Alain Altinoglu © HR/PhotoWerK
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 9 D-Dur
hr-Sinfonieorchester
Alain Altinoglu, musikalische Leitung
hr-Sinfonieorchester
Alte Oper Frankfurt, 20. März 2026
von Dirk Schauß
Wer am 20. März 2026 den großen Saal der Alten Oper Frankfurt betrat, wusste um die Fallhöhe. Gustav Mahlers Neunte ist kein Konzertstück wie jedes andere, sondern ein existenzieller Grenzgang, ein Abschiedsbrief in Tönen, der den Hörer eigentlich gezeichnet zurücklassen sollte. Das hr-Sinfonieorchester unter Alain Altinoglu erreichte an diesem Abend eine beeindruckende klangliche Geschlossenheit – und genau darin liegt die Crux dieser Interpretation: Wie viel ästhetischer Glanz verträgt eine Musik, die aus Zerfall und Todesangst geboren wurde?
Altinoglu, vom Orchester für seine konziliante Art und handwerkliche Präzision geschätzt, wählte eine großzügig bemessene Lesart von knapp 85 Minuten. Nach den oft straffen Aufführungen der letzten Jahre war dieser Raum wohltuend; man spürte, dass das Werk bereits für die bevorstehende Spanien-Tournee im Gepäck saß. Das Zusammenspiel war organisch, die Übergänge traumwandlerisch sicher, jede Phrase saß.
Der erste Satz entfaltete sich als Panorama erlesener Klangkultur. Das einleitende Wechselspiel von Cello und Harfe besaß jene ätherische Ruhe, die Mahlers Vision des Entschwindens so unvergleichlich beschwört. Die Hörner musizierten mit goldener Intonationssicherheit, das Orchester auf höchstem Niveau. Doch wo Mahler seelische Aufschreie wie Blitze in den Graben schleudert, blieb Altinoglu der Ästhet kontrollierter Emotion. Die gewaltigen Höhepunkte kamen mit Wucht, doch ohne scharfe Kanten – wohlplatzierte Eruptionen in einem Meer aus Edelklang, das den Hörer eher wiegt als anspringt.
In den Mittelsätzen zeigte sich die Schwäche dieses Ansatzes am deutlichsten. Der Ländler- und Walzer-Totentanz des zweiten Satzes muss knirschen, nach Stall und Moder riechen, grotesk sein. Bei Altinoglu klangen die gebrochenen Rhythmen wie hochglanzpolierte Repertoireware – freundlich dekoriert, ohne jede Derbheit oder Schrulligkeit. Wo Mahler die Welt als Trümmer zeigt, arrangiert Altinoglu edle Antiquitäten.
Noch krasser fiel das in der Rondo-Burleske aus. Diese kontrapunktische Kampfansage an die Welt blieb unter seiner Leitung eine virtuose, aber gefahrlose Stretta. Die Solo-Trompete setzte ihre dissonanten Nadelstiche präzise, die Polyphonie war von bewundernswerter Transparenz – doch die Musik flimmerte wie festliche Kirchweihmusik. Man bewunderte die Exzellenz, blieb aber merkwürdig unberührt von der intendierten Boshaftigkeit.
Dass das hr-Sinfonieorchester derzeit über außergewöhnliche Musiker verfügt, zeigte sich etwa am Schlagwerk: Raúl Flores Aloy an den Becken ist ein Glücksfall – seine kontrollierte, aggressive Strahlkraft gab dem Klang genau jene Bissigkeit, die am Pult oft nur angedeutet blieb. Die Hingabe des gesamten Orchesters trug den Abend; die Musiker füllten Altinoglus eher dekorative Vorgaben mit einem Feuer, das den Abend letztlich doch zu einem Erlebnis machte.
Das finale Adagio geriet zum orchestralen Schwanengesang von betörender Schönheit. Die Streicher schwelgten in warmem, dunklem Ton, das Kindertotenlied-Zitat „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen“ mündete in absolute Stille, das „Ersterbend“ wurde klangliche Realität. Ergreifend – und doch zu wohlgefällig. Mahlers Todesangst, die Pein der Endlichkeit, verschwand in einem Bad aus Schönheit. Musik für den Feinschmecker, weniger für den Suchenden.
Nach den im Nichts verhallenden letzten Klängen folgte der obligatorische Moment der Stille, bevor stehende Ovationen losbrachen. Ein Teil des Beifalls galt sicher auch Posaunist Lothar Schmidt, der nach 40 Jahren im Orchester würdevoll verabschiedet wurde – ein berührender, menschlicher Akzent.
Alain Altinoglu hat bewiesen, dass er ein geschickter Koordinator von Klangmassen ist. Das hr-Sinfonieorchester wird mit diesem luxuriösen Sound in Spanien gefeiert werden. Ob Mahler jedoch gerecht wird, wenn man ihm die Pein austreibt und ihn in reinem Wohlklang badet, bleibt das offene Geheimnis dieses sympathischen Chefdirigenten. Der Abgrund war da – Altinoglu hat ihn mit einem sehr kostbaren Teppich zugedeckt.
Dirk Schauß, 20. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 8 in Es-Dur Komische Oper Berlin, 25. September 2025
Altinoglu / Mahler „Symphonie Nr. 2“ Musikverein Wien, Großer Saal, 24. Februar 2024
Sehr spannend, diese Rezension. Ich war am Donnerstag im Konzert und nicht am Freitag; so kann es Unterschiede gegeben haben. Am Donnerstag gab’s für das Orchester noch unsichere Phasen, die am Freitag wohl weggeschliffen waren. Ich komme zum selben Ergebnis, dass es ein großartiges Konzert war, das Mahler aber nur zum Teil gerecht wurde. Ich habe es aber komplett anders erlebt als Herr Schauß: Der erste Satz war vor allem vertikal gedacht, es war eine große Klangfläche und es war sehr schwierig, einzelne Melodien wahrzunehmen, weil alles gleich laut war. Die Orchesterleistung war bombastisch, aber es fehlte die Detailschärfe. So blieben viele wichtige musikalische Ideen auf der Strecke. Die Binnensätze hingegen fand ich sehr überzeugend: das Scherzo hatte die rechten zupackenden Tempi und vor allem die Rondo-Burleske war so crisp, spannend und auf den Punkt musiziert, wie man es selten hört. Selbst die diabolischen Tempoverschärfungen in der Stretta waren da! – Dann aber das Finale: Viel zu schnell, viel zu geschliffen, unendlicher Wohlklang. Doch letzten Endes hat es funktioniert: Durch die kontinuierliche Tempoverschleppung im Adagissimo ist eine logische und konsequente Stille entstanden, die das Werk doch zu einem passenden Abschluss geführt hat: Absolut im Diesseits und jenseits jeglicher Transzendenz, die ich mir im Finale wünsche. Vielleicht ist das der Punkt, an dem mir zu wenig Mahler in der Aufführung drin war!? Ich möchte hinzufügen, dass ich glühender Anhänger von Alain Altinoglu bin; doch bei Mahler folge ich seinem Ansatz nur eingeschränkt.
Dirk Becker
Mahler sollte nie nur reiner Schönklang sein. Wer die meisten seiner Symphonien (2., 3., 4., 5. definitiv) auf dieses Spektrum runterbricht, der lässt vieles liegen. Mahler muss kratzen, beißen, tanzen, Städtle-Charme versprühen, Landler, schmerzen – er muss so viel also. Meisterhaft beherrscht hatten das Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester. Als es 2023 hieß, Currentzis muss als Chefdirigent dort weichen, war das für Freunde der Mahler-Interpretation ein Trauertag. Mit keinem seiner Orchester konnte er bislang diesen Kosmos wieder derart ausleuchten.
Jürgen Pathy