Christian Gerhaher, Gerold Huber © W. Hösl
Bei den insgesamt 27 Liedern (plus einer Zugabe) des Abendprogrammes überwiegt das Staunen darüber, wie Vieles man von Schuberts Liedern noch nicht kennt, und ist den Künstlern dankbar, diesmal wenig ausgetretene Pfade zu gehen. Am Ende verdiente Standing Ovations. Die das Herz wärmende Musik Schuberts wappnet ein wenig für den Heimweg in der frostigen Winternacht.
Christian Gerhaher Bariton
Gerold Huber Klavier
Franz Schubert
Lieder
Berlin, Pierre-Boulez-Saal, 24. Januar 2026
von Peter Sommeregger
Wenn der Bariton Christian Gerhaher mit seinem symbiotischen Klavierpartner Gerold Huber einen Liederabend ankündigt, sind die Konzertsäle schnell ausgebucht, nicht anders an diesem klirrend kalten Wintertag im Berliner Pierre-Boulez-Saal. Das Publikum besetzte sogar die letzten vorhandenen Stehplätze.
Die Künstler präsentierten ein ausschließlich den Liedern Franz Schuberts gewidmetes Programm, bei dem über 600 Lieder umfassenden Schaffen des Wiener Komponisten ist das Auswählen keine leichte Aufgabe. Man entschloss sich diesmal zur Aufführung weniger populärer Titel aus der frühen Schaffensperiode Schuberts. Bei den verwendeten Texten griff der Komponist gerne, aber nicht ausschließlich auf Literaten seines Freundeskreises zurück, immer wieder ist man fasziniert von der Reichhaltigkeit dieses Lieder-Kosmos, in dem man immer noch neue Perlen entdecken kann.
Es ist das Verdienst dieser speziellen Auswahl, Schuberts Vielfältigkeit auch jenseits der bekannten Titel zu präsentieren.
Das eingeschworene Team Gerhaher/Huber musiziert bereits seit den Studienjahren gemeinsam, ebenso gemeinsam ist man die Stufen zur großen Karriere gegangen. Das schuf ein Maß an Vertrautheit und künstlerischem Gleichklang, das im Vortrag der beiden Künstler zu schönsten Resultaten führt. Gerhahers kräftiger Bariton hat über die Jahre an Volumen gewonnen, das unverwechselbare Timbre gibt allen Phrasierungen eine spezielle Farbe.
Man könnte sich eigentlich freudig dem puren Schubert-Glück hingeben, wäre da nicht eine Eigenheit Gerhahers, der in reiferen Jahren – nicht unähnlich seinem Lehrmeister Fischer-Dieskau – zu einer Über-Interpretation der Liedtexte neigt. Das geht weit über die vorbildliche Wortdeutlichkeit hinaus, setzt stellenweise auch ganz unlogische Akzente.
Speziell an solchen Stellen wird der Sänger auch deutlich zu laut, und sprengt damit den selbst so perfekt gesteckten Rahmen. Auffällig ist, dass Gerhaher in den bekanntesten Liedern des Programmes, „Im Abendrot“, „Der Einsame“, und „Auf dem Wasser zu singen“ gänzlich auf solche Effekte verzichtet.
Bei den insgesamt 27 Liedern (plus einer Zugabe) des Abendprogrammes überwiegt das Staunen darüber, wie Vieles man von Schuberts Liedern noch nicht kennt, und ist den Künstlern dankbar, diesmal wenig ausgetretene Pfade zu gehen. Am Ende verdiente Standing Ovations. Die das Herz wärmende Musik Schuberts wappnet ein wenig für den Heimweg in der frostigen Winternacht.
Peter Sommeregger, 25. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at