Rising Stars 30: Tassilo Probst, Violine – sein Weg führt nach oben

Rising Stars 30: Tassilo Probst, Violine   klassik-begeistert.de

Photo © Michael Herdlein

von Dr. Lorenz Kerscher

 

2020/2021 Enescu Wettbewerb Violine Semifinale: Tassilo Probst, César Franck, Violinsonate A-Dur

„Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“, soll schon Mark Twain gesagt haben. Das kommt mir immer in den Sinn, wenn ich nachdenke, welchen Rising Star an der Violine ich in meine Serie aufnehmen könnte. Sehr viele studieren dieses Instrument und zeigen schon früh ansprechende Leistungen. Doch die allermeisten sind am Ende froh, wenn sie eine Orchesterstelle bekommen, einigen gelingt es vielleicht, sich einem Kammermusikensemble anzuschließen. Und nur einem sehr kleinen Anteil gelingt eine Solokarriere, die dann meist schnell voranschreitet. Geigenvirtuosen der jüngeren Generation wie Julia Fischer, Vilde Frang, Augustin Hadelich oder Sergey Khachatryan, die mich in den letzten Jahren begeistert haben, sind keine Rising Stars mehr, sondern binnen kurzer Zeit zu Weltruf aufgestiegen. Doch um vorherzusehen, wer dahin gelangen wird, fehlt mir ein Orakel, das ich befragen könnte. Zu eng liegen die Leistungen beieinander, die etwa in Wettbewerben geboten werden. Und ich bin, ehrlich gesagt, auch nicht der ganz große Experte für dieses Instrument und sein Repertoire.

Meine Idee ist nun, mit dem 2002 geborenen Tassilo Probst einen sehr talentierten jungen Mann vorzustellen, den ich schon mehrmals live erlebt habe. So kann ich wenigstens mit Sicherheit sagen, dass sein Spiel nicht nur professionellen Ansprüchen genügt, sondern auch das Publikum anspricht. Erstmals erlebte ich ihn 2019 bei der Münchner Konzertserie Stars & Rising Stars, als er zusammen mit dem Starcellisten Danjulo Ishizaka und dem Nachwuchspianisten Amadeus Wiesensee Anton Arenskis Klaviertrio op. 32 spielte. Es war für mich ein wunderbares Kennenlernen dieses schönen Stücks voll von großräumigen Melodiebögen, die der junge Mann mit der Geige ebenso harmonisch zu gestalten vermochte wie sein erfahrener Partner am Violoncello. Eine ebenso ansprechende Leistung bot er 2021 in demselben Konzertformat mit dem Trio g-moll op. 17 von Clara Schumann.

Wenn ein 19-Jähriger ein solches Können erworben hat, dass er sich unter die Preisträger angesehener nationaler und internationaler Wettbewerbe einreihen kann, ist das vor allem das Ergebnis von Fleiß und Beharrlichkeit, die von Kindheit an investiert wurden. Schon bald fand er Ermutigung durch zahlreiche Erfolge bei Jugend musiziert, insbesondere erste Preise sowohl in Violine als auch in Kammermusik, die er vom Bundeswettbewerb 2016 nach Hause brachte. Schon vorher hatte er seine Aufnahmeprüfung als Jungstudent an der Münchner Musikhochschule bestanden und ist dort seit 2017 in der Klasse von Ingolf Turban bestens aufgehoben. Er wurde durch zahlreiche Stipendien gefördert und nahm an Meisterklassen renommierter Violinisten teil. Als Solist debütierte er als 14-Jähriger mit dem Violinkonzert von Glasunow in Bad Reichenhall und beeindruckte zwei Jahre später im Münchner Herkulessaal mit dem Tschaikowsky-Konzert, das ihm dann im Mai 2021 beim Internationalen George-Enescu-Wettbewerb in Bukarest den dritten Preis einbrachte.

 

2020/2021 Enescu Wettbewerb Violine Finale: Tassilo Probst, Tschaikowsky Violinkonzert

Auch wenn er noch nicht von Spitzenorchestern auf die Podien großer Konzertsäle geholt wurde, konnte er doch schon reichlich Erfahrung als Konzertsolist sammeln. BR Klassik und München TV präsentierten ihn bereits als jungen Künstler, Daniel Hope stellte ihn in seiner Sendung „Hope@Home next Generation“ bei Arte TV vor. Die in Familienbesitz befindliche Meistervioline „Giovanni Grancino (Mailand 1690)“ konnte er sich 2017 beim 25. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds als Leihgabe erspielen. Ein adäquates Werkzeug hat er damit in der Hand und zweifellos auch den Willen, es für seine Weiterentwicklung zu nutzen.

So arbeitet er nun am Aufbau eines Repertoires aus verschiedenen Stilepochen und erspart sich auch nicht die Auseinandersetzung mit hochvirtuosen Stücken für Violine solo. Dass er außerdem einen besonderen Schwerpunkt auf die Gattung des Klaviertrios legt, ist eine kluge Strategie, denn das gibt ihm auch die Möglichkeit, an erfahreneren Partnern am Cello zu wachsen.

 

Concours Tibor Varga 2021 – Finale 1ère soirée – Tassilo Probst, Klaviertrios von Mendelssohn und Beethoven

Das Label Berlin Classics kündigt an, dass im August 2022 das Debütalbum von Tassilo Probst mit Violinsonaten von Béla Bartók, George Enescu und Joseph Achron erscheinen wird. Auch angesichts der Visitenkarte, die er damit vorlegen kann, erwarte ich mit großer Wahrscheinlichkeit, dass er weit mehr erreichen wird als eine solide Orchesterstelle. Bei aller Unsicherheit von Zukunftsprognosen denke ich, er wird sich einen Namen machen, entweder als Solist auf dem Konzertpodium oder als führende Persönlichkeit in einem erfolgreichen Kammermusikensemble. Oder vielleicht sogar beides, das wäre eine gesunde Kombination für einen festen Stand in der Musikwelt. Dafür drücke ich ihm die Daumen!

Dr. Lorenz Kerscher, 21. Juli 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Rising Stars (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag

Weiterführende Information:

Biografisch sortierte Playlist in YouTube

Offizielle Webseite

Audio-Interview bei WDR 3 TonArt: Tassilo Probst startet als Geiger durch (06:20 min)

Lorenz Kerscher, Jahrgang 1950, in Penzberg südlich von München lebend, ist von Jugend an Klassikliebhaber und gab das auch während seiner beruflichen Laufbahn als Biochemiker niemals auf. Gerne recherchiert er in den Internetmedien nach unentdeckten Juwelen und wirkt als Autor in Wikipedia an Künstlerporträts mit.

Dr. Lorenz Kerscher„‘Musik ist Beziehungssache’, so lautet mein Credo. Deshalb bin ich auch als Chorsänger aktiv und treffe mich gerne mit Freunden zur Hausmusik. Eine neue Dimension der Gemeinsamkeit eröffnet sich durch die Präsenz vieler, vor allem junger Künstler im Internet, wo man Interessantes über ihre Entwicklung erfährt, Anregungen zur Entdeckung von musikalischem Neuland bekommt und auch in persönlichen Kontakt treten kann. Man ist dann kein Fremder mehr, wenn man ihnen als Autogrammjäger begegnet oder sie sogar bei einem Konzertbesuch im Publikum trifft. Das ist eine schöne Basis, um mit Begeisterung die Karrieren vielversprechender Nachwuchskünstler mitzuerleben und bei Gelegenheit auch durch Publikationen zu unterstützen.“

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