Foto: Oslo Philharmonic / Klaus Mäkelä (c) John-Halvdan-Olsen-Halvorsen
Lisa Batiashvili überzeugt einmal mehr in Tschaikowskis Violinkonzert.
Pjotr Tschaikowski (1840-1893) – Konzert D-Dur für Violine und Orchester op. 35
Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) – Sinfonie Nr. 8 c-Moll op. 65
Oslo Philharmonic
Lisa Batiashvili, Violine
Klaus Mäkelä, Dirigent
Philharmonie Essen, 24. Januar 2026
von Brian Cooper, Bonn
Der freundliche Herr am Einlass könnte der jüngere Bruder von Pierre Boulez sein. Ein besonderes Konzert steht bevor: Lisa Batiashvili spielt Tschaikowskis Violinkonzert, begleitet von den wunderbaren Musikern des Oslo Philharmonic unter noch-Chef Klaus Mäkelä, der gerade 30 geworden ist.
Allesamt also gern gesehene Gäste an Rhein und Ruhr. Mäkelä, designierter Chefdirigent des Concertgebouworkest, kommt in zwei Wochen mit den Amsterdamern und am 19. März mit dem Orchestre de Paris nach Köln. Er wird zum Ende der laufenden Saison vorzeitig den Posten in Oslo für seine beiden Chefpositionen in Amsterdam und Chicago aufgeben, den in Paris ein Jahr später.
Viele Solokonzerte beginnen mit einer mehr oder weniger langen Einleitung des Orchesters. Im Fall von Tschaikowskis Violinkonzert ist diese recht kurz. Man kann als Hörer aber schon in den ersten Takten einen Eindruck bekommen. Dieser war hier ein guter, handelt es sich doch bei den Osloern spätestens seit der Ära Jansons um ein europäisches Spitzenorchester.
Der Klang war von Anbeginn also außerordentlich gut, Lisa Batiashvili wurde quasi ein opulentes Klangbett bereitet, in das ihre prächtige Guarneri del Gesù herrlich einstimmen konnte. Natürlich ist das Konzert gängiges Repertoire; Lisa Batiashvili schafft es jedoch, alle großen Violinkonzerte wie neu hörbar zu machen. Ihr Geigenton ist satt und süffig, Läufe wie Doppelgriffe klangen astrein, die Kantilenen warm und feingeistig.

Dieses Violinkonzert ist besonders schwer zu dirigieren, vor allem im letzten Satz. Solistin und Dirigent legten ein aufmerksames Zusammenspiel an den Tag, warfen sich die Bälle zu (wie leider auch einige Huster im Saal), man hörte intensiv aufeinander, und so konnte die Musik aus dem Augenblick entstehen. Die Kadenz im ersten Satz war gleichermaßen von Freiheit und technischem Können beseelt. Besonders in der Canzonetta bewies auch das Orchester, zu welch feiner Begleitung es fähig ist. Mäkelä erwies sich als sicherer Begleiter; im tückischen letzten Satz war das Zusammenspiel besonders präzise. Nur einmal drohte das Horn zu schleppen, was der Dirigent nicht ganz auffangen konnte.
Lisa Batiashvili spielte mit Orchesterbegleitung eine wunderschöne Melodie des norwegischen Geigers Ole Bull als Zugabe, ein Arrangement von Johan Svendsen.
Hatte man also schon vor der Pause Herausragendes vernommen, bewies das Orchester aus Oslo in Schostakowitschs Achter, zu welcher Höchstleistung es fähig ist. Der fast halbstündige Einleitungssatz war von erschütternder Intensität. Das C-D-C-G in den Streichern – eine Tonfolge, die man aus der Einmarschszene der Leningrader Sinfonie kennt – war ein Gänsehautmoment von vielen. Ein weiterer war das Englischhorn-Solo von Min Hua Chiu, das von tremolierenden Violinen begleitet wurde. Der Satz war insgesamt geprägt von innerer Ruhe, Spannung und Struktur.

Den zweiten und dritten Satz nahm Mäkelä merklich schneller, als man es gewohnt ist: kompromisslos, ein Ritt auf der Rasierklinge, für meine Begriffe bisweilen einen Tick zu rasant. Doch das war kein Problem für das Orchester, und Mäkeläs Lesart war klar: Er hebt auch hier ohne jede Mühe die Erschütterung hervor, die Radikalität, die der Partitur innewohnt.
Der vierte Satz war eine Oase der Ruhe, die allerdings keine schöne ist. Wie im vergangenen Mai in Leipzigfühlte ich mich an Leichen auf einem verwaisten Schlachtfeld erinnert, und ohne darüber gesprochen zu haben, teilte mir meine Lebensgefährtin später ähnliche Eindrücke mit. Kurzum: Mäkelä erschuf mit seinem fabelhaften Orchester Bilder.
Der vierte Satz geht nahtlos in den letzten über, mit einem traumhaft gespielten Fagott-Solo. Die Musik hat auch Charme, etwa in der Fuge, aber vor allem enthält sie Bedrohliches. Das C-Dur am Ende der Sinfonie täuscht: Nichts ist in diesem Werk „schön“ oder gar versöhnlich.
Leider konnte ein eifriger einzelner Mensch die Spannung am Schluss nicht halten; der kurze Applaus, in den Andere kurz einstimmten, verebbte zwar wieder, aber die Spannung nach einer hervorragenden Aufführung war dahin.
Brian Cooper, 26. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Wiener Philharmoniker, Klaus Mäkelä, Dirigent Theater und Philharmonie, Essen, 19. Dezember 2024