Foto: HSO Il barbiere di Siviglia Mattia Olivieri Lilly Jorstad (c) Tanja Dorendorf
Pippi Langstrumpf wohnt in der Villa Kunterbunt. Was hat diese Information hier zu suchen, fragen Sie? Nun, in Pippis quietschbuntem Haus ist Kindern alles erlaubt, was man dem Nachwuchs sonst gerne abspricht. So wollte es Astrid Lindgren. Im Titelsong der Verfilmung ihrer Romanvorlage gipfelt dieser Lifestyle in dem berühmten Refrain: „Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt!“ Jedenfalls im deutschen Text. Die SPD-Politikerin Andrea Nahles hat das Mal im Bundestag gesungen oder, wie der SPIEGEL damals schrieb, geträllert.
Gioachino Rossini / Il barbiere di Siviglia
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Omer Meir Wellber / Dirigent
Tatjana Gürbaca / Inszenierung
Hamburgische Staatsoper, 17. Mai 2026 +++ PREMIERE +++
Von Jörn Schmidt
Wie Frau Nahles der Vortrag gelang? Sehen Sie sich das – wenn es wirklich sein muss – bitte selber auf YouTube an. Hier nur so viel: An das durchweg hohe künstlerische Niveau der heutigen Premiere von Gioachino Rossinis Il barbiere di Siviglia reichte Frau Nahles nicht heran.
Von einem Zwei-Klassen-Niveau zu sprechen, das wäre noch höflich. Weiter möchte ich hier indes nicht gehen, im Lichte von § 188 StGB (Strafgesetzbuch). Das ist eine Vorschrift, die Personen des politischen Lebens vor gegen sie gerichtete Beleidigungen, übler Nachrede und Verleumdung schützen soll.
Es ist aber auch schwer, gegen Omer Meir Wellber anzustinken. Dem Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper gelingt es, Rossinis kompositorischer Genialität neue Facetten abzugewinnen. Die rasante Abfolge von Arien, Ensembles und Ausschreitungen auf der Bühne zu koordinieren, das kann jeder…

…aber wie Maestro Wellber der Spritzigkeit der Partitur fast schon wagner`sche Klangfarben und menschliche Wärme hinzusetzt. Das habe ich so noch nicht gehört. Als ob er an jedem Wörtchen kleben würde, das auf der Bühne gesungen wird – um dem gesungen Text orchestral eine weitere Bedeutung hinzuzufügen.
Wellber wäre nicht Wellber, hätte er nicht auch die Rezitative vom Tasteninstrument aus begleitet – und dabei musikalische Zitate eingepflegt. Bereits vor der Ouvertüre gab´s eine Einlage zum anderen Barbier, dem Mozart-Figaro. In den Secco-Rezitativen dann auch mal blue notes …
Auf der Bühne war Star des Abends der italienische Bariton Mattia Olivieri als Figaro. Aber wie schon bei Andrea Nahles möchte ich seine glanzvolle Leistung nicht näher einordnen. Nicht aus Angst vor Repressalien, im Gegenteil. Sondern weil wir kurz vor der Premiere ein fantastisches Interview geführt haben.

Und ich mir auferlegt habe, unmittelbar vor oder nach Interviews nicht über die künstlerischen Leistungen meiner Gesprächspartner zu schreiben. Weil das immer die Gefahr in sich birgt, dass die eigene Schreibe ungewollt anbiedernd oder unverschämt rüberkommt. Das Interview dürfte übrigens zeitnah bei klassik-begeistert veröffentlicht werden. Es lohnt sich also, öfter mal hier vorbeizuschauen.
Über die anderen Sänger nur kurze Worte, das verlangt der Gleichbehandlungsgrundsatz nach dem AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz)?… Der amerikanische Tenor Jonah Hoskins meistert Rossinis Koloraturen als Conte Almaviva ohne Fehl und Tadel. Aber den jung-ungestümen Edelmann, den kaufe ich ihm nicht ab.

Die norwegische Mezzosopranistin Lilly Jørstad (Rosina) lohnt einen weiteren Besuch. Ich würde meinen, Unzulänglichkeiten, die beim Schlussapplaus zu Unmutsbekundungen führten, lagen nicht am künstlerischen Rüstzeug, sondern am Premierenfieber. Zum Glück erreichte Ilia Kazakov (Don Basilio) Normalform.
Bariton Johannes Martin Kränzle war überhaupt nicht anzumerken, dass er vor gar nicht langer Zeit eine schwere Erkrankung samt heftiger Therapie zu meistern hatte, so souverän gelang sein Don Bartolo. Eitelkeit, Geiz, Spießigkeit und Pedanterie – all diesen Charakterzügen verlieh er stimmgewaltig Ausdruck.
Jetzt aber zu Pippi Langstrumpf. Astrid Lindgren hat mit ihrem Buch der Welt gezeigt, was sie von gesellschaftlichen Normen, Konsum usf. hält: Gar nicht so viel, Pippi ist ein sympathisch-subversives Element. Frei von bürgerlichen Zwängen. Vom bürgerlichen Leistungsprinzip hält sie genau so wenig wie vom Streben nach Reichtum und Statussymbolen. Polizei und Schule kommen bei ihr auch nicht gut weg, meine ich zu erinnern.
Die Vorlage zu Rossinis Oper bzw. zu Cesare Sterbinis Libretto hat Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais mit der Komödie Le Barbier de Séville ou La précaution inutile geliefert. Das Werk ist brillant, ein gesellschaftspolitischer Klassiker. Und auch wenn es damals die Begriffe Kapitalismus, Konsumkritik und Kommunismus (usf.) so noch nicht gab: Die Beaumarchais-Vorlage geht wie Pippi Lagstrumpf locker als subversive Kapitalismus-Kritik durch. Und wurde vermutlich schon Dutzende Male so inszeniert.

Auch Tatjana Gürbaca arbeitet sich am Kapitalismus ab, Bargeld zirkuliert im Grunde ununterbrochen und treibt damit die Handlung vordergründig voran. Nur die Reaktionen der Charaktere darauf sind unterschiedlich. Figaro zum Beispiel, dem schien es gar nicht so sehr ums Geld zu gehen.
Im Übrigen übertreibt es die Regisseurin nicht mit politischen Dogmen, sondern legt weitere höchst menschliche Antriebsfedern der handelnden Personen frei: Wie wir mit dem Verlust der Jugend und anderen Imponderabilien des Lebens umgehen, ein Leben lang um Anerkennung kämpfen, Enttäuschungen verarbeiten. Und natürlich dreht sich alles um Liebe und Freundschaft. Usf. Auch wenn viel Optik nicht meiner ästhetischen Prägung entsprach – eine wundervoll durchdachte Lesart war das. Wie gut, dass man sich in der Villa Kunterbunt die Welt so inszenieren kann, wie sie einem gefällt – selbst wenn auf der Bühne monochrome Farbgebung vorherrscht.
Jörn Schmidt, 18. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Il Barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini Hamburgische Staatsoper, Premiere, 17. Mai 2026
Auf den Punkt 91: Mach Dein Ding, Anja Hamburgische Staatsoper, 9. Mai 2026
Auf den Punkt 88: Frauenliebe und -sterben, Tobias Kratzer Hamburgische Staatsoper, 17. April 2026