CD/Blu-ray Besprechung:
Benjamin Britten
Young Person’s Guide to the Orchestra
Les Illuminations
Courtly Dances
Sinfonia da Requiem
Julie Roset, Sopran
Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo
Lawrence Foster, musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha1226
von Dirk Schauß
Es ist ein Kreuz mit den Jubiläen, doch im Falle von Benjamin Britten, dessen fünfzigster Todestag das Musikjahr 2026 prägt, darf man dem Kalender dankbar sein.
Er beschert eine Einspielung, die so gar nicht nach pflichtschuldiger Gedenkarbeit klingt. Lawrence Foster und das Philharmonische Orchester Monte-Carlo haben sich der Aufgabe angenommen, die vermeintlich kühle britische Sachlichkeit mit dem mediterranen Schmelz eines Ensembles zu kreuzen, das den vom Postromantizismus angehauchten Impressionismus Brittens verinnerlicht hat. Das Ergebnis ist eine klangliche Delikatesse, die bei Alpha Classics erschienen ist und die Vielseitigkeit des Komponisten in ein Licht rückt, das so klar und hell leuchtet wie die Sonne über dem Fürstentum.
Man merkt der Aufnahme in jedem Moment an, dass hier keine Routine am Werk ist, sondern echte Leidenschaft für die klangliche Architektur eines Mannes, der wie kaum ein anderer den Spagat zwischen pädagogischem Auftrag und existenzieller Not zu meistern verstand. Das Herzstück der CD bilden die Les Illuminations, jener Zyklus auf Texte von Arthur Rimbaud, der heute zumeist mit der hellen, leicht gepressten Tenorstimme von Peter Pears assoziiert wird. Doch Lawrence Foster erinnert daran, dass die Uraufführung 1940 einer Frau gehörte: der Schweizer Sopranistin Sophie Wyss. Mit der jungen französischen Sopranistin Julie Roset hat er eine Solistin gewonnen, die diesen Rückgriff auf die Originalgestalt zu einer echten Alternative macht.
Roset verfügt über ein Timbre, das die nötige Schärfe für die „Fanfare“ besitzt, ohne dabei die Wärme für die intimen Momente einzubüßen. Wenn sie das Leitmotiv „J’ai seule la clef de cette parade sauvage“ in den Raum stellt, glaubt man ihr sofort, dass sie diesen Schlüssel zur wilden Parade tatsächlich besitzt. Die rhythmische Präzision des Orchesters in „Villes“ evoziert die Hektik der Moderne, während in „Phrase“ die Streicher goldene Ketten von Stern zu Stern spannen – so zerbrechlich und doch präsent, dass man den Atem anhält. Roset und Foster gelingt es, die erotische Kälte von „Being Beauteous“ ebenso einzufangen wie die fast schon schmutzige Verzweiflung der „Parade“.
Einen bemerkenswerten Kontrast dazu bildet die Sinfonia da Requiem. Es ist eines jener Werke, bei denen die Entstehungsgeschichte fast so dramatisch ist wie die Musik selbst. Von der japanischen Regierung zum 2600. Jubiläum der Mikado-Dynastie bestellt, wurde es prompt abgelehnt – der christliche Gehalt war den Auftraggebern dann doch zu viel des Guten. Britten, der das Werk seinen verstorbenen Eltern widmete, goss hier seinen persönlichen Schmerz und die Erschütterung über die Kriege in Spanien und Europa in eine rein orchestrale Form.
Das Philharmonische Orchester Monte-Carlo spielt den ersten Satz, das „Lacrymosa“, mit monotoner Trostlosigkeit, die unter die Haut geht. Das Saxophon-Thema schneidet durch das Geflecht der Streicher wie eine schmerzhafte Erinnerung. Im „Dies Irae“ zeigen die Monegassen dann ihre Zähne: Ein virtuoser, dämonischer Totentanz fegt durch die Lautsprecher, bevor das abschließende „Requiem aeternam“ in versöhnlichem D-Dur die Seele wieder einfängt. Foster dirigiert diesen Übergang mit einer Ruhe, die den Hörer förmlich in ein tröstliches Wiegenlied hüllt.
Natürlich darf auf einer solchen Hommage der Young Person’s Guide to the Orchestra nicht fehlen. Was 1945 als Lehrstück für einen Kurzfilm begann, hat sich längst als Bravourstück für jedes Spitzenorchester etabliert.
Lawrence Foster verzichtet auf den oft störenden Sprecher und lässt die Musik für sich selbst sprechen. Das Thema von Purcell wird mit einer herrschaftlichen Pracht vorgestellt, die dem alten Meister zur Ehre gereicht hätte. In den folgenden Variationen darf jede Instrumentengruppe ihre Visitenkarte abgeben: die geschwätzigen Flöten, die melancholischen Oboen, das präzise Schlagwerk. Das abschließende Fugato ist ein orchestrales Feuerwerk, das die technische Brillanz des Ensembles aus Monte-Carlo eindrucksvoll unter Beweis stellt. Hier wird nicht nur erklärt, wie ein Orchester funktioniert – hier wird gefeiert, wozu es imstande ist.
Abgerundet wird das Programm durch die „Courtly Dances“ aus der Oper Gloriana. Es ist eine pikante Ironie der Musikgeschichte, dass dieses Werk zur Krönung von Elisabeth II. zunächst als bloßes Pasticcio missverstanden wurde. Britten integriert die Tänze der elisabethanischen Ära mit einer harmonischen Modernität, die in dieser Einspielung wunderbar zur Geltung kommt. Wenn der Hofstaat zum „Morris Dance“ antritt, schwingt in der Musik eine Subtilität mit, die Foster gekonnt herausarbeitet. Die Aufnahmetechnik ist vorzüglich und fängt die Farbenpracht des Orchesters so lebendig ein, dass jedem Kenner ein Lächeln auf die Lippen zaubert.
Julie Roset und Lawrence Foster haben Britten zum Fünfzigsten ein Geschenk gemacht, das vor allem eines ist: musikalische Kurzweil auf höchstem Niveau. Wer diese CD hört, begreift, dass Britten kein ferner Klassiker ist, sondern ein Komponist, dessen Emotionalität auch heute noch unmittelbar erreicht.
Dirk Schauß, 27. April, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Schubert, Symphonies Nr. 6 & 5, Paavo Järvi klassik-begeistert.de, 21. April 2026
CD-Besprechung: Paavo Järvi, Schubert Symphonies Nr. 7 & 4 klassik-begeistert.de, 17. Dezember 2025