Lloyd Riggins: „Wichtig ist, dass der Tanz über das Gefühl läuft“, Teil II

kb im Gespräch: Lloyd Riggins Der Ballettmeister, Teil II  Hamburgische Staatsoper, 26. April 2026

Lloyd Riggins 2013 © Holger Badekow

Ballett-Sprünge und Drehungen dürfen nicht zur Show ausarten. Manchmal vergessen die Tänzer das und zeigen ihr technisches Können nur für die Zuschauer. Das soll nicht sein. Die technischen Schwierigkeiten in einer Ballett-Aufführung müssen immer im Sinne des Stücks und nicht als artistische Showeinlage getanzt werden.

klassik-begeistert im Gespräch mit Lloyd Riggins, dem künstlerischen Ballettdirektor des Hamburg Balletts, Teil II

von Dr. Ralf Wegner

klassik begeistert: Ihre darstellerische Bandbreite ist erstaunlich und selbst die kleinsten Rollen füllen Sie mit Autorität und Charisma. Wenn mir ein anderer Tänzer in den Sinn käme, mit dem ich Sie vom Stil her vergleichen würde, ist es Fred Astaire und dessen tänzerische Noblesse. Sehen Sie da für sich Ähnlichkeiten?

Lloyd Riggins: Fred Astaires Tanz ähnelt dem Bournonville-Stil. Man arbeitet aus der Hüfte heraus und lässt die Beine tanzen. Der Oberkörper bleibt dabei still oder bewegt sich anders. Es sieht leicht aus, ist aber sehr schwer. Es schien mir, als hätte ich ein gutes Gefühl für diese Art von Tanz.

klassik-begeistert: Sie selbst haben meiner Erinnerung nach im Dezember 2000 und Januar 2001 Albrecht in Giselle getanzt und bravourös die 32 Entrechats six-Hochsprünge aus dem Stand im zweiten Akt gemeistert. Es gab später andere Hamburger Tänzer, die das auch schafften. Das gelang aber nicht jedem. Wie bewerten Sie die physisch-technischen Schwierigkeiten dieser anfordernden Hochsprünge, ohne mit den Armen wie ein startender Schwan zu flügeln?

Lloyd Riggins: Genau das ist der Bournonville-Stil, den Oberkörper frei und die Arme am Körper zu halten, also nicht mit den Armen zu flügeln. Als Solotänzer sollte man diese entrechats six tanzen können. Aber nicht jeder ist dafür geeignet. Johns Auffassung war, diese Anforderungen nicht als ein zu bestehendes Examen zu betrachten. Er riet uns immer zu überlegen, warum wir tanzen. Diese technischen Schwierigkeiten haben häufig nichts mit der ursprünglichen Choreographie zu tun, sie entspringen oft einer Aufführungstradition. Und wenn jemand wie Michail Baryschnikow eine bestimmte Sprungvariante zeigte, wollten es andere Tänzer ihm gleich tun. In der Hamburger Giselle-Variante tanzen wir übrigens beides, die 32 entrechats six und die in der Hüfte leicht abknickenden brisé porté.

Lloyd Riggins 2004 in John Neumeiers Matthäuspassion, mit Peter Dingle © Holger Badekow

klassik-begeistert: Wie werden die Sprünge gelehrt und kontrolliert? Schon die Doppeldrehung in der Luft gelingt häufig nicht ganz. Gibt es einen quasi sportlichen Standard, den alle männlichen Tänzer erlernen müssen oder erlernen sollten?

Lloyd Riggins: Die genannten Sprünge sind für einen Tänzer eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wir trainieren das jeden Tag, jedes Training endet mit diesen double tours.

klassik-begeistert: Aus Zuschauersicht imponiert die Aura und Darstellungskraft der Tänzerinnen und Tänzer. Aber auch die physisch-technischen Aspekte wie die genannten Entrechats six, die Fouettés (gepeitschte Drehungen auf dem Standbein) der Tänzerinnen, die unterschiedlichen Arten, die Barrel turns (wiederholte seitliche Sprünge mit schneller Drehung in der Luft entlang der gedachten Außenlinie einer Manege) zu absolvieren, etwa mit einem beeindruckendem 540 Grad-Sprung, also die durchaus sportlichen Aspekte, begeistern das Publikum. Wie ist Ihre Auffassung dazu bezogen auf das Hamburger Ballett?

 Lloyd Riggins: Das ist Teil unserer Kunst, es ist aber nicht Gymnastik. Bei uns gibt es keine Goldmedaille für Double tours. Diese Doppeldrehung in der Luft ist nur ein Werkzeug der Bewegungssprache. Die Sprünge und Drehungen dürfen nicht zur Show ausarten. Manchmal vergessen die Tänzer das und zeigen ihr technisches Können für die Zuschauer. Das soll nicht sein. Die technischen Schwierigkeiten in einer Ballett-Aufführung müssen immer im Sinne des Stücks und nicht als artistische Showeinlage getanzt werden.

Lloyd Riggins 2013 in John Neumeiers Tod in Venedig, mit Edvin Revazov © Holger Badekow

 klassik-begeistert: Das physische Leistungsvermögen ist altersabhängig. Bewegungsgeschwindigkeit, Koordinationsvermögen und schließlich auch die Muskelkraft nehmen zwischen dem 25. und etwa dem 35. Lebensjahr ab. Training wirkt dem entgegen. Bei Balletttänzerinnen und -tänzern verlaufen demnach die physische Leistung und die mit dem Alter zunehmende geistige Durchdringung der Rollen konträr zueinander. Welche Erfahrungen haben Sie da selbst gemacht?

Lloyd Riggins: Ivan Liska war 44 Jahre alt, als er mit John den Odysseus trainierte. Ich dachte damals, das werde ich in dem Alter niemals schaffen. Vor allem braucht es viel hartes Training und etwas Glück, um sich mit zunehmendem Alter nicht zu verletzen.

Wichtig ist, dass der Tanz über das Gefühl läuft. Ich habe in Tod in Venedig getanzt, als ich 45 Jahre alt war. Und John Neumeier  brauchte auch ältere Tänzer zum Beispiel für die Vaterrolle in Cinderella. Mit 48 Jahren habe ich noch den Dichter in der Kleinen Meerjungfrau und im Weihnachtsoratorium getanzt. Es ist aber schon richtig, dass sich auch im Ballett zwischen 30 und 35 Jahren die physische und die darstellerische Leistungsfähigkeit überschneiden und konträr verlaufen.

 klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Ralf Wegner, 26. April 202, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Den dritten und letzten Teil unseres Interviews mit Lloyd Riggins lesen Sie Montag, 27. April 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.

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