CD/Blu-ray Besprechung:
…Alle anderen können sie jetzt nachhören!
Anton Bruckner, Symphonie No. 8 c-Moll
Wiener Philharmoniker, Leitung: Riccardo Muti
Live-Mitschnitt, Salzburg, 19. August 2025 (2 CDs)
von Dr. Holger Voigt
Die Resonanz war gewaltig. Presseberichte und Rezensionen – auch hier bei klassik-begeistert – spiegelten pure Begeisterung wider.
Wer gedacht hätte, Sergiu Celibidaches konzertierende Lesart dieser mächtigen Symphonie sei das letzte Wort Bruckner’scher Interpretation gewesen, erkannte an diesem fast historischen Salzburger Konzertabend, dass es noch so unglaublich viel mehr zu dieser Komposition auszusagen gibt und nur darauf wartet, geborgen zu werden.
Bereits im Vorjahr (15. August 2024, vom ORF übertragen) hatten die Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti im Großen Festspielhaus zu Salzburg eine maßstäbliche Interpretation vorgelegt, so dass man nun, am 19. August 2025, umso mehr der abermaligen Darbietung dieses Werkes entgegenfieberte. Das kongeniale Zusammenspiel zwischen den Wiener Philharmonikern und „ihrem“ Herzensdirigenten Riccardo Muti konnte sich an diesem Abend erneut in packender Dichte voller Glanz entfalteten.
Seit wenigen Wochen ist nun die Live-Einspielung des Konzertabends auf
2 CDs erschienen (nur über das Eigenlabel www.riccardomutimusic.com zu beziehen). Die Klangqualität des Mitschnitts ist berauschend, zumal die Aufnahmetechniker mit den zahlreichen Dynamikwechseln größte Herausforderungen zu meistern hatten. Das Resultat ist überwältigend und kommt dem Live-Erlebnis sehr nahe. Wer audiophile Ausstattungen sein Eigen nennen darf, sitzt zu Hause praktisch in einem Konzertsaal.
Bruckners viersätzige Achte enthält das ganze Leben. Sie wurde am 18. Dezember 1892 im Wiener Musikverein von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter uraufgeführt. Bruckners „Stamm-Dirigent“ Hermann Levi war von der Allmacht der Musik so erschrocken, dass er das Dirigat ablehnte, was Bruckner – wie so oft – zu einer Bearbeitung veranlasste („Ich kann mich in die 8te Symphonie nicht finden und habe nicht den Mut sie aufzuführen. Tagelang habe ich studiert, aber ich kann mir das Werk nicht zu eigen machen.“) Der Komponist Hugo Wolf sprach indes von der Schöpfung eines Giganten: „Diese Symphonie ist die Schöpfung eines Giganten und überragt an geistiger Dimension, an Fruchtbarkeit und Größe alle anderen.“
Für Bruckner war es nach dem Durchbruch mit der Siebten sein größter Erfolg. Entgegen zahlloser Vorurteile und Ressentiments gegenüber dem eigenwilligen Komponisten ist das thematische Material alles andere als monoton und repetitiv, auch wenn die Partitur diese Merkmale aufweist.
Tatsächlich zeigt sich bei näherer Analyse eine nie versiegende Vielfalt musikalischer Motive, die sich – oft im Nebenschluss – in zuweilen oszillierender Form präsentieren. Kaum angespielt, verschwinden sie oft wieder hinter den dominierenden Hauptmotiv-Strängen, die das ganze musikalische Geschehen mit ungeheurer Wucht vorantreiben. Die Wiener Philharmoniker und Riccardo Muti scheinen auf dieser Aufnahme jedes noch so kleine oder größere Detail mit besonderer Begeisterung ausmusizieren zu wollen und zeigen damit dem aufmerksamen Zuhörer alle verborgenen Klangschätze auf. Da hört man vieles anders oder gar zum ersten Mal.
Muti gestaltet die gesamte Symphonie eruptiv und explosiv, so dass einem beinahe der Atem stocken könnte (besonders im Finalsatz). Fast in der Dimension von Schlachtenlärm ereignen sich immer wieder Abbrüche und Rückbesinnungen auf melodiöse Abschnitte. Nach Blech und Perkussion haben auf einmal die Holzbläser und Streicher ihren Auftritt, bevor auch sie wieder von den blechgetragenen Hauptthemen verdrängt werden. Das letzte Wort hat in der Coda des Finalsatzes das siebenmalige Schluss Motiv als eine christliche Affirmation des Weltgeschehens, die nach Bruckner alles andere überragt und mit einem Endgültigkeitsstempel versieht.
Diese CD-Einspielung ist eine meisterhaft dokumentierte Entdeckungsreise in Bruckners kompositorisches Schaffen. Eine wahre Referenzaufnahme, die man jedem nur empfehlen kann.
Dr. Holger Voigt, 12. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at