Rising Stars 28: Sophie Dervaux, Fagott – keine Angst vor großen Instrumenten!

 

 

Sophie Dervaux—Felix Mendelssohn Bartholdy Op.109—Lieder ohne Worte (2017)

von Dr. Lorenz Kerscher

Die 1991 in Paris geborene Sophie Dervaux ist Tochter eines Mathematikers und Ingenieurs und einer Gitarrenlehrerin. So überrascht es nicht, dass sie zunächst das Instrument ihrer Mutter erlernte. Ihr Wunsch war jedoch, in Gemeinschaft zu musizieren, wofür sich ein Blasinstrument anbot. Das war zunächst die Klarinette, bis ihr diese offenbar zu klein wurde und sie 2003 auf das Fagott wechselte. Doch auch dessen zweieinhalb Meter Rohrlänge waren noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, wurde sie doch schon 2013 als Solokontrafagottistin der Berliner Philharmoniker verpflichtet. Sie fand jedoch bald wieder zum Normalmaß zurück und ist seit 2015 Solofagottistin der Wiener Philharmoniker.

So ungewöhnlich es auch ist, schon in so jungen Jahren Solostellen in den vielleicht renommiertesten Orchestern der Welt zu besetzen, würde ich eine Künstlerin deshalb nicht als Rising Star vorstellen. Von Interesse ist dafür vor allem ihr Wirken als Solistin, die ihrem eher unter „ferner liefen“ firmierenden Instrument alle Ehre macht. „Mit ihrem Album impressions hebt sie das Fagott in den Adelsstand“, befand eine auf ihrer Homepage zitierte Kritikerstimme. Die positive Bewertung ihres Debütalbums war auch für die gerade 30-Jährige ein Ritterschlag und die Wertschätzung für eine Individualität des künstlerischen Ausdrucks, die im Orchesterdienst so nicht in Erscheinung treten konnte.

 

Sophie Dervaux – Sonata, op. 168: II. Allegretto scherzando – Saint-Saëns (2021)

Schon während ihres Studiums am Conservatoire National Supérieur de Musique de Lyon in den Jahren 2008 bis 2011 nahm sie an Wettbewerben teil und erzielte damals noch unter ihrem Geburtsnamen Sophie Dartigalongue wichtige Preise. 2011 setzte sie dann als Stipendiatin an die Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker ihre Ausbildung fort und erzielte 2013 beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD einen zweiten Preis und Publikumspreis. Ein erster Preis wurde damals nicht vergeben und niemand weiß, welches gewisse Etwas die Jury noch vermisst hatte. Die Berliner Philharmoniker hatten jedenfalls keine Vorbehalte, sie als Kontrafagottistin zu engagieren, mussten sie jedoch schon zwei Jahre später zu den Wiener Philharmonikern gehen lassen.

Während ihrer ersten Jahre in diesem Orchester verzeichnete ihre Playlist in YouTube nur wenig Zuwachs, doch seit etwa 2018 ist wieder eine verstärkte Aktivität als Solistin zu verzeichnen. Diese mündete dann in die Arbeit an ihrem ersten Soloalbum „Impressions“, das 2021 erschien und ein bereitgefächertes Repertoire an Werken französischer Komponisten mit Klavierbegleitung enthielt. Damit belegte sie ihre vom Barock bis zu zeitgenössischer Musik reichende stilistische Vielfalt.

 

Sophie Dervaux – Hummel: Grand Concerto in F Major: I. Allegro moderato (Teaser)

Neuerdings entdeckt man sie in Youtube auch mit Taktstock in der Hand, denn für ihr kürzlich erschienenes zweites Album leitete sie selbst das Mozarteumorchester Salzburg. So formte sie ihre Interpretationen der Fagottkonzerte von Wolfang Amadeus Mozart, Johann Nepomuk Hummel und Johann Baptist Vanhal ganz nach ihren eigenen Vorstellungen. Diese Werke, die der Stilepoche der Klassik zuzuordnen sind, erstaunen durch halsbrecherische Virtuosität. Die Selbstverständlichkeit, mit der Sophie Dervaux das meistert, ist die Grundlage, um auch das auszugestalten, was zwischen den Noten steht. Ob weitgespannte Melodiebögen oder reizvolle Kontraste, all das entwickelt sie mit einem ausgesprochen schönen, warmen und runden Ton. Auch hiervon kann man im Sinne der oben erwähnten Kritikerstimme wieder sagen, dass das Fagott, das man doch oftmals mit subalternen Aufgaben assoziiert, durch ihre Kunst eines hohen Standes würdig geworden ist. So wünscht man sich, dass sie künftig zahlreiche Einladungen bekommt, um mit ihrem Instrument als solistische Bereicherung von Konzertabenden in Erscheinung zu treten!

Johann Nepomuk Hummel: Grand Concerto in F Major for bassoon and orchestra: III. Rondo. Vivace

von Dr. Lorenz Kerscher, 19. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weiterführende Information:

Biografisch sortierte Playlist in Youtube

Offizielle Webseite

Sophie Dervaux in Wikipedia

Rising Stars (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag

Lorenz Kerscher, Jahrgang 1950, in Penzberg südlich von München lebend, ist von Jugend an Klassikliebhaber und gab das auch während seiner beruflichen Laufbahn als Biochemiker niemals auf. Gerne recherchiert er in den Internetmedien nach unentdeckten Juwelen und wirkt als Autor in Wikipedia an Künstlerporträts mit.

Dr. Lorenz Kerscher„‘Musik ist Beziehungssache’, so lautet mein Credo. Deshalb bin ich auch als Chorsänger aktiv und treffe mich gerne mit Freunden zur Hausmusik. Eine neue Dimension der Gemeinsamkeit eröffnet sich durch die Präsenz vieler, vor allem junger Künstler im Internet, wo man Interessantes über ihre Entwicklung erfährt, Anregungen zur Entdeckung von musikalischem Neuland bekommt und auch in persönlichen Kontakt treten kann. Man ist dann kein Fremder mehr, wenn man ihnen als Autogrammjäger begegnet oder sie sogar bei einem Konzertbesuch im Publikum trifft. Das ist eine schöne Basis, um mit Begeisterung die Karrieren vielversprechender Nachwuchskünstler mitzuerleben und bei Gelegenheit auch durch Publikationen zu unterstützen.“

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