Bar Avni © STEFANIE-JAeGER-JAeGERFILMS
8. Philharmonisches Konzert: Passion – Power – Pathétique
Johann Sebastian Bach Passacaglia und Fuge c-Moll BWV 582 für großes Orchester gesetzt von Ottorino Respighi
Witold Lutosławski Konzert für Violoncello und Orchester
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 74 „Pathétique“
Hayoung Choi Violoncello
Bar Avni Dirigat
Die Bremer Philharmoniker
Das Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 16. März 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
Konzerte können sehr unterschiedlich sein: entspannend, aufregend, schlimmstenfalls langweilig. Oder derart energiegeladen, dass die Luft zu vibrieren scheint. Letzteres darf mit Fug und Recht konstatiert werden für diesen ungemein faszinierenden Konzertabend der Bremer Philharmoniker, die unter der präzisen, dabei gleichermaßen fordernden wie motivierenden Stabführung der in Israel geborenen Dirigentin Bar Avni zu absoluter Höchstform auflaufen.
Nicht als Aufwärmer, sondern gleich als opulentes Klangerlebnis fungiert eingangs Bachs Passacaglia und Fuge c-Moll. Voluminöse Blechbläser und die sonst nur selten zu hörende, diesmal mit Einsatz aller Register ertönende Orgel markieren den Beginn zunehmend mächtiger werdender Klangwogen gigantischen Ausmaßes. Das ebenso unbeirrbar wie unüberhörbar pulsierende Ostinato-Motiv durchzieht wie ein verlässlicher roter Faden, besser noch: wie eine stabile Trosse das Geschehen, das ungeachtet seiner Klangdichte mit einem Höchstmaß an orchestraler Transparenz und vielfach wechselnden dynamischen Abstufungen dargeboten wird. Wenn Bachs Komposition schon im Orgel-Original bombastisch anmuten mag: hier wird sie zum wahrhaft atemberaubenden, klangfarbintensiven Hörerlebnis. Und ist und bleibt dennoch ein authentischer Bach!
Fesselnder Konflikt zwischen Individuum und Masse
Mögliche Befürchtungen, Lutosławskis Cellokonzert könnte nach derart mächtigem Auftakt nur noch als Nebensache wahrgenommen werden, erweisen sich erfreulicherweise als gänzlich ohne Belang. Dabei passiert zunächst gar nicht sonderlich viel beim ausgedehnten Monolog des Cellos aus langsam tickenden Tonrepetitionen, kurzen nervösen Ausbrüchen, stöhnenden Glissandos. Doch die vielfach preisgekrönte Cellistin Hayoung Choi präsentiert ihren Part mit ungemein fesselnder Intensität. Und steigert sich darin noch, als die Blechbläser und später das gesamte Orchester dagegenhalten.

Das Konzert wird – unter geradezu greifbarer Erwartungsspannung des Auditoriums – zu einem dramatischen Schauspiel, zum konfliktreichen Gegeneinander von Individuum und Masse. Die raffinierten Klangeffekte, die dissonanten Klänge, das kakofonische Tohuwabohu, mit dem das Orchester auftrumpft: All dies kann die Stimme, den aufbegehrend insistierenden, energischen Strich der mutig aufspielenden Solistin in dieser atemberaubenden musikalischen Auseinandersetzung nicht dauerhaft zum Schweigen bringen. Auch wer gemeinhin keinen rechten Zugang zu zeitgenössischer Musik finden mag, kann sich diesem mitreißenden Erlebnis dort oben auf der Bühne schwerlich entziehen.
Wie Balsam für die aufgewühlten Gemüter ist da die Zugabe, das Prélude aus Bachs Cellosuite Nr. 1, mit dessen feinfühlig interpretierten, in ruhigem Metrum vorgetragenen klangvollen Harmonien sich Hayoung Choi nach langem begeistertem Beifall verabschiedet.
Orkangetöse und pathetische Gefühlskaskade
Nicht im Programm erwähnt ist der Beginn der zweiten Konzerthälfte: Um auf die stark emotional durchdrungene Atmosphäre von Tschaikowskys Pathétique vorzubereiten, intoniert das Orchester nämlich vorab mit Inbrunst und berührendem Ernst den Bach-Choral „Komm, süßer Tod“. Die so erzeugte Stimmung setzt sich unmittelbar fort im dann wie aus dem Nichts einsetzenden Pathétique-Kopfsatz, der sich in riesigem Spannungsbogen zu einem Fortissimo apokalyptischen Ausmaßes entwickelt, indes wie erschöpft, aber friedvoll endet. Den „con grazia“-Zusatz im 2. Satz Allegro setzen die Philharmoniker mit elastischem, tänzerisch elegantem Spiel optimal um.

Der sportlich agile Einstieg in den 3. Satz wird zum überdimensionalen Konglomerat sämtlicher Orchesterstimmen, das indes vom markanten Thema dominiert wird. Bar Avni setzt auf scharf pulsierende, präzise akzentuierte Rhythmen. Eine kurze, spannungsintensivierende Generalpause ist der Auslöser eines tosenden Orkans, der zum mitreißenden, gnadenlos alles überrollenden Sturmlauf ansetzt.
Wie unter Starkstrom und mit nahezu unerschöpflichen Energiereserven ausgestattet agieren Dirigentin und Orchester bis hin zum effektvollen Finale. Das bekanntermaßen jedoch nicht das Finale ist, aber prompt mit Beifall quittiert wird. Sehr schade! Denn der äußerst krasse Kontrast zum Lamentoso des Schlusssatzes geht damit bedauerlicherweise verloren.
Die von Avni angestrebte, detailliert auf maximale emotionale Dichte setzende Strukturierung der finalen pathetischen Gefühlskaskade vermittelt sich dennoch dank der aufmerksamen, nuancierten Ausführungen des Orchesters. Nach einem düsteren, von unendlicher Tristesse durchdrungenen Morendo al niente, wie im Nichts verlöschenden letzten tiefen Basstönen, herrscht ungewöhnlich lange ergriffene Stille im Saal. Dann bricht langer, befreiend frenetischer Jubel los.
Dr. Gerd Klingeberg, 17. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
CD/Blu-ray Besprechung: Symphonies in 3 Movements, Bar Avni klassik-begeistert.de, 4. März 2026