
Dr. Gerd Klingeberg, 16. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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