Das wie für ein Kammertheater eingerichtete Bühnenbild, Omer Meir Wellber mit dem Ensemble (Foto: RW)
Mattia Olivieris klangschöner, viriler Bariton überstrahlte seine männlichen Kollegen und man fragte sich, warum nicht er sondern der jünglingshaft auftretende Graf Almaviva um Rosinas Gunst warb. Auch stimmlich hätten Figaro und Rosina (Bariton und Mezzosopran) besser zueinander gepasst.
Il Barbiere di Siviglia, Melodramma buffo in zwei Akten
von Gioachino Rossini
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Leitung: Omer Meir Wellber
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühne und Licht: Klaus Grünberg, Kostüme: Barbara Drosihn
Hamburgische Staatsoper, Premiere am 17. Mai 2026
von Dr. Ralf Wegner
Rossinis Barbier ist unverwüstlich, zumindest wenn das Orchester so packend und dynamisch abgestuft, mehr kammermusikalisch als auftrumpfend wie unter der Leitung von Omer Meir Wellber aufspielt. Das Bühnenbild bestand aus einer reduzierten, deutlich angehobenen Spielfläche, hinter der sich eine wohl knapp 7 m hohe und etwa 3 m breite Treppenhausfassade um sich selbst drehen ließ. Damit erschöpfte sich der bühnentechnische Aufwand bereits. So hätte man das Stück auch in der Hamburger Kammeroper ausstatten können.
In dem kleineren Raum wäre Jonah Hoskins Almaviva stimmlich auch besser zur Geltung gekommen. Sein Tenor erwies sich als koloratursicher, farbreich und bei im Forte lang gehaltenen Spitzentönen überraschend strahlend. Doch sonst fehlte es seiner Stimme nicht nur an Volumen, sondern auch an der für den großen Raum (wir saßen in der 22. Reihe) nötigen Strahlkraft. Mit einem kammermusikalisch zurückgenommenem Orchesterklang trug der Dirigent Wellber ihn aber wie auf Händen.
Mattia Olivieri (Figaro) hatte diese Rücksichtnahme nicht nötig. Sein klangschöner, viriler Bariton überstrahlte seine männlichen Kollegen und man fragte sich, warum nicht er sondern der jünglingshaft auftretende Graf Almaviva um Rosinas Gunst warb. Denn Standesunterschiede waren in dieser Inszenierung von Tatjana Gürbaca aufgehoben. Auch stimmlich hätten Figaro und Rosina (Bariton und Mezzosopran) besser zueinander gepasst. Zumindest am Ende war sich auch Rosina nicht mehr sicher, ob sie Almaviva noch folgen sollte, ihre Neigung galt allerdings nicht Figaro, vielmehr fühlte sie sich immer noch ihrem Vormund Dr. Bartolo verbunden.
Und noch ein Wort zu Gürbacas Inszenierungsidee: Sie lässt sich mit einem Satz beschreiben: Männer sind lächerliche Figuren (den Männerchor schickt sie anfangs mit verschämten Gehabe in Unterhosen auf die Bühne) … und Frauen lassen sich nicht mehr alles gefallen. Zum Glück beschränkte sich die Unterhosenkostümierung auf das Nebenpersonal und nicht auf die Protagonisten.

Rosina wurde von der aus Russland stammenden Mezzosopranistin Lilly Jørstad gesungen. Sie bewältigte die Partie stimmlich mit geläufiger Koloraturfähigkeit und der notwendigen Schallkraft, allerdings ohne dass mich ihr Mezzosopran wirklich berührte. Ich muss allerdings gestehen, dass ich als Rosina lieber einen koloraturgeübten Sopran höre wie zum Beispiel Hellen Kwon, die an diesem Hause 1994 und 1997 eine unvergleichliche Rosina gesungen hatte. Jetzt stand die Hamburger Kammersängerin als quickfidele Berta auf der Bühne. Es ist schon erstaunlich, mit welch beeindruckender Stimme sie immer noch den Raum füllt.
Der Bariton Johannes Martin Kränzle legte die Rolle des Doktor Bartolo mehr intellektuell nachsichtig, weniger verschlagen und damit auch sympathischer an als sein berühmter Vorgänger Renato Girolami, der mit dieser Paraderolle wohl weltweit über zwei Jahrzehnte den Beifall des Publikums einheimste. Ilia Kazakov überzeugte mit sonorem, schallkräftigen Bass als Don Basilio.

Das Premierenpublikum amüsierte sich ob der zahlreichen slapstickartigen Gags auf der Bühne – ältere Chorsänger in Unterhosen sind ja auch besonders lustig anzuschauen – und spendete allen Protagonisten langanhaltend herzlichen und jubelnden Beifall, der bereits Omer Meir Wellber und dem Orchester zu Beginn des zweiten Aktes gegolten hatte. Insoweit war diese Neuauflage von Rossinis Barbier von Sevilla wohl ein Publikumserfolg.
Dr. Ralf Wegner, 18. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gioachino Rossini (1792 – 1868), Il barbiere di Siviglia Theater Bonn, Opernhaus, 10. Mai 2026
Carl Maria von Weber, Der Freischütz Hamburgische Staatsoper, 23. April 2026
Lohengrin, romantische Oper von Richard Wagner Die Hamburgische Staatsoper, 28. März 2026