Selten habe ich den Max so schön gesungen gehört...

Carl Maria von Weber Der Freischütz  Hamburgische Staatsoper, 23. April 2026

William Desbiens (Kilian), Andrew Hamilton (Ottokar), Jane Archibald (Agathe), Dovlet Nurgeldiyev (Max), Alexander Roslavets (Caspar), Narea Son (Ännchen), Clemens Sienknecht (Samiel), Hubert Kowalczyk (Ein Eremit), Chao Deng (Cuno) (Foto: RW)

wie in dieser Freischütz-Serie

Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg hat sich eingespielt, sie ist im besten Sinne konservativ, ohne zeitgebunden zu wirken. Nicht zu vergessen ist die Sprechrolle des Samiel. Der schlanke biegsame Schauspieler Clemens Sienknecht  beherrscht  mit seiner Präsenz und Aura nahezu während der gesamten Aufführung die Bühne, und ohne dabei die Rolle zu überzeichnen oder zu dramatisieren.

Der Freischütz, romantische Oper in drei Aufzügen
Komposition: Carl Maria von Weber

Inszenierung: Andreas Kriegenburg

Bühne: Harald B. Thor
Kostüme: Andrea Schraad

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Musikalische Leitung: Yoel Gamzou

Hamburgische Staatsoper, 23. April 2026

von Dr. Ralf Wegner

Webers Freischütz bietet eine Fülle eingängiger Melodien zwischen einfachem Liedhaften und großer Arie. Was bei der Hamburger Premiere im Jahre 2024 noch fehlte, ein gesanglich überzeugender Max und ein Geistlicher, dessen Stimme nicht im Orchester untergeht, wurde aktuell mit Dovlet Nurgeldiyev als Max und Hubert Kowalczyk als Eremit auf das Schönste eingelöst.

Wenngleich bei Nurgeldiyev mehr die weiche Lyrik als der dramatische Ausdruck im Vordergrund seiner Sangeskunst steht, fesselt er doch über die Dauer der gesamten Oper mit ausgesprochen stimmlichem Wohlklang, schöner Phrasierung und einfühlsamen Legato. Die Dramatik kommt bei ihm eher bei den im Freischütz gesprochenen Passagen mit einer verhaltenen Erregung, fast schon subtil aggressiven Neigung zur Geltung. Allein dieser Max lohnt den Besuch der Vorstellung.

Dass die kanadische Sopranistin Jane Archibald als Agathe gut sein würde, war zu erwarten. Denn wann hat auf der Opernbühne jemals eine schlechte Agathe gestanden, von Ausnahmen abgesehen. Mit ihrem goldig grundierten Farbklang gestaltete sie vor allem die Kavatine im dritten Aufzug Und ob die Wolke sie verhülle mit beseeltem Gesang und unter die Haut gehenden, lang gehaltenen Piani.

Die große Arie im zweiten Aufzug Wie nahte mit der Schlummer wollte ihr noch nicht ganz gelingen. Die Stimme klang anfangs noch wie verhangen. Zumindest geriet der Aufschwung und die nach unten abfallende Kaskade bei Welch schö – – – ne Nacht weniger glanzvoll und das Herz öffnend als erhofft. Aber bei dieser Stelle habe ich immer noch Gundula Janowitz im Ohr, wenngleich das mittlerweile auch schon fast 6 Jahrzehnte her ist.

Yoel Gamzou (musikalische Leitung) mit Dovlet Nurgeldiyev, Jane Archibald, Alexander Roslavets und Narea Son (Foto: RW)

Bis auf die Rolle der Agathe waren alle Partien mit Ensemblemitgliedern besetzt. Das spricht für den permanenten Ensembleaufbau im Hause an der Dammtorstraße. So gehören die Gesangsleistungen von Alexander Roslavets als Caspar und auch Hubert Kowalczyks Eremit zwar nicht mehr zu den Neuentdeckungen, aber zu den stimmlich sicheren Banken, auf denen eine gute Aufführung ruhen kann. Dazu ist auch der Chor zu zählen.

Den musikalischen Erfolg dieser Freischützserie sicherte auch das Dirigat von Yoel Gamzou. Er trug die Sänger wie auf Händen und überzeugte, vor allem auch bei der Ouvertüre, mit beeindruckendem Pianoklang im Orchester. Das Aufbrausende, Vorwärtsdrängende der Weberschen Komposition kam aber auch zum Tragen.

Narea Son sang ein quirliges, stimmstarkes Ännchen mit ein wenig zu viel Vibrato, vielleicht ist ihre Stimme auch einfach schon zu groß für diese Partie. Chao Deng überzeugte als braver Forstmeister Kuno, Andrew Hamilton und William Desbiens ergänzten das insgesamt ausgewogene Ensemble als Fürst Ottokar und dem später Ännchen zugedachten Bauernburschen Kilian.

Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg hat sich eingespielt, sie ist im besten Sinne konservativ, ohne zeitgebunden zu wirken. Nicht zu vergessen ist die Sprechrolle des Samiel. Der schlanke biegsame Schauspieler Clemens Sienknecht  beherrscht  mit seiner Präsenz und Aura nahezu während der gesamten Aufführung die Bühne, und ohne dabei die Rolle zu überzeichnen oder zu dramatisieren.

Das Publikum spendete am Ende freundlichen Beifall, einzelne Jubelrufe gab es für Dovlet Nurgeldiyev. Erfreulich viele junge Leute besuchten diese Vorstellung. Es handelte sich um Schulklassen aus der weiteren Umgebung.

Viele der älteren Herrschaften hätten sich an dem Auftreten dieser, dem Anlass angemessen gekleideten Jugendlichen ein Beispiel nehmen können.

Bei den Älteren (> 65) im Zuschauerraum und im Foyer hat sich mittlerweile eine Kleiderordnung durchgesetzt, die nach Karl Lagerfeld die Kontrolle über das eigene Leben vermissen lässt.

Jogginghosen mit drei Streifen am Rand gehen durch ebenso wie hängende Jeans ohne Sakko oder bequemlich-entspannt wirkende Pullover, so als ob zwischen Campingplatz und Opernhaus kein Unterschied mehr bestünde.

Es heißt, mit Bekleidungsvorschriften würde man die jungen Leute aus dem Hause treiben. Der gestrige Abend zeigte, dass das Gegenteil der Fall ist.

Dr. Ralf Wegner,  24. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weitere Aufführungen dieser überaus hörens- und sehenswerten Freischützserie folgen am 26. und 28. April sowie am 3. Mai.

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent, Teil I klassik-begeistert.de, 5. April 2026

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent,Teil II Hamburgische Staatsoper, 6. April 2026

Frauenliebe und -sterben, Tobias Kratzer Regie Hamburgische Staatsoper, 12. April 2026 PREMIERE

Kommentar: Opernspielplan Saison 2026/27 Hamburgische Staatsoper, 7. April 2026

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