Maestro Yoel Gamzou dirigiert wie Alfred Hitchcock, Teil II

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent,Teil II  Hamburgische Staatsoper, 6. April 2026

Boris Kudlicka & Yoel Gamzou © Karpati&Zarewicz

Yoel Gamzou, der designierte Musikdirektor der Polnischen Nationaloper in Warschau, kehrt mit Carl Maria von Webers Freischütz an die Hamburgische Staatsoper zurück. Angelegentlich haben wir dazu gesprochen, warum der Maestro in einem toten Haus lebt, wie Hitchcock dirigiert und dass Giacomo Puccini für ihn der Erfinder der Filmmusik ist. Außerdem wollte ich wissen, wie Gamzou mit vernichtender Kritik umgeht. Und vieles mehr …

Jörn Schmidt im Gespräch mit Yoel Gamzou (Teil II)

klassik-begeistert: Sie leben in einem toten Haus, habe ich mal getitelt. Weil …

[Anm. Jörn Schmidt: Die tote Stadt, op. 12, ist eine Oper von Erich Wolfgang Korngold]

Yoel Gamzou:  … ich in dem Wiener Haus wohne, in dem auch Korngold gelebt hat.

klassik-begeistert:  Erinnert in der Wohnung noch etwas an Erich Wolfgang Korngold, spürt man gar seine Aura? So wie ich meine, dass Karajans Geist noch durch die Berliner Philharmonie geistert?

Yoel Gamzou:  Ja, absolut. So wie ich mir in Wien vorstelle, wie Schubert mit seiner ewigen Zettelsammlung unterm Arm durch Wien gerannt ist, so spüre ich, wie Korngold zwei Etagen unter mir Die tote Stadt komponiert hat…

klassik-begeistert:  Sind Sie gerade wegen Korngold dort eingezogen?

Yoel Gamzou:  Absolut. Als ich das erste Mal in Wien war, bin ich erstmal zu Mahlers Grab gegangen, dann zu Korngolds Wohnung. Als in eben diesem Haus eine Wohnung frei wurde, war mir klar, dass ich da einziehen muss. Noch verrückter war dann der Zufall, dass ich mit Die tote Stadt mein Debüt an der Wiener Staatsoper gegeben habe. Als Einspringer mit 10 Stunden Vorlauf.

klassik-begeistert: Korngold revolutionierte für Warner Bros. die Filmmusik mit seinem opernhaften, leitmotivischen Stil. Er erhielt gar 2 Oscars, was normalerweise der Karriere förderlich ist. Für einen Komponisten europäischer Kunstmusik dagegen war das eine Katastrophe?

Yoel Gamzou: Es gibt keine guten und schlechten Genres, sondern nur gute und schlechte Musik. Und Korngold hat immer gute Musik komponiert. Immer!

Boris Kudlicka & Yoel Gamzou © Karpati&Zarewicz

klassik-begeistert: Hat sich Korngold aus wirtschaftlichen Zwängen heraus Hollywood angedient?

Yoel Gamzou: Um zu überleben. Korngold war Jude, musste aus Österreich flüchten. Er wollte auch keine Kunstmusik mehr schreiben, so lange die Faschisten in Europa herrschten … Gleichzeitig hat er sich in seine Hollywood-Verträge schreiben lassen, dass er seine Filmmusik-Scores später in ernsthafte Musik verwandeln darf. Ein kluger Move.

klassik-begeistert: Warum misslang seinerzeit die Rückkehr zur klassischen Musik?

Yoel Gamzou: Die misslang keineswegs. Allein, nach dem Krieg wollte man alles ablehnen, was vor dem Krieg war … Für die Avantgarde galt Korngold als reaktionär – obwohl seine Musik unverändert großartig war. Heute ist diese herablassende Sichtweise auf Korngolds Werk als provinziell entlarvt, würde ich meinen. Es ist inzwischen völlig egal, ob ein Werk in 1900 oder 1950 komponiert worden ist. Wichtig ist, ob das Werk gut ist – und das entscheidet immer die Geschichte. Manchmal muss man der Geschichte auch helfen, es gibt es immer wieder sehr spannende Ausgrabungen.  Aber letztendlich spielen wir heute noch Shakespeare und Beethoven aus guten Gründen … diese Genies sind zeitlos – so wie Korngold!

klassik-begeistert: Wer hat die Filmmusik erfunden – also Gefühlen musikalische Themen zugeordnet: Erich Wolfgang Korngold, Gustav Mahler oder Carl Maria von Weber? Weber hat ja die Leitmotive erfunden …

Yoel Gamzou:  Giacomo Puccini – er hat Handlungen wirklich bebildert mit seiner Musik … Weber war natürlich ein Bruch in dem Sinne, dass Mozart die Gefühle noch sublimiert hat. Weber dagegen hat die Musik mit der Handlung verwoben. Dennoch ist Der Freischütz für mich keine Filmmusik, sondern wie ein Film: Ein Hitchcock-Thriller!

klassik-begeistert: Was ist der eigentliche Unterschied zwischen Oper und Film?

Yoel Gamzou: Die Oper entsteht in der Aufführung, der Film ist vorgefertigt. Der Regisseur hat das Ergebnis in der Hand, der Komponist dagegen ist abhängig von den Künstlern, die sich abends zusammenfinden … Deswegen kann auch eine schwache Oper, oder eine Oper mit eher bescheidenem Libretto, dennoch begeistern – wenn die Künstler besonders toll sind. Aber öfters ist es eigentlich umgekehrt, große Werke werden mittelmäßig aufgeführt – und werden anhand dessen beurteilt, was am Abend stattfindet. Ein Kinofilm dagegen ist immer gleich.

klassik-begeistert: Gehen Sie gerne ins Kino, welches ist Ihr Lieblings-Film?

Yoel Gamzou © Christian Debus

Yoel Gamzou: Ich gehe sehr gern ins Kino. Aber nur ein Film?

klassik-begeistert: OK, Sie dürfen mehrere nennen. Drei Filme vielleicht …

Yoel Gamzou: Match Point von Woody Allen – ein absoluter Topfilm. Dann aus 2008 Nothing Personal von Urszula Antoniak – ein großer Box-Office Misserfolg, aber ich liebe den Film sehr. Aus Schweden Wie im Himmel von Kay Pollak – es ist vielleicht ein bisschen Kitsch, aber der Film hat mich sehr   geprägt … Ganz aktuell: Hamnet von Chloé Zhao, der interessanterweise sehr polarisiert. Das Beste daran, der Film bietet keine Antworten, sondern stellt viele Fragen … betreffend die grundsätzliche Ambivalenz, mit der alle Künstler kämpfen: Lässt sich Kreativität auf höchstem Niveau mit einem bürgerlichen Leben kombinieren? Der Film urteilt eben nicht, sondern lässt den Zuschauer nachdenken …

klassik-begeistert:  Wenn Sie den Freischütz dirigieren, haben Konformismus und Enge keine Chance. Sie hätten den Freischütz-Groove, setzten auf eine fast schon intuitive Rhythmik – habe ich das in Folge 33 meiner Kolumne zu erklären versucht. Aber so einfach ist das sicher nicht…?

 Yoel Gamzou:  Manchmal wird Weber wie schlechter Lortzing dirigiert, da stimme ich Ihnen 100% zu … Was ich anders mache? Ich versuche nie Dinge anders zu machen, um anders zu sein. Ich frage mich schlicht und einfach, was die Partitur von mir braucht, was das Stück erreichen möchte und wie ich das umzusetzen kann. Für mich ist Der Freischütz wie gesagt Hitchcock pur, ein Horrorfilm mit ungemein düsterer Grundspannung. Wie leiden Menschen unter großer Not?  Entlang dieser Frage dirigiere ich die Oper, getrieben und spooky soll es klingen. Und in dem Sinne ist das Werk bedrückend, weniger aufgrund der Spießigkeit … Sie mögen das Ergebnis, das ich erreiche – andere nicht …

Yoel Gamzou © Karpati Zarewicz

klassik-begeistert:  Apropos, Ihr Fidelio in München kam nicht überall gut an. Zwei Rezensionen der Münchner Kollegen gerieten irgendwie ziemlich böse. Wie gehen Sie mit derlei Verrissen um?

Yoel Gamzou: Es ist ja absolut fein, seinen Verdruss über mein Dirigat zu Papier zu bringen. Diversität der Meinungen ist wichtig und es ist für mich spannender, mit Leuten zu sprechen, die mir nicht zustimmen … Aber manche Kritik wirkt auf mich verbiestert, als ob man den Leuten ihren Beethoven weggenommen hätte. Da frage ich mich, warum nimmt man mein Dirigat fast schon persönlich und reagiert mit gerüttelt Maß an Wut? Letztendlich ist das doch der Sinn von Kunst – eine Auseinandersetzung, eine nie endende Suche nach Sinn und Ausdruck. Eines gefällt, anderes nicht.

klassik-begeistert: Ein Journalist sollte nie Fan mit Notizblock sein, heißt es …

Yoel Gamzou:   Ja, aber gerade in der Oper, da schreiben viele Kritiker tatsächlich eher wie Fans. Haben eine solch starke Meinung, wie ein Werk aufzuführen ist, dass man das Gefühl hat: Alles, was davon abweicht, sei für den Rezensenten „falsch“. Für mich gibt es in der Kunst kein richtig und falsch – ich lerne viel von Kollegen, deren Geschmack ich 0% teile. Wir sind alle Suchende, und solange die Menschen integer sind in ihrer Suche – wieso man sich da so empören kann, das wird wohl für den Rest meiner Karriere ein Rätsel bleiben …

Boris Kudlicka & Yoel Gamzou © Karpati&Zarewicz

klassik-begeistert: Vorhin klang an, dass Sie auch Komponist sind. Woran arbeiten Sie gerade?

Yoel Gamzou: An einer Oper. Librettist ist Giles Milton, ein britischer Schriftsteller und Historiker. Wir verwenden ein biblisches Thema aus dem Alten Testament, das Buch Esther.  Wie die Jüdin Esther Königin von Persien wird und ihr Volk durch Mut und Klugheit rettet.

klassik-begeistert: Schubladen wie tonal oder atonal mögen Sie nicht. Gleichwohl, in welche Schublade wird man Ihre Oper stecken?

Yoel Gamzou:  Jedenfalls nicht in die deutsche Musik-Avantgarde, hoffe ich. Denn die komponiert am Menschen vorbei, während ich versuche, mit meiner Musik Menschen zu berühren. Lassen Sie sich im Übrigen bitte überraschen. Nur so viel: Dass Mahler mich beeinflusst hat und ich gerne ins Kino gehe, dazu haben wir bereits gesprochen … ich glaube auch, dass Eklektizismus kein Schimpfwort ist, sondern die Identität unserer Zeit.

klassik-begeistert: Aber doch bitte kein Pastiche?

Yoel Gamzou: Nein! Und selbst wenn?

klassik-begeistert: Sie hören jede Art von Musik, habe ich gelesen. Könnte man den Freischütz, zumindest Atmosphäre und Plot, auf einen kurzen Schlager komprimieren?

Yoel Gamzou:  Nein. Aber vielleicht auf ein Album … aber auch das nicht wirklich, weil jede Epoche ihr eigens Vokabular hat, Geschichten zu erzählen.  Ich halte es mit Hans Keller – hätte Franz Schubert in der 60er Jahren gelebt, hätte er Pop-Songs wie Paul McCartney geschrieben. Die Expertise war auf ähnlich hohem Niveau, nur die Mittel waren andere.

klassik-begeistert:  Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jörn Schmidt, 6. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Yoel Gamzou, Dirigent, Teil I klassik-begeistert.de, 5. April 2026

Auf den Punkt 33:  Webers Freischütz Staatsoper Hamburg, 23. November 2024

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