Ich erlebe musikalisch hochkonzentrierte Energie in Ullmanns Der Kaiser von Atlantis

Viktor Ullmann, Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung (1943)  Reaktorhalle, München, 27. April 2026

Titouan Sevic als Kaiser Overall © Adrienne Meister

Das Orchester entfaltet unter der Leitung von Daniel Johannes Mayr eine konzentrierte Energie, die mich keinen Moment unaufmerksam bleiben lässt. Ein sehr gutes sängerisches Ensemble, das im choralen Miteinander einen extrem präzisen Klang formt. Eine Oper, die in die Zeit passt. Und! Ein utopisches Ende, das mich den Mut und die Hoffnung nicht verlieren lässt. Toll!

Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung (1943)
Komposition   Viktor Ullmann
Libretto   Peter Kien

Musikalische Leitung   Daniel Johannes Mayr

Inszenierung   Waltraud Lehner, Paulina Platzer

Kaiser Overall:   Titouan Sevic
Der Lautsprecher:   Dimitris Kaloumenos (nach der Pause: Der Tod)
Der Tod:   Aaron Selig
Harlekin:   Maria Târşia
Ein Soldat:   Noam Sabag Lahat (nach der Pause: Der Trommler)
Bubikopf:   Tereza Glosová (nach der Pause: Der Lautsprecher)
Der Trommler:   Maria van Hoof (nach der Pause: Kaiser Overall)

Orchester:   Instrumentalstudierende der Hochschule für Musik und Theater München

Reaktorhalle, München, 27. April 2026

von Frank Heublein

An diesem Abend singt die zweite Besetzung erstmals Viktor Ullmanns Kaiser von Atlantis in der Reaktorhalle in München. Das Musiktheater im Reaktor (MiR) besteht seit 2014 und ist „professionelles Musiktheater für Bachelorstudierende“ der Hochschule für Musik und Theater München.
MiR steht für die Suche nach neuen Formaten und lotet neue Technologien aus. Waltraud Lehner hat das Format gegründet und hat die künstlerische Leitung inne. Sie co-verantwortet die Inszenierung des heutigen Abends.

Komponist Viktor Ullmann und Librettist Peter Kien saßen zur Zeit der Entstehung des Werkes im Konzentrationslager Theresienstadt ein und wurden 1944 in Auschwitz-Birkenau von den Nationalsozialisten ermordet. Die Oper ist eine Allegorie der bestehenden Zustände von 1944 und ja auch!, aber anders! heute. Kaiser Overall ruft den Krieg alle gegen alle aus. Der Tod allerdings stellt seine Arbeit ein. Keiner stirbt, die meisten ringen mit dem Leben. Allein der Soldat und Bubikopf nähern sich liebend an, anstatt zu versuchen sich gegenseitig umzubringen. Der Tod verhandelt mit dem Kaiser seine Rückkehr unter der Bedingung, dass der Kaiser sich selbst opfert.

Ensemble © Adrienne Meister

Die Stimmen müssen nicht selten in für ihre Lage extreme Töne steigen, etwa der Kaiser von Atlantis, gesungen von Bariton Titouan Sevic in seiner Abschlussarie. Elegisch, verzweifelt steigt er immer höher. Denn er hat sein Ziel nicht erreicht: „O wär’ mein Werk geglücket! Von dieser Fessel Mensch befreit, dehnt sich das Land mit ungemähten Feldern unter Sonn und Wind.“ Die Welt wäre ohne den Menschen besser dran. Harlekin, energisch klar gesungen von Sopran Maria Târşia. Sie hat neben ihrer starken Stimme die auf mich am stärksten wirkende schauspielerische Präsenz. Lachen funktioniert nicht, Weinen auch nicht. Sie singt: „Was bleibt uns armer Welt zu Teil? / Wir bieten uns auf dem Jahrmarkt feil. / Will uns niemand kaufen? / Will uns niemand kaufen? / Weil jeder sich selbst los sein will. / Wir müssen in alle vier Winde laufen. Ah!“.

Der Trommler wird von Mezzo Maria van Hoof gesungen. Ihre Arie klingt kommandotonartig scharf. Der sonore Bass Aaron Selig arbeitet bei seinem Tod sehr gut die Irritation desjenigen heraus, dem der Sinn seines Handels abhandenkommt. Der Lautsprecher wird interpretiert vom jovial klingenden Bassbariton Dimitris Kaloumenos. Ihm obliegt, in die Oper einzuführen. Seine letzten Sangesworte im Präludium: „das Leben, das nicht mehr lachen und das Sterben, das nicht mehr weinen kann in einer Welt, die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes zu sterben. Hallo, hallo! Wir beginnen!“

Ensemble © Adrienne Meister

Das einzige Duett der Oper mit zuversichtlicher musikalischer Note ist das Duett vom Soldaten, gesungen von Tenor Noam Sabag Lahat und Sopran Tereza Glosová als Bubikopf. Beide entfalten stimmlich das hingebungsvolle Interesse mit ihren wärmer klingenden weichen Stimmen. „Schau, die Wolken sind vergangen, / die den Blick uns lang vergällt, / und die Landschaft, grau verhangen, / ist mit einem Mal erhellt. / Tiefe Schatten werden lichter, / wenn die Sonne golden scheint, / und es wird der Tod zum Dichter, / wenn er sich mit Liebe eint.“ Die letzten beiden Zeilen wirken stark auf mich. Auswegloses Hoffen, dass meinen menschlichen Kern tief im Innern anspricht.

Die Oper wird vor der Pause vollständig aufgeführt. Doch der Abend ist damit nicht zu Ende. Denn aus einigen wenigen Elementen der Oper, Chiung-Wen Hsus Komposition nach Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ und dem Chorstück „In mir klingt ein Lied“ mit für Orchester arrangierter Chopin Etüde E-Dur mit Text von Alma Rosé wird eine Utopie angehängt.  Chiung-Wen Hsus Version von „Der Tod und das Mädchen“ ändert die Tonalität der Arie des Trommlers, die an dieser Stelle von Noam Sabag Lahat mit seiner weichen Tenorstimme gesungen wird. Verzweifelt stoisch unentschlossen wirkt das dieses Mal auf mich. Der Krieg jeder gegen jeden funktioniert nicht mehr. Er ist aus. Die Utopie leuchtet warm und hell bei „In mir klingt ein Lied“. Der Chor singt die Menschen in ein menschwürdiges Dasein zurück. Der Abend endet mit den Worten, die mich bereits in der Oper getriggert haben: „und es wird der Tod zum Dichter, / wenn er sich mit Liebe eint.“

Ensemble © Adrienne Meister

In den gemeinsamen Chorpartien vor und hinter der Bühne beeindruckt mich die Präzision, die sich stimmlich zu einer wuchtigen Einheit formiert. Das kleine vierzehnköpfige Orchester ist bis auf zwei Geigen einzeln besetzt. Es entfaltet unter der Leitung von Daniel Johannes Mayr eine konzentrierte Energie, die mich keinen Moment unaufmerksam bleiben lässt.

Die Inszenierung nutzt eine Drehbühne mit darüber liegender Deckel-Decken-Projektion. Auf dieser erscheinen stimmungsvolle Darstellungen wie Regentropfenlachen oder zum Teil animierte klassische Gemälde. Und auch das, was Roboterhund GO durch seine Augen sieht. Auch er passt sich in die Handlung der Oper gut ein als „Quasi Alter Ego“ des Kaisers. Der Fokus liegt auf den Singend-Handelnden. Für mich funktioniert diese Inszenierung gut.

Eine beeindruckende Produktion einer Oper, die in die Zeit passt. Und! Ein utopisches Ende, das mich den Mut und die Hoffnung nicht verlieren lässt. Toll!

Frank Heublein, 28. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weitere verwendete Musik:

Chiung-Wen Hsu nach Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“

Alma Rosé: In mir klingt ein Lied, Musik: Frédéric Chopin Etüde E-Dur op. 10 Arrangement Chiung-Wen Hsu nach einem Arrangement von Joanna Szymala für das Frauen-Orchester in Auschwitz-Birkenau, erstellt im Zusammenarbeit mit Helena Dunicz-Niwińska und Anita Lasker, ehemalige Orchestermitglieder, Text Alma Rosé

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