Tassilo Probst bereichert die Welt der Geigenkunst mit einem Brückenschlag vom Bekannten zum Neuen

CD/Blu-ray Besprechung: Another Dawn Tassilo Probst, Thessaloniki State Symphony Orchestra

© Arlet Ulfers/Michael Herdlein

CD/Blu-ray Besprechung:

Der Titel Another Dawn will dazu anregen, die Kunst des Geigenspiels in einem neuen Licht zu erleben, und Tassilo Probst erweist sich dabei als ein kundiger Führer auf dem Weg vom bewährten Repertoire in unbekannte Klangwelten. Welchen besonderen Reiz diese haben, zeigt er mit makelloser Technik und ebenso mit Gestaltungskraft und Farbenreichtum. So ermöglicht er ein schönes Hörerlebnis und öffnet den Blick auf einen weiteren Horizont.

Another Dawn
Tassilo Probst
Thessaloniki State Symphony Orchestra
unter der Leitung von Daniel Geiss

Werke von Erich Korngold, Joseph Achron und Christos Samaras, eingespielt mit dem Thessaloniki State Symphony Orchestra unter der Leitung von Daniel Geiss

Erschienen bei Berlin Classics, Feb. 2026

von Dr. Lorenz Kerscher

Als ich Mitte 2022 den jungen Geiger Tassilo Probst als Rising Star vorstellte, war zwischen den Zeilen noch das Fragezeichen versteckt, wie wohl die Karriere des damals 19-Jährigen verlaufen würde. Doch sein kurz darauf erschienenes Debütalbum Into Madness fand außergewöhnliche Resonanz und wurde bei den International Classical Music Awards 2023 als beste Kammermusikeinspielung ausgezeichnet. Mit Sonaten von Béla Bartók, George Enescu und einer Ersteinspielung von Joseph Achron errangen Tassilo Probst und sein Klavierpartner Maxim Lando die Aufmerksamkeit und Zustimmung einer international besetzten Jury von Musikkritikern.

Ohne Zweifel war dies ein wesentlicher Sprung vorwärts auf dem Karriereweg zum Konzertsolisten, als den ich Tassilo Probst in den Folgejahren auch mehrmals sehr überzeugend erleben konnte. Und nun freue ich mich über das, was ihm mit seiner soeben erschienen zweiten CD gelungen ist.

Wieder hat er außergewöhnliches Repertoire gewählt, das er diesmal zusammen mit dem Thessaloniki State Symphony Orchestra unter Daniel Geiss darbietet. Das von Jascha Nemtsov klar formulierte und lesenswerte Begleitheft beschreibt die Werke im Zusammenhang mit den Biografien der Komponisten und erklärt auch die Wahl des Albumstitels: Another Dawn, im übertragenen Sinn Ein Neuanfang, war ein 1937 entstandener Hollywood-Klassiker, dessen Musik aus der Feder von Erich Wolfgang Korngold stammte. Am Anfang der CD steht nun dessen Violinkonzert, das zu Beginn auch ein Thema aus diesem Film zitiert.

Das 1945 komponierte Konzert für Violine und Orchester in D-Dur von Korngold hat seinen Stellenwert im Konzertrepertoire gefunden und war mir auch schon bekannt. So kann ich mich ganz auf die Interpretation konzentrieren und freue mich an der ausdrucksstarken Gesanglichkeit, mit der das Soloinstrument im Dialog mit dem Orchester die raumgreifende spätromantische Melodik des ersten Satzes Gestalt annehmen lässt. Wie ein erhebendes Traumbild legt der Solist dann die unendliche Melodie des zweiten Satzes an, formt große Bögen und widersteht dabei doch souverän der Versuchung, süßlich zu wirken. Über warmen Orchesterfarben gelingt ihm, den Hörer emotional mitzunehmen. Obwohl im Verlauf des Satzes auch traurige Stimmungen anklingen, bleibt der Eindruck großer Harmonie bestehen. Der Finalsatz lebt dann nicht nur von virtuoser Brillanz, über die Tassilo Probst ohne jede Einschränkung verfügt, sondern auch von hintergründigem Humor, mit dem sich aus filigranen Figuren bald eine Gassenhauermelodie herausschält. Diese wird in vielfacher Weise variiert, bis dann am Ende im vollen Orchesterklang ein unverhoffter Tonartwechsel für Überraschung sorgt und klarstellt, dass alles nicht ganz so ernst gemeint ist.

Nun gibt es für mich mit dem dritten Violinkonzert des 1886 geborenen Joseph Achron musikalisches Neuland zu entdecken. Die vom Orchester angestimmten kraftvollen Anfangstakte lassen sofort erkennen, dass er die Tonalität wesentlich freier und moderner auffasst, als es vorher bei Korngold zu hören war. Unter diesem Vorzeichen entwickelt sich der erste Satz aber durchaus gesanglich, auch weit in die versonnene Kadenz hinein, bis sich dann erst gegen Ende die Virtuosität Bahn bricht.

Der zweite Satz beginnt und endet auch wieder mit einem Gongschlag und ist noch mehr als im Korngold-Konzert auf unendliche Melodie ausgerichtet. Er hat einen meditativen Charakter, den ich als angenehm empfinde, zumal Tassilo Probst die Kantilenen sehr natürlich zur Entfaltung bringt.

Dance giocoso heißt dann der letzte Satz, in dem sich der Solist als Virtuose bewährt. Man erlebt ein rhythmisch vorantreibendes Perpetuum mobile, bis dann kurz vor Schluss ein Haltepunkt mit quäkenden Tönen der gestopften Posaune zu den spritzigen Schlusstakten überleitet. Insgesamt ist hier eine Interpretation gelungen, die nachweist, dass es sich mit diesem Werk wirklich um eine interessante Entdeckung handelt.

Die CD schließt mit dem 2002 komponierten Lamento des 1956 geborenen Christos Samaras. Das viertelstündige Werk beginnt mit einem Gongschlag, der eine massive wie auch dissonante Akkordfolge eröffnet. Dieses Element wird immer wieder aufgegriffen und drückt mit aller Klangwucht des Orchesters den Schmerz des Trauernden aus. Dessen Klage ist der Solovioline überlassen, die, da sich der Komponist einer tonalen Tonsprache bedient, mit erkennbaren und einprägsamen Melodien das Herz des Zuhörers zu erobern vermag.

Tassilo Probst musiziert sehr klangschön die wechselnde Intensität der Trauer, die sich auch im Solopart in dynamischen Gegensätzen ausdrückt. Schließlich eröffnet ein leiser Trauermarsch mit Glockenklang die Entwicklung hin zu einer immer unwirklicheren Stimmung und mündet in eine meditative Klangsphäre mit sich wiederholendem Cantus firmus. Dieser wird von hohen Holzbläsern und zarten Geigentrillern wie von Vogelstimmen umspielt und lässt die Trauer in einem erweiterten Bewusstsein aufgehen. So findet dieses packende Werk einen offenen, aber versöhnlichen Schluss.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass mit dem gewählten reizvollen Repertoire der Brückenschlag von bekannten in neue Klangwelten sehr gut gelingt. Schöne Interpretationen der einzelnen Werke fügen sich zu einem überzeugenden Gesamtkonzept zusammen. Ich wäre nicht überrascht, wenn auch dieses Album bei Kritikerumfragen Beachtung fände. Es ist jedenfalls zu wünschen, dass viele Musikfreunde mit diesem schönen Hörerlebnis die im Titel angesprochene Morgenröte am Horizont der Geigenkunst entdecken.

Dr. Lorenz Kerscher, 24. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weiterführende Info:

Bestellmöglichkeit der CD bei jpc

Website von Tassilo Probst

Tassilo Probst in Wikipedia

Rising Stars 30: Tassilo Probst, Violine klassik-begeistert.de

Rising Stars 54: Maximilian Haberstock – ein 19-jähriger Dirigent erntet Begeisterungsstürme klassik-begeistert.de, 22. Mai 2024

Junges Philharmonisches Orchester München, Maximilian Haberstock, Dirigent Carl-Orff-Saal, Gasteig München, 19. Mai 2023

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert