Die Berliner Philharmoniker heben erneut Schätze der Karajan-Ära aus den Archiven

CD/Blu-ray Besprechung: BPh und Herbert von Karajan: 1970–1979  klassik-begeistert.de, 11. Februar 2026

 

Die Berliner Philharmoniker und Herbert von Karajan: 1970–1979 live in Berlin

20 Hybrid SACD/CD

von Peter Sommeregger

Hatte der erste Teil dieser umfangreichen Edition noch die Jahre des Übergangs vor der Fertigstellung der neuen Philharmonie abgedeckt, so sind im zweiten Teil nun die 1970er Jahre dokumentiert, welche die Zusammenarbeit der Berliner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Herbert von Karajan in ihrer Konsolidierungsphase abbilden.

Karajan, der als Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon-Gesellschaft eine rege Aufnahmetätigkeit mit seinem Orchester entwickelte, spielte für das Gelblabel ein breites Repertoire ein, die Aufnahmesitzungen fanden bevorzugt im großen Saal der Philharmonie statt. Vergleicht man dieses Repertoire mit den Konzertprogrammen, so ergeben sich zahlreiche Parallelen.

Auffällig ist, dass Karajan aber häufig unterschiedliche Solisten verpflichtete, das mag zum Teil an damals noch üblichen Exklusivverträgen mancher Künstler gelegen haben, in diesen Fällen stellen die Live-Konzertmitschnitte interessante Alternativen zu den Schallplatten dar. Mahlers „Lied von der Erde“ erklang im Konzert mit Agnes Baltsa und Hermann Winkler (dem ein ärgerlicher Fehler im Gesangstext unterläuft), Tschaikowskys 1. Klavierkonzert wird von Mark Zeltser interpretiert. Brahms’ Doppelkonzert spielen Thomas Brandis und Ottomar Borwitzky, Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 ist mit Jean-Bernard Pommier zu hören. Das Violinkonzert von Jean Sibelius wird allerdings in beiden Fällen vom tragisch geendeten Christian Ferras interpretiert.

Neben dem traditionell gepflegten Repertoire der Wiener Klassik tauchen in dieser Zeit aber auch vermehrt Klassiker der Moderne, speziell die Komponisten der zweiten Wiener Schule in den Programmen auf. Arnold Schönbergs gewaltiges Orchesterstück „Pelleas und Melisande“, ebenso Alban Berg mit Teilen der „Lyrischen Suite“ und den „Drei Orchesterstücken op.6“. Von Anton Webern erklingen die „Fünf Sätze für Streichorchester op.5“.

Auch Zeitgenossen kommen in begrenztem Umfang zu Wort, so Werner Thärichen mit Batrachomyomachia op. 55 und Gerhard Wimberger mit  Plays für die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker.

Der noch eher am Anfang seiner internationalen Karriere stehende Krzysztof Penderecki ist mit seinem
Capriccio für Violine und Orchester, gespielt von  Leon Spierer, vertreten. Gleich zweimal, nämlich in den Konzerten 24 und 37 wird Igor Stravinskys „Le Sacre du Printemps“ aufgeführt, ein Beweis für die Bedeutung der Komposition als Taktgeber für die musikalische Avantgarde.

Repertoire-Klassiker wie Berlioz’ „Symphonie fantastique“ fehlen ebenso wenig wie Symphonien von Mozart, Beethoven, Brahms und Anton Bruckner, sie wurden parallel zu Gesamteinspielungen für die Schallplatte auch in den Konzerten aufgeführt,

Gegenüber der ersten, die Konzerte der 1960er Jahre enthaltenden Box fällt die geringe Zahl von Vokal-Kompositionen auf, auch ist der Anteil des klassischen Kanons noch dominierend.

Der Applaus, und damit die unmittelbare Publikumsreaktion wurde konsequent ausgespart. Darüber lässt sich streiten, aber man nimmt den Aufnahmen damit doch auch ein Stück Lebendigkeit und Atmosphäre. Die Restaurierung der Originalbänder erbringt aber staunenswerte Resultate.

Die teilweise über fünfzig Jahre alten Aufnahmen klingen so frisch und unmittelbar, als wären sie gerade erst entstanden. Für alle Konzertbesucher, die bei den Aufführungen anwesend waren, ist diese Box eine großartige Reminiszenz an vergangene Hörerlebnisse, für die „Nachgeborenen“ stellt sie ein wertvolles Dokument über eine vergangene Ära des Orchesters dar. Und für alle Verehrer Herbert von Karajans bieten die Mitschnitte eine interessante Alternative zu den Studio-Einspielungen. Die Ausstattung der Edition und das umfangreiche Begleitbuch entsprechen dem hohen Standard des Eigenlabels der Berliner Philharmoniker.

Man darf auf den dritten, abschließenden Teil der Dokumentation gespannt sein, der die 1980er-Jahre und damit die finalen Jahre Karajans dokumentieren wird.

Peter Sommeregger, 11. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD-Besprechung: BP und Herbert von Karajan 1953–1969 live in Berlin klassik-begeistert.de, 24. März 2025

Blu-ray-Rezension: Verdi, Don Carlo, Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan klassik-begeistert.de, 15. März 2023

CD-Rezension: Giuseppe Verdi Falstaff, Herbert von Karajan und die Wiener Philharmoniker klassik-begeistert.de, 6. Februar 2023

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert