Mahler Neun im Musikverein: Sir Simon Rattle trifft den richtigen Ton

Mahler, Sinfonie Nr. 9 D-Dur, Sir Simon Rattle, Wr. Philharmoniker  Musikverein Wien, Goldener Saal, 17. April 2026

Sir Simon Rattle © Mark Allan

Beeindruckend, was Mahlers Musik mit Menschen machen kann. Beseelte Gesichter, wohin man blickt im Musikverein Wien, bevor das Adagio
der 9. Symphonie wie eine Kerze erlischt. Sir Simon Rattle macht nicht den Fehler, auf reinen Schönklang zu setzen. Der britische Dirigent, aktuell Chef des London Symphony Orchestra, holt alles aus den Wiener Philharmonikern heraus.

Gustav Mahler    Sinfonie Nr. 9 D-Dur

Wiener Philharmoniker
Sir Simon Rattle,
Dirigent

Musikverein Wien, Goldener Saal, 17. April 2026

von Jürgen Pathy

Ausnahmestimmung im Musikverein Wien. Schon vor dem Konzert spürt man: Da liegt etwas in der Luft. Sir Simon Rattle zieht, und die Leute kommen. Lange Schlange beim Stehplatz, kurz vor 19:30 Uhr. Als Rattle wenige Minuten später zum ersten Satz ansetzt, ist sofort klar: Die Wiener Philharmoniker haben einen außergewöhnlichen Abend erwischt. Unter Rattle vermeidet man genau das, was Mahler killt: bloßen Schönklang.

Mahler muss schmerzen, beißen und ein wenig kratzen, selbst bei seiner Neunten, die in ihrer Tonsprache weit entfernt ist von den frühen Symphonien. Was mit der Sechsten kippt, findet hier seine radikale Auflösung. Der erste Satz der 9. Symphonie wirkt wie ein Delirium, gezeichnet von Einzelstimmungen, die immer wieder aufblitzen und Erinnerungen an Wagners Musik wecken. Der „Fliegende Holländer“ ist nicht fern, sogar der Schatten des „Rings“ legt sich über Mahlers Stimmung, die mit der Vorahnung seines Todes assoziiert wird. Rattle und die Wiener Philharmoniker leuchten das kompromisslos aus.

Selbst der zweite Satz, ein Ländler, lässt kein Schunkeln zu. Rattle vermeidet hier ebenfalls, in ländliche Ausgelassenheit zu kippen. Die Neunte erlaubt das nicht. Alles steuert auf den letzten Satz zu, der am Ende im äußersten Pianissimo langsam erlischt. Ein Adagio, das von der Sonderklasse der Streicher der Wiener Philharmoniker getragen wird, die an diesem Tag eines liefern: Magie und Verklärung zugleich, die selbst die Punk-Lady neben mir ergreifen. Maximal 25, zerrissene Strümpfe, kurzer Rock, Doc Martens Stiefel. Ein erfrischender Anblick, im heiligen Tempel der klassischen Musik unkonventionelle Gäste zu sehen.

Jürgen Pathy, 18. April 2026, für
klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

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