Ian Bostridge © BR/Raphael Kast
Gemma News Dirigat ist dynamisch präzise und zieht das Münchner Rundfunkorchester mit, das an diesem Abend seine volle Klangfarbenpracht beweist und den singend-spielend-erzählenden Tenor Ian Bostridge wunderbar umfängt.
Arvo Pärt
Cantus in memoriam Benjamin Britten
für Streichorchester und eine Glocke (1976)
Benjamin Britten
Nocturne op. 60 (1958)
Benjamin Britten
Serenade op. 31 (1943)
Sergej Prokofjew
„Symphonie classique“, op. 25 (1917)
Ian Bostridge Tenor
Rodrigo Ortiz Serrano Horn
Münchner Rundfunkorchester
Gemma New Leitung
Prinzregententheater, München, 18. Januar 2026
von Frank Heublein
An diesem Abend wird im Prinzregententheater in München der Konzertabend A Tribute to Benjamin Britten aufgeführt. Benjamin Brittens Tod jährt sich im Jahr 2026 zum sechzigsten Male.
Bei Arvo Pärts Cantus in memoriam Benjamin Britten für Streichorchester und eine Glocke wirkt Gemma News Dirigat auf mich sehr konzentriert, fast ein klein wenig steif. Die fragile Klangmagie erweckt sie mit dem Münchner Rundfunkorchester gleichwohl zum Leben. Glockenschläge, die wenn sie kommen, immer plötzliche Überraschung in mir auslösen. Ziselierende Streicher, eine tönerne Welle baut sich vor mich auf. Langsam, unaufhaltsam. Ich bin das Kaninchen, Pärts Musik die Schlange.

Benjamin Brittens Nocturne op. 60 (1958) enthält acht Gedichte. Mit der ersten Liedzeile On a Poet’s Lips I Slept (Ich schlief auf eines Dichters Lippen, Percy Bysshe Shelley) fällt mir die Verbindung Pärts zu Britten auf. Britten setzt die Streicher zu Beginn ganz ähnlich wie Pärt ein – Pärt scheint, so schließe ich, von Britten inspiriert, eingedenk einer originalen Aussage Pärts über Britten, die ich in der Einführung des Konzertabends höre.
In diesem Beginn von Brittens Nocturne fühle ich einen vergleichbaren sehr fragilen Moment, die zarte Zerbrechlichkeit überträgt sich mir. Tenor Ian Bostridge singt ohne Noten, vielmehr erzählt er mir singend spielend. Ich darf an seinen Lippen hängen. Das Münchner Rundfunkorchester illuminiert die Erzählung hervorragend mit unterschiedlichsten Klangfarben. Fagott und Horn lassen Tiere lebendig werden, Harfe, Flöte und Klarinette bauen Orte in mir auf. Die düstere Situation eines Erdbebens setzt die Pauke in einen dramatischen donnernden ersten Höhepunkt im Gedicht But that night (In jener Nacht) von William Wordsworth.
Die Spannung hält unmittelbar danach das hypnotisch bedrohliche Englischhorn in She Sleeps on Soft, Last Breaths (Sie schläft auf weichen, letzten Atemzügen, Wilfred Owen). Am Ende wird es warm und zuversichtlich bei When Most I Wink (Wenn ich die Augen schließe, Shakespeare) mit vollem Orchester. Oh! da klingt Britten so wie Gustav Mahler. Doch halt! Das ist nicht der Schluss. Leise, zart verletzlich liebesverzehrend endet das Stück mit diesen Worten: All days are nights to see till I see thee / And nights bright days when dreams do show thee me (Die Tage sind wie Nächte anzusehen, bis ich dich sehe, und Nächte hell wie Tage, wenn Träume dich mir zeigen.)
Dirigentin Gemma New verbindet gekonnt Bostdriges Gesang mit den orchestralen Klangbildern. Kein Innehalten zu wenig oder zu viel, sie behält einen vorwärtsdrängenden Schwung.

Nach der Pause folgt als zweite Lyrikvertonung Benjamin Brittens Serenade, op. 31. Ursprünglich als Hornsolostück geplant, setzt Britten die Tenorstimme dazu. Prolog und Epilog ist ein Naturhornsolo. Zwischendrin folgt erst das Horn der Stimme, beide scharf und wachsam: Blow, bugle, blow, set the wild echoes flying / Blas das Horn, blas, lass das wilde Echo fliegen (Alfred Tennyson: Nocturne).
Brittens komponiertes Horn Echo wandert durch die Gedichte. Ortiz Serranos Horn übernimmt die Führung von Bostridges Stimme. Die Dunkle hellt sich im Verlauf der Serenade leicht auf. Den Epilog spielt Hornist Rodrigo Ortiz Serrano vom Münchner Rundfunkorchester hinter der Bühne. Es hallen die letzten Worte nach Turn the key deftly in the oiled wards, / And seal the hushed casket of my soul – Dreht den Schlüssel flink im geölten Schloss / Und versiegelt den verstummten Schrein meiner Seele (John Keats Sonett To Sleep / An den Schlaf) in mir nach.

Mit diesem Zitat Prokofjews werde ich im Programmheft und der Einführung ausgestattet: „Wenn Haydn heute noch lebte, dachte ich, würde er seine Art zu schreiben beibehalten und dabei einiges vom Neuen übernehmen. Solch eine Symphonie wollte ich schreiben.“ Am Schluss des Konzerts spielt Gemma New mit dem Münchner Rundfunkorchester Sergej Prokofjews Symphonie classique. Dirigentin und Orchester entfalten wunderbare Dynamik. Im ersten Satz herrscht kontrollierte Wucht. Im zweiten fließt die Spannung. Im dritten wirkt die Polka leicht verschmitzt. Der vierte Prestosatz ist alert, spritzig, pointiert, es explodieren die Klangfarben.
Gemma News Dirigat ist dynamisch präzise und zieht das Münchner Rundfunkorchester mit, das an diesem Abend seine volle Klangfarbenpracht beweist und den spiel-erzählenden Tenor Ian Bostridge wunderbar umfängt.
Frank Heublein, 19. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Auf der Seite des Münchner Rundfunkorchesters steht ein digitales Programmheft zur Verfügung.
Das Konzert kann bis 17.02.2026 angehört werden:
https://www.rundfunkorchester.de/audio-video
CD-Besprechung: Arvo Pärt CREDO klassik-begeistert.de, 16. September 2025